Roadburn Festival: Vier Tage im April

Alljährlich im Frühling findet sich im niederländischen Tilburg die Metal-Community zu einem beinahe schon legendären Event zusammen: Das Roadburn-Festival bietet kathartische Momente – aber längst nicht mehr allein für Kuttenträger*innen.

Auftakt nach Maß: Die Experimentalrock-Band „Big Brave“ aus Montreal spielte eines der ersten Konzerte des diesjährigen Roadburn-Festivals. (Foto: Big Brave @ Roadburn 2022 Paul Verhagen Photography)

In seinen Schriften über die Tragödie betont Aristoteles deren reinigende Wirkung auf das Publikum. Eine solche „Katharsis“ werde von „Jammer und Schaudern“ und anderen Emotionen begleitet, die man während des Stücks empfinde. Psychologisch ist damit das Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen, speziell von Aggressionen gemeint, um den aus ihnen resultierenden seelischen Schmerz zu reduzieren. All das beschreibt vielleicht auch ein wenig, was die Musiker*innen und Fans „dunklerer“ Musikrichtungen verbindet, Leute also, wie man sie alljährlich auf dem Roadburn Festival im niederländischen Tilburg antreffen kann: Sie allesamt streben wohl nicht zuletzt danach, einen musikalischen Ausdruck für individuell erfahrene Verletzungen und den Wahnsinn des gesellschaftlichen Alltags zu finden.

In den vergangenen beiden Jahren war es allerdings mit derlei kathartischen Erfahrungen nicht weit her. Die Coronapandemie hatte Live-Konzerte nahezu unmöglich gemacht – insbesondere, was die Planung und Durchführung größerer Events betraf. So mussten die oben genannten Fans ziemlich lang auf ihre „Reinigung“ warten. Voriges Wochenende war es endlich wieder so weit. Tausende pilgerten in die Industrie- und Universitätsstadt im Süden der Niederlande, um an „Europas führendem Underground-Festival für Heavy-Musik aller Art“ teilzunehmen, wie es die Veranstalter definieren.

Ursprünglich auf Doom- und Extreme-Metal spezialisiert, hat sich das musikalische Spektrum des Festivals inzwischen erheblich erweitert. „Redefining heaviness“ ist das Motto. Was „heavy music“ sein soll, ist längst nicht mehr an enge, meist ohnehin eher journalistisch definierte Genregrenzen gebunden. Man orientiert sich stattdessen primär an der ästhetischen Form, die auch das vermeintlich Hässliche, Abgründige, Schmerzhafte, Verschrobene, Kaputte und Wütende zum Ausdruck zu bringen vermag. Und so reicht die stilistische Vielfalt weit in Bereiche wie Noise, Electro und Experimentalmusik sowie das ebenfalls sehr fluide ‚Genre‘ der Solokünstler beziehungsweise „Singer/Songwriter“ hinein.

Grindcore vom Feinsten: die Band Cloud Rat auf dem Roadburn Festival. (Foto: Paul Verhagen)

Was Heaviness bedeutet

Insgesamt sieben Bühnen wurden dieses Jahr auf dem Festival bespielt, die sich alle unmittelbar im Stadtzentrum befinden; zwei davon im Konzertgebäude „013 Poppodium“, vier weitere auf dem ehemaligen Eisenbahngelände „Koepelhal“. Mit dem „Paradox“ gab es erstmals auch ein eigenes Venue für Jazz und Avantgarde.

Den Veranstalter*innen geht es nicht darum, eine möglichst große Anzahl angesagter Bands über die verschiedenen Bühnen zu jagen. Stattdessen werden Bands und Musiker*innen eigens für das Festival mit Kompositionen beauftragt oder für gemeinsame Auftritte zusammengebracht, werden eingeladen, einen Teil des Festivalprogramms zu kuratieren oder als „artists in residence“ gleich für mehrere Auftritte gebucht. Zudem gibt es Überraschungskonzerte meist etwas bekannterer Bands, die offiziell gar nicht angekündigt waren.

Eines der diesjährigen „commissioned projects“ wurde bereits für 2020 bei der Cellistin Jo Quail in Auftrag gegeben. Mit zwei Jahren corona-bedingter Verspätung kam die Komposition „The Cartographer“ nun endlich zur Uraufführung und stellte für viele einen – vielleicht sogar „den“ – Höhepunkt des Festivals dar. Quail hat sich dafür unter anderem mit dem Rotterdamer „New Trombone Collective“ zusammengetan, das die Bläsersektion des für den Auftritt gebildeten Ensembles stellte. Darüber hinaus unterstützt von der Violinistin Danielle Van Berkom, Floris Verbeij am Klavier sowie je zwei Perkussionisten und Vokalist*innen, präsentierte Quail ein Werk, das die Verbindung von Neuer Musik und Metal vor allem durch das Ausloten der Heaviness zeitgenössischer ‚klassischer‘ Musik zu erzielen versuchte. Die fünf Sätze des Stücks waren von einer dissonanten Spannung durchzogen, die nur gegen Ende ein wenig in Kitsch abzugleiten drohten.

Eines der Highlights des Festivals: Die Cellistin Jo Quail mit Ensemble bei der Premiere von „The Cartographer“. (Foto: Danièle Weber)

Nicht immer klappt eine solche Kooperation so gut. Das zeigt sich bei „Gggolddd“, die sich für ihren Auftritt ein Streicherensemble auf die Bühne geholt haben. Dessen Beitrag wirkt eher schmückend-ornamental als dass er sich nachvollziehbar aus der Komposition ergibt. Die niederländische Band besteht im Kern aus den Musiker*innen Thomas Sciarone und Milena Eva. Als diesjährige Kurator*innen haben die beiden so unterschiedliche Gruppen wie die französischen Metaller „Sordide“, das kenianische Electro-/Grindcore-Duo „Duma“ und die australischen Doomer „Divide and Dissolve“ und noch weitere mehr auf das Festival geholt.

Tiefen Eindruck hinterlässt aber auch der Auftritt von „Gggolddd“ selbst, trotz der etwas deplatziert wirkenden Streicher. Die Gruppe präsentiert ihr Album „This Shame Should Not Be Mine“. Bedrohliche, zerbrechliche, auch wütende Lieder, in denen Sängerin Milena Eva die Vergewaltigung thematisiert, die sie erleiden musste, als sie 19 Jahre alt war. Lange Zeit habe sie dieses Erlebnis zu verdrängen versucht, deutet sie auf der Bühne an; der Corona-Lockdown habe dies jedoch unmöglich gemacht. So habe sie sich musikalisch mit ihrem Trauma auseinandergesetzt, woraus das Album entstanden sei. „Nicht das Opfer, sondern der Täter sollte die Scham fühlen“, betont die Sängerin die Bedeutung des Albumtitels.

Kein Gang zum Bier

Mit Emma Ruth Rundle präsentiert sich eine Musikerin, der das Roadburn Festival sich laut eigenen Worten neu zu erfinden half. Einst unter anderem Mitglied der fast schon legendären Gruppe „Red Sparowes“, hätten ihr die Veranstalter*innen in Tilburg das Gefühl gegeben, sich als Musikerin keinerlei Restriktionen auferlegen zu müssen, sich allein an ihrer Kunst orientieren zu können, statt irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen. Ihren Gesang abwechselnd auf dem Klavier und der Akustikgitarre begleitend, trägt sie ihr atmosphärisch dichtes neues Album „Engine of Hell“ komplett vor.

Wie die US-amerikanische Solokünstlerin betonen auch viele andere Musiker*innen immer wieder das respektvolle Verhalten des Roadburn-Publikums, das außergewöhnlich und bereichernd sei. Und tatsächlich ist es bei Konzerten, die dies konzeptuell nahelegen, so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Und wehe, es klingelt irgendwo ein Mobiltelefon! Auch der Gang zum Tresen fällt erstmal aus. Die Musik ist jetzt wichtiger als Bier.

„Happy music is shit“: The Devil’s Trade aus Ungarn. (Foto: Niels Vinck)

Schon eine halbe Stunde später sieht man dann womöglich die gerade noch andächtig Lauschenden beim heftigen Kontrastprogramm. So etwa bei den jüngst formierten holländischen Black’n’Rollern „Ordigort“, die auf dem Festival erst zum zweiten Mal überhaupt ihren ballernden, punkigen Black Metal live vor Publikum präsentierten – getreu dem Bandmotto: „Scheiß drauf, wir hassen die Welt, lasst uns Lärm machen“. Fäuste in die Luft, Moshpit, ein voller Bierbecher tritt rotierend die Reise in Richtung Bühne an. Doch auch hier überwiegen Umsicht und Respekt.

Ein großes Problem jedoch hat das Roadburn mit vielen anderen Festival gemein: zu viel findet gleichzeitig statt. Wer etwa „Ordigort“ sehen will, hat zumindest die Hälfte des Konzerts des indonesischen Duos „Senyawa“ verpasst, die zeitgenössische Industrial-basierte Experimentalmusik mit javanesischen Einflüssen und Kehlkopfgesang verbinden. Im klanglichen Zentrum steht ein selbstgebasteltes Instrument, das man augenscheinlich als Bambusversion eines Hackbretts bezeichnen kann.

Dass es noch viel wilder wie bei „Ordigort“ geht, können mühelos „Duma“ beweisen, zwei Musiker aus dem kenianischen Nairobi. Es ist schwer, den hochgepitchten Mix aus Industrial, Trap-Beats, Electro und Grindcore zu beschreiben, der sich aus stark verzerrten Vocals, ultrakomprimiertem Gitarrensound, zahllosen Samples, elektronischen Loops und Distortions zusammensetzt. Die musikalische Haltung aber ist eindeutig, und Punk, Metal und Grindcore standen dabei Pate.

Die Essenz des Heavy Metal: Die kenianische Band Duma. (Foto: Paul Verhagen)

Wie ein Wahnsinniger fetzt Martin Khanja alias Lord Spikeheart über die Bühne, während sein Partner Sam Karagu mit einer giftgrünen Skihaube vermummt die Kontrolle über Gitarre und Mischpult übernimmt. Man wolle „ein neues Zeitalter von genre-zerstörenden und die Seele hebenden Klangformen einläuten“, sagt das Duo über seinen Sound und nimmt damit den Mund nicht zu voll.

Zerlegen Trommelfelle und Gendernormen: Die Experimental-Doom-Band Vile Creature. (Foto: Niels Vinck)

Viel gäbe es noch zu berichten, über die Grindcoreband „Cloud Rat“ mit ihrer grandiosen Sängern, das Sludge/Doom-Duo „Vile Creature“, den unangekündigten wuchtigen Auftritt der Sludge-Band „Thou“ und jenen der Black Metal-Band „Mizmor“, die zuvor in aller Heimlichkeit zusammen ein Album aufgenommen hatten und dieses nun ebenfalls gemeinsam präsentierten, oder über den ungarischen Solokünstler von „The Devil’s Trade“, der mit Banjo und Gitarre für ergriffene Stimmung sorgt. Über die norwegischen Neofolk-Noise-Rocker „Årabrot“, die ebenso tanzbaren wie vielschichtigen Stücke der Berliner „Die Wilde Jagd“, und über den genialen Schlusspunkt, den die gefeierten Belgier von „Alkerdeel“ mit ihrer schrullig-energiestrotzenden Version des Black Metal setzten.

Geteilte Erfahrungen

Vier Tage Festival, vier Tage Musik, Begegnungen, außergewöhnliche Erlebnisse – als „live-changing experience“ hat JJ Koczan, Musikjournalist und Betreiber des Blogs „The Obelisk“, das Roadburn-Festival jüngst bezeichnet. Das mag ein wenig übertrieben klingen. Sicher ist jedoch, dass Walter Hoeijmakers, der künstlerische Direktor des Events, gemeinsam mit seiner Kollegin Becky Laverty seit den Anfängen Ende der 1990er-Jahre etwas ganz Besonderes geschaffen hat. Die anwesenden Musiker*innen werden nicht müde zu betonen, welch herausragende Bedeutung das Festival für ihre künstlerische Entfaltung hatte und hat. Und natürlich wirkt es für so manche eher unbekannte Band als Katalysator.

Gaben dem Roadburn-Publikum den Rest: Alkerdeel aus Belgien lieferten eine der energiegeladensten Shows des gesamten Festivals. (Foto: Paul Verhagen)

War all dies 2020 pandemiebedingt komplett ausgefallen, gelang es Hoeijmakers und Laverty schon im Folgejahr, mit dem „Roadburn Redux“ erneut Maßstäbe zu setzen: An ebenfalls vier Tagen präsentierte man Online einen Mix aus teils von Bands aus aller Welt vorproduzierten Showcases, teils live aus Tilburg übertragenen Konzerten aus dem ansonsten leeren „013“. Hierzu wurden mehrere Kameraperspektiven verwendet und per Liveregie geschnitten. Herausragend war das extra in Auftrag gegebene Programm der Brüsseler „Wolvennest“, die hierzu verschiedene Gastmusiker*innen einluden (darunter auch Raven van Dorst von der Band „Dool“, siehe unser Interview „Ich war ein sehr wütender Mensch“ in woxx 1575) und sich als „The Nest“ präsentierten. Das gesamte Konzert ist mittlerweile als CD/DVD veröffentlicht und auch auf Youtube zu finden.

Dieses Jahr gab es das Festival also endlich wieder vor echtem Publikum. Fast hatte man inzwischen vergessen, dass Musik eine der wenigen Kunstformen ist, bei der Künstler*innen und Rezipient*innen den Moment der künstlerischen Darbietung teilen können. Dabei hängt es abgesehen von den Musiker*innen nicht allein vom Respekt und der Aufmerksamkeit der Zuhörer*innen ab, ob ein Konzert gut wird. In so vieler Hinsicht sind es die Organisator*innen, die dafür sorgen, dass Bands sich wohl fühlen, halbwegs ausgeruht auf die Bühne kommen – und die, falls nötig, auch mit dem Frust und den Launen der Künstler*innen umzugehen wissen.


Und wie durch ein Wunder waren auch sie alle wieder da: Die zahllosen Helfer*innen, Roadies, Stagehands, Merchandise-Verkäufer*innen, Tourorganisator*innen, Bandbusfahrer*innen und das Tresenpersonal und noch viele mehr – all die Freelancer, ehrenamtlich Tätigen und prekär Beschäftigten, die sich in den vergangenen beiden Jahren oft ohne große Unterstützung über Wasser halten mussten und ohne die eine solche Veranstaltung gar nicht möglich wäre.

Auch im kommenden Jahr wird man in Tilburg wieder versuchen, Metal und „Heaviness“ neu zu definieren, über sich hinauszutreiben und dem Publikum kathartische Erlebnisse zu bereiten. Das ist auch nötig, weil man die Welt und das beschädigte Leben ja doch nicht hinter sich lassen kann. Und dennoch wird es dann auch wieder ein bisschen so sein, wie Martin Khanja von „Duma“ es im Interview mit der Onlinezeitschrift „032c“ formuliert: „Metal is about having this experience of being your true self: wherever you are, you are at your best. You find people from all over the world who also feel that, and the experience is that you feel at home.”

Das nächste Roadburn-Festival findet von 20. bis 23. April 2023 statt.

 


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