Schon gestreamt? Queer Eye

Die Netflix-Serie „Queer Eye“ ist eine erfrischende Abwechslung in einer von toxischer Männlichkeit geprägten Gesellschaft. Die in der Serie zulässige Bandbreite des Geschlechtsausdrucks geht aber nur so weit, wie sie sich in neoliberale Muster einfügen lässt.

© Netflix

Nur wenige aktuelle Serien stellen derart radikal in Frage, was es heißt, im 21. Jahrhundert ein heterosexueller Mann zu sein, wie es „Queer Eye“ tut. Die Prämisse der Reality-Serie ist denkbar einfach: Pro Folge geben fünf schwule Männer je einem heterosexuellen cis Mann ein umfassendes Make-over. Die Gruppe der Berater, in der Serie „Fab Five“ genannt, setzt sich zusammen aus Fashion Designer Tan, Koch Antoni, Frisör Jonathan, Innendesigner Bobby und Life-Coach Karamo. Auch wenn vereinzelte Kandidat*innen homosexuell, weiblich und/oder trans sind, so machen doch die heterosexuellen cis Männer das Kernstück der Serie aus.

Im Laufe der bisher drei, allesamt von Netflix produzierten Staffeln wird eine ungewohnte Bandbreite an Männlichkeitsdarstellungen gezeigt. Man sieht Männer weinen, sich umarmen, über ihre Gefühle reden, miteinander flirten, sich schön machen und sich um ihre Kinder kümmern.

Im Realitätsfernsehen heterosexuelle mit schwulen Männern interagieren zu sehen, ist heute nicht mehr so ungewöhnlich, wie es das noch anfangs der 2000er-Jahre war, als die Vorgängerserie „Queer Eye for the Straight Guy“ erschien. Wenn die „Fab Five“ in der neuen Version mit tiefreligiösen oder politisch konservativen Menschen in Kontakt treten, ist das aber auch 2019 noch relevant . Die „Fab Five“ und die Kandidat*innen begegnen sich gegenseitig mit Empathie und Wohlwollen, und sind bereit, ihre Ansichten zu ändern.

Als Bobby zu Beginn einer Folge von einem der Kandidaten gefragt wird, ob er der Mann oder die Frau in seiner Ehe sei, wird dieser Mythos geduldig von den „Fab Five“ dekonstruiert. Der Kandidat nimmt die Erklärungen dankbar an. Die Vorstellung, dass Menschen, die Opfer diskriminierender Ansichten wurden, auch diejenigen sein sollten, die anderen helfen sich weiterzubilden, ist nicht unproblematisch. Besagter Kandidat hätte auch durch eine Internetrecherche herausfinden können, weshalb die Frage, wer in einem schwulen Paar den männlichen und wer den weiblichen Part übernimmt, nicht nur absurd, sondern auch diskriminierend ist.

Wenn man aber von diesem Aspekt absieht, kann man einem solch aufklärerischen Moment auch etwas Positives abgewinnen. Der Kandidat versucht seine Sichtweise nicht zu rechtfertigen und kreidet die Erklärungen der „Fab Five“ auch nicht an. Stattdessen hört er zu und erkennt an, dass er nicht der Experte bezüglich homosexueller Partnerschaften ist. Auf diese Weise bietet die Serie Raum für ein Verhaltensmuster, das man sonst nur allzu selten sieht: Nämlich einzusehen, dass man einen Fehler gemacht hat und bereit zu sein, daraus zu lernen. In „Queer Eye“ geht es nicht drum, die Gesellschaft abzubilden, wie sie wirklich ist, sondern darum, mit positivem Beispiel voranzugehen.

Problematisch ist die Serie, wenn sie die gleiche Logik auf Inneneinrichtung und äußeres Erscheinungsbild anwendet. Die „Fab Five“ sind in der Serie nicht nur die Experten wenn es um Homosexualität geht: Sie sind es in absolut jeder Hinsicht. Sie wissen, was die Kandidat*innen anziehen, wie sie ihre Wohnung einrichten und welche Produkte sie sich in die Haare schmieren sollen. Sie beanspruchen nicht nur in Stilfragen Deutungshoheit, sondern geben auch vor zu wissen, was die Kandidat*innen an sich und ihrem Leben ändern müssen, um glücklicher zu werden. Ein erfülltes Leben ist in ihren Augen mit einem hohen Kostenaufwand verbunden. Unabhängig, welcher sozialen Schicht die Kandidat*innen angehören – eine schicke Inneneinrichtung sowie ein teurer Hosenanzug werden als unverzichtbare Komponenten des Erwachsenendaseins dargestellt. So vielfältig die dargestellten Männlichkeitsbilder in der Serie also auch sind: Wenn es darum geht, ein neoliberales Ideal zu erfüllen, bleiben die „Fab Five“ unflexibel.

In ihren besten Momenten ist „Queer Eye“ eine Serie, die einen liebevollen Umgang unter Männern in den Vordergrund stellt. Schade, dass sie uns darüber hinaus auch nahelegen will, dass sich die meisten Probleme mit Geld lösen lassen.


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