„Sehnsucht ist die einzige Energie“

Am Dienstag, 13. November in der Philharmonie beglückten „Einstürzende Neubauten“ ihr Publikum im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Bühnenbild ist einfach gehalten. Hinter den Instrumenten eine riesige weiße Leinwand, auf die im Moment noch grelles Scheinwerferlicht fällt. Fast sieht die Szene nach Generalprobe aus, als die Musiker die Bühne betreten: Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N. U. Unruh, Jochen Arbeit, Rudolf Moser und Felix Gebhard. Der große, massige Mann ist Sänger Blixa Bargeld. Er und Gitarrist Unruh sind barfuß. Ansonsten ist zunächst nichts Auffälliges festzustellen.

Ich gestehe, dass ich an diesem Abend Neuland betrat, obwohl die Gruppe seit den 1980ern aktiv ist. Wer sie aufgrund ihres Names unter „Neue Deutsche Welle“ einordnet, wie ich es zunächst tue, liegt falsch. Hier geht es um „industrial pop“, um poetische Texte und um das Spiel mit Tönen, die mit allen möglichen Materialien erzeugt werden.„ Einstürzende Neubauten” sind aber auch der Beweis, dass experimentelle Musik durchaus melodisch und eingängig klingen kann.

Das Konzert wird im Rahmen der „Greatest Hits“-Tour geboten – der Titel stimmt, auch wenn er mit Ironie daherkommt.  Es beginnt mit „You Will Find Me if You Want Me in the Garden”, einem Stück von 1996. Der Rhythmus ist einfach, aber mitreißend. Sofort ist das Publikum eingebunden, die meisten scheinen das Repertoire zu kennen, die Köpfe wackeln im Takt. Zunächst kommt das Xylophon zum Einsatz, dann ein spezieller Apparat, eine um sich selbst drehende Walze mit Sägescheiben, die mit einer Art großen Gabeln bearbeitet wird. Bargeld singt. In diesem ersten Stück schon zeigt er, was er mit seiner Stimme anfangen kann. Mal singt er völlig konventionell, mal schreit er mit hoher, gellender Stimme.

Es folgen „Nagorny Karabach“ und „Dead Friends“, ebenfalls ein Klassiker, beide von 2004. Dann das bombastische „Unvollständigkeit“ aus dem gleichen Jahr, bei dem die Gruppe ihre Begeisterung für improvisierte Instrumente und schräge Töne noch deutlicher zeigt. Ein Bündel langer Rohre wird hereingetragen, die wie ein Xylophon bespielt werden. Eine große Traktorschaufel wird vom Xylophonisten mit Metallstücken beladen, sie entleert sich mit ordentlichem Krach. Weitere „Hits“ folgen, zu denen auch „How Did I Die?“ aus dem World-War-One-Projekt „Lament“ gehöhrt. Die Hintergrundfarben wechseln, der Lautpegel steigt, die Musik wird immer mächtiger, wird zur Metapher für Urgewalt. Es ist ein musikalisch mitreißendes, aber auch durch die Lyrik der Texte berührendes Erlebnis.

Mein Begleiter flüstert mir zwischen zwei Liedern zu, als er vor vielen Jahren „Einstürzende Neubauten“ zum ersten Mal erlebte, sei deren Auftritt ein schockierendes Erlebnis für ihn gewesen. Völlig abgefahren und systemkritisch wirkt die Musik der „Neubauten“, die früher ihr Image als Bühnenschreck pflegten und auch mal mit dem Presslufthammer musizierte, heute nicht mehr. Dekonstruktion, Radikalität, Ironie und Nonkonformismus bleiben aber angesagt. Dennoch wirkt es ein bisschen aufgesetzt, wenn sich Bargeld irgendwann demonstrativ eine Zigarette anzündet – deren leises Knistern jedoch ebenfalls musikalisch eingebunden wird. Und unter die raue Eleganz der Sets mischt sich unüberhörbare Melancholie.


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