Serien-Empfehlungen: „Little America“ und „BoJack Horseman“

Die beiden Serien, die wir diese Woche empfehlen, greifen den amerikanischen Traum aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf.

Little America (2020-)

In Syrien kann Rafiq seine sexuelle Orientierung nicht offen ausleben – auch nicht in der Familie. (Quelle: Apple TV)

(tj) – Anthologieserien, in denen jede Folge eine abgeschlossene Geschichte erzählen, können etwas Frustrierendes haben: Kaum ist die kleine fiktionale Welt mit ihren Bewohner*innen zum Leben erweckt, ist das Sehvergnügen auch schon vorbei. Anders aber als etwa bei Serien wie Judd Apatows „Easy“, wo am Ende jeder Folge der Handlungsstrang lediglich angerissen scheint, enthält im Falle von „Little America“ jede eine abgerundete Erzählung. Dass die Erfahrung so befriedigend ist, liegt möglicherweise auch daran, dass jede Folge mit Fotos der einzelnen Menschen und Infos zu ihrem weiteren Werdegang endet. Denn „Little America“ ist zwar keine Doku-Serie, dafür werden aber Ausschnitte aus dem Leben realer Personen gezeigt.

Jede Folge ist ein handwerklich einwandfrei produzierter Kurzfilm. Den roten Faden bildet die Immigration in die USA aus Ländern wie Nigeria, Syrien, China, Iran, Mexico oder Indien. Da ist zum Beispiel Kabir (Suraj Sharma), der das Familienmotel übernahm, nachdem seine Eltern nach Indien deportiert wurden. Oder Marisol (Jearnest Corchado), der dank ihrer erfolgreichen Karriere in Wettbewerbssquash der soziale Aufstieg gelang. Oder auch noch Rafiq (Haaz Sleiman), der aus Syrien in die USA auswanderte, um endlich seine Homosexualität frei ausleben zu können.

Es ist erstaunlich, wie viele Details und Nuancen innerhalb von rund 30 Minuten vermittelt werden. Beim Schreibprozess wurden kulturelle Expert*innen einbezogen, um eine möglichst realitätsnahe, vorurteilsfreie Repräsentation zu gewährleisten. Die Regisseur*innen der Folgen entstammen jeweils dem gleichen Land wie die Hauptfigur.

Die Folgen sollen aufmuntern: Abgesehen von der ersten, endet jede mit einem Happy End. Das ist vielleicht nicht repräsentativ für die Erfahrungen der meisten Migrant*innen in den USA, doch das will „Little America“ auch gar nicht sein. Es geht schlicht darum, Menschen mit Migrationshintergrund in den Vordergrund zu rücken und Geschichten zu erzählen, in denen sie nicht nur als stereotypierte Randfiguren auftauchen. Es ist der Serie anzumerken, dass eine gewisse Balance angestrebt wurde: Kommunikationsschwierigkeiten, Heimweh, Isolation und politische Schwachstellen werden ebenso thematisiert wie die Wichtigkeit eines inklusiven Bildungssystems und eines unterstützenden Umfelds. Dennoch ist es nicht schwer, „Little America“ als Zelebrierung kultureller Assimilation und des Mythos vom amerikanischen Traum zu sehen.

Apple TV+

BoJack Horseman (2014-2020)

In „BoJack“ geht es um Themen wie Depression, Sucht, Einsamkeit, Sexualität und Tod. (Quelle: Netflix)

(ja) – In den 1990ern ein gefeierter Sitcom-Star, ist das anthropomorphe Pferd BoJack Horseman nun ein alternder Schauspieler, dessen Hauptbeschäftigung darin besteht, Drogen zu nehmen und sich selbst zu bemitleiden. Seine Ex-Freundin und Agentin Princess Carolyn (eine pinke Katze) rät ihm, eine Autobiografie zu schreiben, um seine Bekanntheit wieder zu steigern. Nach einigen gescheiterten Versuchen engagiert BoJack die Ghostwriterin Diane Nguyen. Neben dem Versuch, seine Karriere wieder in Gang zu bringen, muss sich BoJack mit seinem Rivalen Mr. Peanutbutter (ein gelber Labrador) und seinem besten Freund und Mitbewohner Todd Chavez herumschlagen.

Im Laufe der Serie erlebt BoJacks Karriere tatsächlich wieder einen Aufschwung, oft jedoch zum Nachteil seines Privatlebens. Neben Rollen in preisgekrönten Spielfilmen und Serien holen ihn immer wieder die Schicksale jener Menschen (und Tiere) ein, die er in der Vergangenheit schlecht behandelt hat. Die größte Leiche in BoJacks Keller ist allerdings er selbst: Seine Einsamkeit kann er zwar einige Zeit lang mit Drogen, Sex und dem Wunsch nach einer erfüllten Schauspielkarriere unterdrücken, doch irgendwann muss auch das unnahbarste Pferd sich eingestehen, dass es in Wirklichkeit eine andere Lücke gibt, die es füllen will.

BoJack Horseman ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Serie. Das Zusammenleben der anthropomorphen Tiere und Menschen wird zwar nie besonders kommentiert, dafür aber oft ironisch gebrochen. Selten sieht man Serien, die so ernst mit Themen wie Depression, Sucht, Einsamkeit, Sexualität und Tod umgehen, wie BoJack es tut. Trotzdem schafft die Serie es, lustig zu bleiben, sodass man selten das Gefühl hat, ein Drama anzusehen. Durch den Charakter Diane Nguyen wird immer auch eine explizit feministische Perspektive eingebaut – und Diane ist selten jene Person, die Unrecht behält. BoJack ist auch eine der allerersten Serien überhaupt, in der ein asexueller Charakter vorkommt – und mit vielen Klischees und Vorurteilen diesbezüglich aufräumt.

In Sachen Erzählstruktur und Format haben die Macher*innen von BoJack auch nicht vor Experimenten zurückgeschreckt: Eine Episode ist beinahe komplett stumm, eine andere besteht aus einem einzigen Monolog. Wer eine tiefgründige Betrachtung der Conditio humana (bzw. equina) sehen und trotzdem lachen will, ist mit den insgesamt sechs Staffeln von BoJack bestens beraten.

Netflix


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