Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage geben erstmals einen Einblick in die sexuelle und emotionale Gesundheit der Einwohner*innen Luxemburgs. In vielen Bereichen fehlt es an Bildung über Sexualität.
Am 30. Juni präsentierte die Gesundheitsdirektion die Ergebnisse der ersten Umfrage über die sexuelle und emotionale Gesundheit in Luxemburg. Der Ort war eine Fachtagung, die das Ministerium gemeinsam mit dem „Centre national de référence pour la promotion de la santé affective et sexuelle“ (Cesas) veranstaltet hatte. Insgesamt 2.371 Erwachsene, die im Großherzogtum leben, wurden für die erste Erhebung dieser Art befragt. Die Ergebnisse zeichnen ein zum Teil erschreckendes Bild: Nicht nur fehlt es vielen an sexueller Bildung, sondern es erleben auch viele sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen.
Das fängt oft schon bei der ersten sexuellen Erfahrung an: Ein Viertel der Befragten gab an, dass diese nicht gewünscht und konsensuell war, bei Frauen sogar ein Drittel. Etwa die Hälfte der Befragten hatte ihren ersten sexuellen Kontakt zwischen 16 und 18 Jahren, ein Viertel war älter als 20 Jahre. Nur etwas mehr als die Hälfte gab an, sich beim ersten Geschlechtsverkehr gegen sexuell übertragbare Infektionen geschützt zu haben – allerdings sind es hier ältere Personen über 60, die den Schnitt nach unten ziehen.
Konsensuelle Sexualität erlernen
Ebenfalls nur 53 Prozent haben schon mal mit ihrem*ihrer Partner*in über Konsens gesprochen. Mehr als die Hälfte der Befragen hatte bereits Sex, obwohl sie nicht wirklich Lust darauf hatten, ohne dass jedoch Druck auf sie ausgeübt worden wäre. Etwas weniger als ein Drittel der Befragten haben sich zu bestimmten Sexpraktiken gedrängt gefühlt. Vergewaltigt wurden 8 Prozent – hier gibt es große Unterschiede zwischen Männern (4 Prozent) und Frauen (12 Prozent). Im Fall von Personen mit Behinderung liegt der Anteil gar bei einem Viertel. In nur 14 Prozent der Fälle handelte es sich bei den Täter*innen (die, so internationale Untersuchungen, in der überwältigenden Mehrheit Männer sind) um Unbekannte. Viel öfters sind es (ehemalige) Partner*innen oder Familienmitglieder. Nur 60 Prozent der Opfer haben je mit jemanden darüber gesprochen, und nur 15 Prozent haben Anzeige erstattet.
Eine gute sexuelle und affektive Bildung hilft nicht nur, die eigenen Grenzen und Vorlieben benennen zu können, sondern schützt auch vor Übergriffen, wenn man das Konsensprinzip kennenlernt. Von jenen 44 Prozent der Befragten, die überhaupt in den Genuss einer solchen Bildung gekommen sind, gaben allerdings nur 15 Prozent an, auch über konsensuelle Sexualität aufgeklärt worden zu sein – fast 40 Prozent hätten sich mehr Informationen über das Thema gewünscht. Es steht damit gemeinsam mit der Aufklärung über sexualisierte Gewalt an der Spitze der Wunschliste. Insgesamt hat die Hälfte der Befragten angegeben, dass sie im Unterricht nur unzureichend Antworten auf entsprechende Fragen bekommen haben. Gut aufgeklärt fühlten sich die Befragten bei den Basics: Verhütung, Anatomie, Schwangerschaft, Pubertät, Menstruation, sexuell übertragbare Infektionen. Bei vielen anderen Themen wünschten sie sich mehr Informationen, neben sexueller Orientierung auch über Liebe und Lust. Dass es beim Sex also nicht nur darum geht, (nicht) schwanger zu werden und keine Krankheiten einzufangen, kommt im Luxemburger Schulsystem wohl zu kurz.
Erstmals wurde auch eine Erhebung zu der Frage, wie viele queere Menschen es in Luxemburg gibt, durchgeführt: 11 Prozent haben demnach eine sexuelle Orientierung, die nicht heterosexuell ist. Bei Männern sind es nur 9 Prozent, die Sex mit anderen Männern hatten, wohingegen die Zahl bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren bei 17 Prozent liegt. Ähnlich sieht es bei trans, nicht-binären oder intergeschlechtlichen Menschen aus: Während ein Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen ist, sind es 4 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Die höheren Zahlen bei jungen Menschen dürften daraus resultieren, dass es bei dieser Generation eine größere Offenheit für und mehr Wissen über LGBTIQA+-Themen gibt, wobei auch die hohe Sterblichkeit durch die AIDS-Krise bei älteren Generationen eine Rolle spielen könnte. 12 Prozent der Bevölkerung berichten, dass sie negative Kommentare wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erdulden mussten.
Die Ergebnisse der Umfrage sollen in die zukünftige Gesundheitspolitik einfließen, wie Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) in einer Pressemitteilung betonte. Die künftige Politik solle eine emotionale und sexuelle Bildung fördern, die „auf Respekt und Konsens“ fuße.

