Autor, Dramaturg, Regisseur und zukünftiger Leiter des Mierscher Theater: Olivier Garofalo weiß, wie es ist, viele Rollen gleichzeitig zu spielen. Die woxx hat sich mit dem Künstler, dessen Klassenzimmerstück „Mat Dir!“ derzeit aufgeführt wird, über seine Karriere, Heimat und neue Herausforderungen unterhalten.

Nachdem Olivier Garofalo im Ausland sein berufliches Glück gesucht und gefunden hat, kehrt er nun mit neuem Elan nach Luxemburg zurück. (Foto: Bohumil KOSTOHRYZ)
Isa hält sich nicht lange mit Höflichkeiten auf. „Hey, Alter, haste 50 Euro? Zwanzig geht auch.“ Gleich legt die aufsässige Teenagerin nach: „Mach schon, oder willst du eine aufs Maul?“ Die krude Sprache von „Mat Dir!“, einer Auftragsarbeit für das „Centre des Arts Pluriels Ettelbruck“ (Cape), spiegelt die harte Realität, mit der sich viele Jugendliche Tag für Tag arrangieren müssen und von der sie unweigerlich geprägt werden. Betsy Dentzer spielt dabei die desillusionierte Teenagerin, die auf der Suche nach Zugehörigkeit vom rechten Weg abkommt. Der Musiker Frin Wolter begleitet sie mit seinem Akkordeon, auf dem er Melodien von den White Stripes, Eminem und Eurythmics neues Leben einhaucht.
„Ich konnte mich keine einzige Sekunde ausruhen, sonst hätte ich diesen Weg nicht gehen können, den ich gegangen bin.“
Das Stück richtet sich an Schüler*innen ab 14 Jahren und behandelt Themen wie die erste Liebe, Sehnsucht, Scheidung und Cybermobbing. Im Klassenzimmer sorgt es für lebhafte Debatten. „Man merkt einfach, dass junge Leute so viele Themen haben, über die sie sprechen wollen, für die es allerdings im klassischen Schulalltag keinen Raum gibt“, sagt Olivier Garofalo, aus dessen Feder der Text von „Mat Dir!“ stammt. Das Stück wurde im Januar im Cape in Ettelbrück uraufgeführt und bleibt weiterhin im Repertoire des Kunstzentrums.
Die Arbeit mit jungen Menschen sei ihm wichtig, unterstreicht der Theaterautor. „Es geht mir nicht darum, dass dies das Publikum von morgen ist, sondern darum, Theater für junge Menschen von heute zu machen. Auch sie sollen die Möglichkeit haben, durch Kunst über ihr eigenes Leben zu reflektieren, sich in ihrer Identität zu stärken und Dinge zu hinterfragen.“
Erwachsene Theaterbesucher*in- nen würden gerne ein Glas Champagner trinken, es sich im Theatersessel gemütlich machen und sich nach der Vorstellung rasch anderen Themen widmen, stichelt Garofalo lachend. „Okay, ich übertreibe.“ Aber die Rückmeldungen von jungen Zuschauer*innen gäben ihm viel Energie. „Bei ihnen merkt man: Das arbeitet in ihren Köpfen weiter und sie wollen darüber sprechen. Genau deshalb finde ich es ungemein bereichernd, Theater für junge Leute zu machen“ so Garofalo. Der 1985 in Luxemburg geborene Künstler sah als Kind kaum je ein Theater von innen. Insbesondere in Schulen habe es damals an Angeboten gemangelt, sagt er. Als Teenager schloss er sich dann der Jugendtheatergruppe Namasté im Lycée Hubert Clément in Esch an. „Das hat mir großen Spaß gemacht, vor allem das Soziale tat mir gut. Dort waren meine Freunde und so wurde das Theater zum Hobby“, erinnert er sich.
Garofalo wurde jedoch schnell klar, dass er als Schauspieler „absolut talentfrei“ sei, wie er selbst zugibt, und so begann er, sich für die Berufswahl nach anderen Möglichkeiten im Theaterbereich umzusehen. Als es mit der Aufnahme an Regieschulen nicht klappte, folgte er dem Rat seiner Eltern und nahm ein Germanistikstudium an der damals neu gegründeten Universität Luxemburg auf, das er später mit einem Masterstudium in Trier fortsetzte. In beiden Lehrgängen spielte Theaterwissenschaft für ihn eine bedeutende Rolle.
„Über diesen Weg habe ich überhaupt die ganzen Berufsbilder der Dramaturgie kennengelernt, und dass man im Theaterbereich auch akademisch-künstlerisch arbeiten kann.“ Er entschloss sich, Dramaturg zu werden – ein Beruf, der in Luxemburg damals noch wenig etabliert war. Also zog er, wie viele luxemburgische Künstler*innen, ins Ausland. In der Bundesrepublik fasste Garofalo rasch Fuß: Er arbeitete als Dramaturg an der Badischen Landesbühne in Bruchsal, wechselte dann zum ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg. Von 2019 bis 2024 war er Hausautor und Dramaturg am Rheinischen Landestheater in Neuss und arbeitete anschließend als freischaffender Dramaturg in Hamburg.

Das Stück „Mat Dir!“ greift Themen auf, die Jugendliche umtreiben. (Foto: Bohumil KOSTOHRYZ)
In seinen Stücken nimmt Garofalo zentrale Fragen des modernen Lebens unter die Lupe. In „Wann, wenn nicht jetzt“ (2023), einem Auftragswerk zum 375. Jubiläum des Westfälischen Friedensvertrages, untersucht er die Kräfteverhältnisse zwischen Demokratie und Macht. In seinem Stück „Out of Area“ (2019) lässt er einen ehemaligen Soldaten, der in Afghanistan im Einsatz war, auf einen afghanischen Zivilisten treffen. Mit häuslicher Gewalt setzte er sich in „Es ist, was nicht war“ (2014) auseinander. Während seiner Autorenresidenz am TNL widmete er sich in „Heimat ist kein Ort“ (2017) dem Doppelthema der Gentrifizierung und Immobilienwirtschaft.
In Deutschland sind die Möglichkeiten groß, ebenso jedoch die Konkurrenz. „Die 15 Jahre, in denen ich im Ausland war, haben mich extrem gefordert,“ erzählt Garofalo. „Ich konnte mich keine einzige Sekunde ausruhen, sonst hätte ich diesen Weg nicht gehen können, den ich gegangen bin. Es gibt dort sehr viele Dramaturgen und Dramatiker, niemand wartet auf dich.“ Dieser Druck hat sich für den Theaterexperten jedoch ausgezahlt. „Ich habe mich dort enorm weiterentwickelt und unzählige Erfahrungen gesammelt“, sagt er.
Nach dieser langen Zeit kehrt er nun wieder in sein Heimatland zurück – und denkt darüber nach, wie es sich in der Zwischenzeit verändert hat. „Luxemburg ist auf eine gewisse Art und Weise internationaler als früher aufgestellt, aber gleichzeitig gibt es auch unglaublich viele Bubbles. Das finde ich sehr interessant. Fast jede Nation ist hier vertreten, und trotzdem ist es so klein.“ Garofalo ist nicht nur ein Beobachter der hiesigen Theaterszene, sondern gestaltet sie aktiv mit: Im August wird er gemeinsam mit Pit Ewen die Leitung des Mierscher Theaters übernehmen, für das er auch Stücke schreiben und inszenieren wird.
Seinem Umzug und den damit einhergehenden Veränderungen blickt er mit Zuversicht entgegen: „Ich freue mich extrem, nach Luxemburg zurückzukehren, weil ich hier nun einen neuen und wichtigen Auftrag habe.“ Dass seine neue Arbeit viel Raum bietet für Kooperationen mit anderen Künstler*innen, ist für Garofalo ein besonderes Glück: „Die Theaterszene hat sich in den letzten 15 Jahren enorm entwickelt. Es sind viele Leute dabei, mit denen ich noch nie gearbeitet habe und deren Namen ich bisher nur kenne. Ich freue mich sehr darauf, sie kennenzulernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.“
Welche Themen findet er als Autor derzeit besonders relevant? „Im Moment sind so viele Themen wichtig“, sagt er. „Womit ich allerdings immer ein wenig hadere, sind Stücke, die sich nur auf ein einziges Thema konzentrieren. Unsere Welt ist so komplex, meiner Meinung nach kann man sie nicht auf ein Thema reduzieren. Ein Stück sollte verschiedene Aspekte in sich tragen und auch die Vielschichtigkeit unserer Realität widerspiegeln.“

