Verbrecher Verlag: Trans Vorbilder der Geschichte

von | 13.03.2026

Geschichte muss immer wieder aus diversen Blickwinkeln betrachtet und neu erzählt werden, um relevant zu bleiben. Kuku Schrapnell geht in „Gender Punks. Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben“ dem Leben unterschiedlicher trans- und intergeschlechtlicher Personen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert nach. Anhand einzelner Lebensgeschichten – etwa von Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse und Lucy Hicks Anderson – rückt das Buch trans Menschen aus der Geschichte als Vorbilder in den Fokus.

Kuku Schrapnell arbeitet als Speaker*in, leitet Workshops und beschäftigt sich mit queerer Geschichte, Trans- und Geschlechterpolitiken. (© Nane Diehl)

 

»Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist!«, gehört zu den schönsten Sätzen, die ich kenne. Er bedeutet, dass eine Story folgt, die wahrscheinlich nie in einem Geschichtsbuch veröffentlicht wird, ich jetzt jedoch von einem Ereignis höre, dessen Auswirkungen groß genug sind, ein Leben, wenn auch nur ein bisschen, zu verändern.

Die Begegnung mit einem Ex oder einer alten Bekannten, die Erinnerungen an viele Ereignisse mehr heraufbeschwört, eine Anekdote aus einem deutschen Amt, die uns über die Absurdität und den Schrecken der Bürokratie lachen lässt, eine ganz unerwartete Geste der Solidarität an einem Ort, an dem man nicht damit gerechnet hätte.

Wir müssen uns Geschichten erzählen, um zu verarbeiten, was wir erlebt haben. Es geht gar nicht anders. Das immer wieder neu Erzählen alter Geschichten gehört zur jeder Beziehungspflege. Ob in der Familie, im Freund*innenkreis oder selbst auf Arbeit: Gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen, hilft eine gute gemeinsame Atmosphäre zu schaffen.

(© Verbrecher Verlag)

Dass es sich bei der tausendsten Wiederholung vielleicht nicht mehr um dieselbe Geschichte handelt wie am Anfang, versteht sich von selbst. Die Mythenbildung ist ein ganz natürlicher Teil des Geschichtenerzählens. Schließlich sind wir bereits beim Erleben nicht objektiv, sondern Teil der Situation, und fangen im selben Moment damit an, alles zu interpretieren und zu bewerten. Und wenn wir dann davon erzählen, stehen natürlich gleich die Aspekte im Vordergrund, die für uns besonders relevant waren, egal wie sehr wir uns bemühen, neutral zu bleiben, und meistens bemühen wir uns gar nicht erst.

Dass diese Mythen gefährlich werden können, wissen wir ebenfalls viel zu gut. Wer das eigene Erleben nicht kritisch in einen größeren Kontext einordnet, läuft Gefahr, aus Opfern Täter*innen zu machen oder eine gesellschaftliche Ordnung zu verteidigen, die damit beschäftigt ist, den Planeten, die Natur und die Menschen kräftig gegen die Wand zu fahren.

Manche Mythen werden gezielt zu diesem Zweck erschaffen. Gerade um die Gründung der deutschen Nation herum wurden ab dem 19. Jahrhundert aus einigen Personen mythologische Held*innen gemacht, die allgemein für den Deutschen Geist stehen sollten, der seit Anbeginn der Zeit in diesem Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, wohnt. Je nach Großmachtfantasie sogar noch darüber hinaus. Man denke nur an Arminius den Cherusker, der nach 1500 Jahren plötzlich ausgegraben wurde, um mal den protestantischen Reformationist*innen und mal den Katholik*innen als Vorbild zu dienen.

Während er im Barock noch französischen wie deutschen Adeligen als Vorbild für Ritterlichkeit und Tugend gilt, wird er im 19. Jahrhundert zum deutschen Vaterlandsbefreier, und auch die Nazis erkennen schnell, wie nützlich er ihnen sein kann. Armin gilt sodann als Sinnbild der germanischen Kriegsgeilheit, die angeblich seit 2000 Jahren auf diesem Boden tobt.

Wem Armin zu brutal und zu weit weg sein sollte, bezieht sich auf Bismarck. Der erzreaktionäre Reichskanzler ist so beliebt, dass man nicht nur Kriegsschiffe nach ihm benennt oder den wunderschönen Farbstoff Bismarckbraun Y, sondern auch den eingelegten Heringslappen – den Bismarckhering. So beliebt muss man erstmal werden! Bismarcks kaltschnäuziges Durchregieren und das Verhindern sämtlicher linker Ziele scheint neben seiner Rolle bei der Reichsgründung inspirierend genug zu sein, um ihn zum Stammvater des modernen Deutschlands zu machen.

Diese Personenkulte werden erschaffen, um aufzuzeigen, dass entweder alles schon immer so war, wie es heute ist. Oder dass alles wieder so sein sollte, wie es damals war. Oder um sehr komplexe Vorgänge auf ganz einfache eindimensionale Figuren runterzubrechen.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir versuchen, einen größeren Kontext zu sehen. Denn so subjektiv wir die Welt erleben, gibt es die Welt auch ohne uns und unseren Blick, und das, was wir erleben, passiert nicht nur uns, sondern gewissermaßen allen.

Der Versuch, diesem Allgemeinen hinter unseren Geschichten nachzuspüren, heißt dann die Geschichte. Wer jedoch forscht und den allgemeinen Hinweisen in der Welt folgt und aus all den einzelnen Erlebnissen versucht, eine Gesamterzählung zu kreieren, tut das nie objektiv. Aber das ist ja das Schöne an der Wissenschaft, dass sie im besten Fall um ihre Grenzen weiß und in gegenseitiger Kritik und ständiger Überprüfung und weiterer Forschung dazulernt und die Geschichte immer wieder neu schreibt.

Nicht, dass ich in diesen geschichtswissenschaftlichen Austausch gehören würde, aber ich kann immerhin davon profitieren und aus Geschichte wieder einzelne Geschichten hervorholen.

Wenn es um eine allgemeine Geschichte der Menschheit geht, würde ich mich selbst nicht unbedingt als historisch bewandert bezeichnen. Im Groben weiß ich natürlich, was in den letzten 5000 Jahren passiert ist, und ich kenne ein paar Anekdoten wie die Sache mit Pompeji und dem Vulkan, den Erfurter Latrinensturz, bei dem zig Adlige durch zwei Stockwerke bis in die Latrine stürzten und dort ertranken oder dass Laika das erste Tier im Weltall war und dass Hunde nachts den Himmel anheulen, weil sie glauben, sie sei immer noch da oben. Ich weiß nicht, wie man Hieroglyphen oder mittelhochdeutsche Texte liest. Mein Geschichtsunterricht war meistens auf Europa und den Mittelmeerraum beschränkt, und alles, was ich sonst so weiß, hab ich versucht, später im Leben zu lernen.

Und trotzdem schreibe ich dieses Buch über Geschichte. Ich schreibe über die Geschichten von Menschen, die längst tot sind. Was also bringt mich dazu, von Menschen zu erzählen, die den geschlechtlichen Erwartungen ihrer Zeit nicht entsprochen haben? Die sie angegriffen oder unterlaufen haben, die die Welt verändern oder einfach nach eigenen Maßstäben ihr Leben leben wollten?

Es ist mein ureigenes Bedürfnis, eine Geschichte zu haben. Gerade in Zeiten, in denen vom Trans-Trend gesprochen und vom rechten Rand bis weit über die Mitte hinaus Transsein als neuester Ausdruck einer verkommenen Gesellschaft gesehen wird. Ich will eine Geschichte haben, weil ich weiß, dass es sie gibt. Ich will sie erzählen. Ich will an den Rändern der Historie Schicksale zusammenklauben. Ich will aber auch nicht irgendwen. Ich will nicht einfach sagen: Oh, hier ist ein trans Mann, der es durch clevere Tricksereien geschafft hat, 1923 in Brighton seine Frau zu heiraten. Leider wurde er dann Mitglied der National Fascisti und hat sich mit Kommunist*innen im Hyde Park geprügelt. Leute wie Victor Barker interessieren mich nicht. Ich will keine Geschichten von schwulen Nazis wie Röhm erzählen und keine von trans Faschist*innen wie Barker. Ich will von Vorbildern erzählen, zu denen wir aufschauen können, ohne gleich wie sie sein zu wollen, zu können oder zu müssen.

Auszug aus: Kuku Schrapnell: Gender Punks. Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben. Verbrecher Verlag, Februar 2026. 136 Seiten.

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