15 JAHRE ZEITUNGSPROJEKT: Mission is possible

Im September 1988 erschien der erste, anfangs monatliche GréngeSpoun, der 1991 zur Wochenzeitung wurde und heute als woxx seinen festen Platz in der Presselandschaft hat.

Von Richard Graf und Renée Wagener

Wir hatten keine Chance, aber wir nutzten sie: Der Spontispruch der Achtzigerjahre trifft im Rückblick voll auf die tollkühne Naivität zu, mit der im Jahr 1988 das Projekt einer neuen Wochenzeitung aus der Taufe gehoben wurde. Wenn der damals formulierte Anspruch auf eine der alternativen Szene verpflichteten, aber parteiunabhängigen Berichterstattung in den ersten Jahren kaum realisiert wurde (schon die Gründung der Zeitung kam nur durch einen Geldkredit der deutschen Grünen zustande), so hat sich der damalige GréngeSpoun Schritt für Schritt zu einem linken Blatt gemausert, das auch vor Kritik an den grünen Gründervätern und -müttern nicht zurückschreckt.

Wer durch die Sammelbände der ersten 15 Jahre unserer Zeitung blättert, wird zahlreiche Veänderungen feststellen, und das zuallererst in punkto objektiver Berichterstattung. Der professionellere, sachlichere Stil im Vergleich zu den Anfängen verdeutlicht nicht nur die politische Diversifizierung, die innerhalb unseres Teams stattgefunden hat. Er markiert auch den Übergang vom Sponti- zum Berufsjournalismus, der unsere Entwicklung zur anerkannten und mit staatlicher Pressehilfe „gesegneten“ Wochenzeitung begleitet hat.

Die gleiche Professionalisierung kennzeichnet den Werdegang unseres Outfits – wie interessierte LeserInnen dieses Wochenende auf der Oekofoire am Stand der woxx feststellen werden: Ein kleiner Rückblick auf 15 Jahre GréngeSpoun/woxx gibt dort unter anderem die Palette der Grüntöne wieder, die im Lauf der Zeit unsere erste Seite belebten.

Apropos Professionalisierung. Natürlich werden viele mit Wehmut die Zeiten herbeiwünschen, als unser Blatt noch so richtig in der „Basis“ verhaftet war: Als die jährliche Generalversammlung unserer Zeitungskooperative noch ein Massenevent war, das wöchentliche Vorbereiten der Postsendung ein konviviales Treffen und jede gewonnene Schlacht gegen Presserat und Regierung in Sachen Zuteilung der staatlichen Pressehilfe ein Sieg gegen das Establishment. Verstärkte Professionalität (und wir brauchen davon noch viel mehr) steht aber nicht im Widerspruch zu kritischem Denken.

Die woxx bleibt auch nach 15 Jahren die Wochenzeitung, die entschieden links steht, ohne Hofberichterstattung zu den politischen Darbietungen von LSAP, Déi Gréng oder Déi Lénk zu liefern, die Wochenzeitung, in der Systemkritik nicht verpönt ist. Die Wochenzeitung, für die Kultur zum Anfassen ist. Und die Wochenzeitung, die in sich selbst ein Projekt alternativen Arbeitens darstellt. Auch nach 15 Jahren ist Selbstverwaltung kein leeres Wort für uns. Dem leider immer noch viel zu niedrigen Einheitslohn und anderen Aspekten der Selbstausbeutung steht bei uns der Luxus gegenüber, ohne Chef arbeiten zu können, oder unkompliziert mit Anträgen auf Elternurlaub, Änderung der Arbeitszeiten oder Sabbatjahren umzugehen.

Trotzdem: Ganz zufrieden sind wir mit unserer Zeitung noch nicht. Die chronische Unterfinanzierung, Altlast der jahrelangen Ausblutung durch die anfängliche Verweigerung der Pressehilfe, verhindert eine Aufstockung der Redaktion ebenso wie sie technische Aufrüstung verzögert. Arbeiten in der woxx ist kein Zuckerschlecken, davon zeugen auch die zahlreichen Wechsel der vergangenen Jahre in unserem Redaktionsteam. Auf der anderen Seite werden uns alte LeserInnen auch schon mal untreu, da sie den Biss aus den ersten Tagen zu vermissen glauben. Das GréngeSpoun/ woxx-Projekt war seit jeher keine leichte Turnübung, zwischen diesen zwei Ansprüchen – alternative Spontaneität hier und professioneller Journalismus dort – bei dem mensch auch schon mal auf die Nase fallen kann.

Insofern ist das Ziel, das wir uns gesetzt haben, eben doch noch nicht erreicht: Ein gutes, materiell unabhängiges Blatt herauszugeben, das sich traut, mal andere Wege zu beschreiten, als die Mehrheit auch der eigenen ZeitungsleserInnen dies erwarten. Aber: Was nicht ist, kann ja noch werden. An Ideen und Konzepten hat es in den vergangenen 15 Jahren jedenfalls nicht gemangelt.


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