BERLINALE 2013: Aus dem Osten viel Neues

Mit seiner 63. Folge platzierte sich das deutsche Filmfest mal wieder da, wo es sich am liebsten sieht: bei den politischen Festivals. Und die Jury begeisterte sich in diesem Jahr offenbar vor allem für das Kino aus dem europäischen Osten.

„Child’s Pose“ ist der große Gewinner der 63. Berlinale – eine beklemmendes Bild aus dem Inneren der rumänsichen Gesellschaft.

Der Festivaldirektor der Berlinale, Dieter Kosslick, hatte für die 63. Internationalen Filmfestspiele ein abwechslungsreiches Programm angekündigt. Zahlreiche Independentproduktionen sollten sich in einem fairen Wettkampf mit Großproduktionen messen. Dabei war zu bemerken, dass Zentraleuropa und Asien auf dem Vormarsch sind – und die Liste der Preisträger zeigt, dass es tatsächlich die Oststaaten sind, die die diesjährige Berlinale bestimmt haben.

Es gehört zu den Gepflogenheiten der Feuilletonisten, über die Qualität der Filme im Wettbewerb zu unken und die Abwesenheit von Stars oder von prestigeträchtigen Weltpremieren zu bemängeln – und immer wieder wird der Ruf laut, Kosslick, der seit 2001 in Berlin „regiert“, müsse ausgewechselt werden. Doch sind dieses Jahr von den neunzehn im Wettbewerb stehenden Filme tatsächlich nur einzelne negativ in Erinnerung geblieben. Die Jury um den Präsidenten Wong Kar-Wei schien auch bemüht, dem diesjährigen Aufgebot gerecht zu werden, und prämierte sieben mit den begehrten Bären, während zwei weitere („Promised Land“, „Layla Fourie“) lobende Erwähnungen bekamen.

Der prominenteste Preis, der Goldene Bär für den besten Film, ging dieses Jahr an den Beitrag aus Rumänien, die bedrückende Studie „Pozitia Copilului“ („Child’s Pose“) von Calin Peter Netzer. Erzählt wird, wie eine Mutter mit allen Mitteln versucht, ihren erwachsenen Sohn vor den Folgen eines von ihm verursachten Unfalls mit Todesfolge zu bewahren. Dass er die Schuld am Tod eines Jungen trägt, ist in ihren Augen nebensächlich. Die Verbindungen der Innenarchitektin und Gattin eines angesehenen Arztes reichen weit, und so fällt es ihr nicht schwer, die richtigen Leute in den zuständigen Behörden einzuspannen. Der Film bietet ein erschreckendes Bild der rumänischen Gesellschaft, in der Beziehungen und Geld immer noch Macht vermitteln. Im Mittelpunkt steht jedoch die Figur Cornelias, der verzweifelten Mutter, eindrucksvoll gespielt von Luminitia Gheorghiu. Ihre Beziehung zu dem Sohn ist dysfunktional, lässt keinen Freiraum, weswegen der sich ihr gegenüber nur distanziert und abweisend verhalten kann. Die bedrückendste Szene des Films spielt kurz vor dem Ende des Films: Cornelia macht der Familie des Toten ihre Aufwartung, „weil es sich so gehört“, und versucht der Mutter des Toten klarzumachen, was für ein guter Junge ihr Barbu doch war. Sie spricht von ihm in der Vergangenheitsform, und was sie sagt, ist eher eine Elegie auf den eigenen, ihr fremd gewordenen Sohn als tröstender Zuspruch für die Mutter des Getöteten, Die zeigt ihr dann die einzigen Sachen, die ihr von ihrem Jungen geblieben sind: ein Handy und eine Deodose. Und die Verzweiflung über ein zu früh beendetes Leben.

Der große Preis der Jury ging an den bosnischen Beitrag „Epizoda u ?ivotu bera?ca ?eljeza“ („An Episode in the Life of an Iron Picker“) von Danis Tanovi´c. Der Regisseur war auf das berührende Schicksal Nazifs und Senadas, zweier Roma, in der Zeitung gestoßen. Ausgestattet mit einer Digitalkamera und einem Budget von 17.000 Euro machte er sich ins bosnische Hinterland auf, um ihre Geschichte, mit ihnen zusammen, nachzuspielen. Dieses Sozialdrama, das die Grenzen des Dokumentarischen und des Narrativen verwischt, zeigt das bedrängte Leben und die Nöte einer Roma-Familie. Senada erleidet eine Fehlgeburt, doch der Familie fehlt das Geld für die Operation – eine Krankenversicherung hat sie nicht. Ärzte und Krankenhausdirektoren zeigen sich uneinsichtig, Hilfsorganisationen versagen die Unterstützung, obwohl Senada in Lebensgefahr schwebt. Erst der Schritt zum Betrug, zur Benutzung der Krankenkassenkarte der Schwägerin, führt schließlich zu der dringend nötigen Operation. Es ist ein erschütterndes Bild vom Leben einer Familie am Rande der Gesellschaft, am Rande Europas. Doch zeigt es auch den unerschütterlichen Lebenswillen und das Durchhaltevermögen der Betroffenen. Nazif Mujic erhielt zusätzlich den Silbernen Bären für den besten Darsteller – eine ungewöhnliche Entscheidung der Jury, wenn man bedenkt, dass mit der Auszeichnung nicht seine schauspielerische Leistung bedacht wurde, sondern seine Person, auch wenn hier Schauspiel und Leben eins sind.

Internationales Labor des Filmkunst

Weniger überraschend war dagegen die Entscheidung der Jury, Paulina Gracia mit dem Silbernen Bären für die beste Darstellerin zu ehren. Ihre überragende Darbietung der Gloria im gleichnamigen chilenischen Film von Sebastián Lelio berührte Zuschauer und Kritiker gleichermaßen, so dass sie schon früh als Favoritin für diesen Preis galt.

Ein Film, der unter widrigsten Umständen entstanden ist, und auf dessen Protagonisten möglicherweise Repressalien warten, wurde mit dem Preis für das beste Drehbuch geehrt. Jafar Panahi, der preisgekrönte iranische Regisseur, hat zusammen mit seinem Freund und Kollegen Kamboziya Partovi, sein vom iranischen Regime auferlegtes Berufsverbot umgangen und den eigensinnigen Film „Pardé“ („Closed Curtains“) produziert. „Pardé“ ist ein Spiegel seiner Situation, die metafiktionale Betrachtung seines gegenwärtigen Lebens; ironisch ist, dass das wahre Leben auch dieses Drehbuch diktiert hat. Ein Drehbuchautor versteckt sich in einer Villa am Meer, weil er einen Hund – den islamischen Regeln nach ein unreines Tier – gerettet hat. Eine mysteriöse Frau taucht unvermittelt auf und verschwindet immer wieder; man weiß nicht, ob sie eine Einbildung des Eingesperrten ist. Jafar Panahi erscheint auf einmal selbst, die Handlung wandelt sich: Es ist der an seinem Berufsverbot verzweifelnde Regisseur, der in sein Haus zurückkehrt. Im Off ist der Drehbuchautor zu hören, wie er gegen den Willen der Frau versucht, das Drehbuch von Panahis Leben zum Positiven umzuschreiben. Der Film ist ein Kammerspiel, denn der Ort kann und darf nicht verlassen werden. Am Ende gelingt Panahi der Ausbruch doch, die Vorhänge und Gitter werden wieder verschlossen, doch wer ist nun drinnen, der Zuschauer oder der Regisseur? Jafar Panahi durfte jedenfalls nicht zur Preisverleihung ausreisen, auch wissen er und seine Kolleginnen nicht, was für Konsequenzen der Film und der Bruch von Panahis Berufsverbot für sie haben werden.

Als einen Überraschungssieger darf sich sicherlich David Gordon Green betrachten, der für „Prince Avalanche“, ein Remake des isländischen Films „Either Way“, den Silbernen Bären für die beste Regie einheimste. Sein amüsanter und rundum gelungener Film über Freundschaft und Liebe, eingebettet in die surreale Landschaft der texanischen Wälder, bot einen gelungen „comic relief“ im Wettbewerb. Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) führen Straßenarbeiten an einer abgelegenen Waldstraße aus, die durch einen von Waldbränden gezeichneten, bizarren Mikrokosmos führt. Sie begegnen wunderlichen Personen und lernen voneinander, ihrem Leben neuen Sinn zu geben. Das hätte ganz mächtig ins Pathetische abdriften können, ist aber erfrischend und mitreißend, unter anderem dank der Filmmusik der US-Postrock-Band Explosions in the Sky.

Jafar Panahis Bruch mit dem Berufsverbot

Ein Film, dessen Ästhetik und Komposition betörend, aber auch verstörend war, gewann den Preis für beste künstlerische Leistung für die Kamera. Der kasachische Film „Uroki Garmonii“ („Harmony Lessons“) erzählt die Geschichte des schüchternen Waisen Aslan, der eine Schule besucht, in der die Gesetze von Korruption und Gewalt herrschen. Bolat, ein gleichaltriger Junge, hält dort mit seiner Gang von Geldeintreibern die Mitschüler unter seiner Herrschaft. Der Film wird vom Porträt zum Thriller, denn Bolat wird ermordet. Der Verdacht fällt schnell auf Aslan und seinen Freund Mirsain. Es folgen drastische Szenen in einem kasachischen Untersuchungsgefängnis, in der die Jungen durch physische und psychische Folter gebrochen werden. Doch Aziz Zhambakiyevs Kamera bleibt dabei immer nüchtern, richtet den Blick auf Details und ruft immer wieder die Leitmotive des Films auf. Bereits die Eingangssequenz, in der Aslan ein Schaf schlachtet und ausnimmt, nimmt den gewaltsamen Charakter der Handlung vorweg. Auch hier ist die Kamera stets auch auf das Gleichgewicht der Bildkomposition, auf ästhetische Elemente ausgerichtet, so dass die Selbstverständlichkeit und scheinbare Kälte des Handelns des Jungen noch einmal unterstrichen werden. Er wirkt genauso distanziert wie die ästhetisierende Kamera, die auch den Zuschauer davon abhält, zu emotional an das Geschehen heranzugehen.

Mit dem Alfred-Bauer-Preis, der Filme auszeichnet, die neue Perspektiven eröffnen, wurde die kanadische Produktion „Vic+Flo ont vu un ours“ prämiert. Auch hier stehen Rache und Schuld im Mittelpunkt, wobei der Film, der sich anfangs als Resozialisationsdrama präsentiert, zur Mitte hin eine Wende in Richtung Psychothriller nimmt. Und auch die luxemburgische Produktion „Naked Opera“ kam zu Ehren – sie gewann am 14. Februar den „Heiner-Carow-Preis“, der übrigens dieses Jahr zum ersten Mal verliehen wurde.

Hervorzuheben ist noch, dass die Berlinale neben dem offiziellen Wettbewerb noch weitere Sektionen im Programm hatte, so dass zwischen dem 7. und 17. Februar insgesamt über 400 Filme zu sehen waren. So bot das „Panorama“, seinem Namen Ehre machend, ein breites Spektrum an Filmen, die meist aus dem Independent-Bereich stammen und neue Talente fördern. Das „Forum“ wiederum bot eine Plattform für die Avantgardisten und Experimentellen unter den Filmschaffenden. Dieses reichhaltige Angebot macht aus den Berliner Festspielen ein Labor der Filmkunst, ein Umstand, den auch die Produzentin des Festivalsiegers „Pozitia Copilului“ bei der Preisverleihung hervorhob und für den sie sich bedankte.

Doch auch diejenigen, die Filmfestivals lieber nach dem Glamour-Faktor bewerten, dürften sich gefreut haben. Die Anwesenheit von Stars wie Matt Damon, Catherine Deneuve, Isabella Rossellini, Jeremy Irons, Hugh Jackman oder Anne Hathaway bot jedenfalls genügend Gelegenheiten, applaudierend und kreischend am roten Teppich zu stehen.


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