LIVE-ROLLENSPIEL: Stirb, Ork!

Gérard Kraus organisiert Rollenspiele. Seit fast zehn Jahren erkundet er die Fantasy-Welt. Hingebungsvoll widmet er sich seinem Hobby, ohne dabei die dunklen Seiten der Rollenspiel-Kultur auszublenden.

Gérard Kraus (rechts) im Kampf mit einem Ork.

„Ein Live-Rollenspiel ist eine Mischung aus Fantasy-Spiel und Laientheater“, beschreibt Gérard Kraus, Président der Magic Association Luxembourg (MAL) sein Hobby. Wenn er bei den Gemeinden anfragt, um eine Burgruine oder ein Waldstück benutzen zu dürfen, spricht er von einer „Nuetsrallye“. „Das ist ein Begriff, mit dem die Verwaltung etwas anfangen kann“, so der Rollenspieler. Eigentlich geht es darum, dass mehrere Dutzend Personen Kostüme überziehen, durch den Wald laufen und so tun, als befänden sie sich mitten in einem Herr-der-Ringe-Film.

Gérard Kraus ist ein junger Mann mit gepflegtem Bärtchen und lebendigen Augen. Er studiert englische Literatur in Wales, an der Universität von Aberystwyth – der Name könnte von Tolkien erfunden sein. Seine Spezialgebiete: Science-Fiction-Literatur und Fantasy-Filme. „In den vergangenen Jahren hatten meine Freunde und ich nicht all zuviel Zeit zum Spielen. Aber jetzt wo die meisten ihr Studium abgeschlossen haben, fangen wir wieder an.“

Würfel und Waffen

Sein erstes Spiel? Magic, natürlich. Es handelt sich um Sammelkarten, die einen Dämon, einen Zauberspruch oder ein Land repräsentieren. Beim Spielen benutzt jeder sein eigenes Deck mit aufeinander abgestimmten Karten. Magic fand sowohl bei Spieler- als auch bei Sammlernaturen großen Anklang. Ende der 90er Jahre hat die Magic Association Luxembourg Turniere mit über 50 Teilnehmern organisiert.

Nach der Einstiegsdroge Magic kam die Zeit der klassischen Rollenspiele, vor allem Dungeons & Dragons (D&D). In dieser Fantasy-Welt verkörpert der Spieler einen Abenteurer auf Schatzsuche. Auf einer Karte bewegt er Zauberer, Krieger, Diebe … und die Monster. Die können meistens nur gemeinsam von den Spielern überwunden werden. Bei den Kämpfen und anderen Aktionen wird viel gerechnet und gewürfelt: Erhebt ein Krieger sein Schwert gegen einen Drachen, so wird nachgeschlagen, welche Eigenschaften der Figur einberechnet werden, wie hoch die Widerstandskraft des Fabeltieres ist und wer einen Kampfbonus hat – dann wird mit einem 20-seitigen Würfel das Ergebnis ermittelt.

„Beim Live-Rollenspiel wird nicht mit Würfeln gekämpft, sondern mit Latexschwertern – da zählt Geschick, kein Glück“, erklärt Gérard Kraus den Unterschied zu D&D. Wichtig sei auch, dass man seine Rolle lebt, sich so anzieht, sich so bewegt, so redet wie die Figur, die man verkörpert. „Das ist der Gipfel einer Spielerkarriere“, versichert der MAL-Präsident.

Am 28. August organisiert sein Verein das fünfte „Live Action Roleplaying Game“ (Larp) in Schifflingen in den alten Tagebauzonen. Herr der Ringe und Harry Potter hätten bei vielen Jugendlichen ein Interesse an der Fantasywelt geweckt, so Gérard Kraus. Wer den Film gesehen habe, möchte vielleicht mal so ein Abenteuer nachspielen, selbst gegen einen Ork kämpfen.

Orks sind so ziemlich das hässlichste, dem man in der Fantasiewelt von Kayschidu begegnen kann, erfährt man auf der Website der MAL – „es sind verabscheuenswürdige Bestien, die mit Menschen wenig gemein haben.“ Wer würde da ein Ork sein wollen? Das seien Nicht-Spieler-Charaktere, die von der Spielleitung eingesetzt werden, um die richtige Stimmung zu erzeugen, erläutert Gérard Kraus. Am 28. sollen die Orks von belgischen Kollegen dargestellt werden. Der MAL-Präsident zeigt uns ein Hackbeil aus latexverkleidetem Holz, das täuschend echt aussieht: „Selbstgemacht. Extra für die Orks“, verkündet er stolz.

Young blood

Mit ihren Spielwaffen und Kostümen sind die Larper gern gesehene Gäste bei Burgfesten. Anfangs sei er aus Interesse hingegangen, immerhin basiere die Fantasywelt auf dem Universum des Mittelalters, so Gérard Kraus. „Zu der Zeit spielte ich bei den Larps den Barden Pujol Silverlocks. Auf einem der Verkaufstände habe ich ein weitärmeliges Hemd gefunden, gelb mit blauen Streifen, genau wie ich es mir für diese Figur vorgestellt hatte.“ Mittlerweile organisiert die MAL auch Animationen für Kinder. Statt nur den Confréries zuzuschauen dürfen die Kleinen dann schon einmal das Latexschwert schwingen. „Wir passen natürlich auf, dass sich niemand verletzt. Die meisten von uns haben eine pädagogische Ader“, betont der Rollenspieler.

Ob die düsteren Aspekte der Fantasywelt nicht eine Gefahr für Jugendliche darstellen? Gewiss, man lebe seine Rolle sehr intensiv. Aber die meisten könnten nach einem Larp wieder aus ihrer Rolle schlüpfen versichert Gérard Kraus. Das Prinzip seiner Gruppe sei, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Er zumindest verkennt die dunklen Seiten seines Hobby nicht: Im fantastischen Genre werden männliche Ideale verherrlicht, Konflikte nur durch Gewalt geregelt. „Man könnte auch Druiden oder Weise ins Spiel bringen, die in Diplomatie wetteifern würden. Aber dann würden drei Viertel der Teilnehmer meckern – wozu ein Schwert haben, wenn nur palavert wird?“, bedauert der Spieler. „Kämpfen ist ein männliches Balzritual aus Urzeiten.“

Anders als bei Magic und Dungeons & Dragons nehmen an den Larps auch viele Frauen teil. In Luxemburg etwa ein Viertel, schätzt der MAL-Präsident. Meistens allerdings in Frauenrollen: Hexen, Heilerinnen, manchmal Amazonen und vor allem Elfprinzessinnen. Dass Frauen Männerrollen spielen oder umgekehrt kommt vor, wird aber eher als Jux angesehen, berichtet Gérard Kraus. Schließlich sei der Körper Teil des Spiels und es sei schwierig, Stimme und Bewegungen überzeugend zu verstellen.

Der MAL-Präsident spielt meist einen 08/15-Krieger oder übernimmt die Spielleitung. Seine Lieblingsfigur aber ist ein Dieb, nicht aus einem Larp sondern aus D&D. „Im Rollenspiel kann man gegen die Gesetze verstoßen, Dinge ausleben, die in unserer Gesellschaft nicht erlaubt sind“, sagt Gérard Kraus. Und wie geht es dem Dieb? Bei D&D können Figuren Erfahrungenspunkte ansammeln und im nächsten Spiel wieder eingesetzt werden. „Gut geht es ihm. Besser gesagt: ihr. Die Diebin Missy Legallow liegt gut verstaut in einem Ordner und wartet auf die nächste Partie.“

http://surf.to/MAL


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.