Mobilität
: Besser vorankommen?

„Sharing gets you further“ heisst der Leitspruch der diesjährigen europäischen Mobilitätswoche, die vom 16. bis 22. September stattfindet.

Parkplätze zu Fahrradständern – im Londoner Stadtteil Hackney erobert sich die sanfte Mobilität nach und nach ihren Raum zurück. (Foto: woxx)

Eine europaweite Verkehrswoche, weniger als einen Monat vor den Gemeindewahlen – das hätte doch eigentlich zu stürmischer Beteiligung der Gemeinden führen müssen, könnte man meinen. Doch tatsächlich hatten sich bis zum Montag dieser Woche nur 26 Kommunen mit ihrem Programm beim Verkehrsverbund gemeldet. Zwar wird Luxemburg auch damit wahrscheinlich Spitzenreiter unter den EU-Mitgliedsstaaten werden, weil in keinem anderen Land auch nur annähernd ein Viertel der Kommunen an dieser seit 2002 veranstalteten europaweiten Kampagne teilnimmt. Doch der Rekord von 2016 mit 42 teilnehmenden Gemeinden wird wohl nicht erreicht. Emile Eicher (CSV), Präsident des kommunalen Dachverbandes Syvicol, legte am Montag während der Pressevorstellung den Gemeindeverantwortlichen deshalb noch einmal ans Herz, ihre Vorhaben für die Mobilitätswoche noch in den letzten Tagen beim Verkéiersverbond zu melden und auf der speziell eingerichteten Homepage mobiliteitswoch.lu online zu stellen.

Auch der vieldiskutierte hohe Anteil an Dieselautos in der Luxemburger Verkehrsflotte scheint die diesjährige Mobilitätswoche wenig dynamisiert zu haben. Camille Gira (Déi Gréng), Staatsekretär im Nachhaltigkeitsministerium, wies zwar auf die Bedeutung der aktuellen Debatte hin, betonte aber auch, es sei nicht Sache der Regierung, die Leute bei ihrer Wahl eines Automodells mit Vorschlägen zu unterstützen. Statt dessen beschwor er das Ziel der diesjährigen Mobilitätswoche mit ihrer Maxime „Sharing gets you further“ – etwas unpräzise mit „Zesumme mobil, besser virukommen“ ins Luxemburgische übersetzt: „Wenn wir es schaffen, statt der statistisch erhobenen 1,1 Insassen in jedem Auto, zwei oder drei unterzubringen, dann haben wir den Großteil unserer Verkehrsprobleme mit einem Schlag gelöst“.

Schade nur, dass gerade über die im Aufbau befindliche überregionale Homepage zum „covoiturage“, also den Mitfahrgemeinschaften, wenig zu erfahren war. Sie hätte ein Highlight der Mobilitätswoche werden können, wenn sie ordentlich beworben worden wäre. Aber stattdessen findet sich nun unter covoit.lu ein Userinterface, das zwar alle Elemente enthält, um AutonutzerInnen zusammenzubringen, das aber nicht erklärt, wie das Ganze funktioniert und somit auch keine brauchbare Mitfahrgelegenheit anbieten kann. Aber vielleicht wird der Plattform ja noch bis zum Start der Woche Leben eingehaucht.

Ähnlich geheimnisvoll geben sich die CFL, die ihr Carsharing-Modell „Flex“ am 21. September um 10h30 im Hauptbahnhof vorstellen werden. Mag sein, dass die CFL-Verantwortlichen auf einen Überraschungseffekt hoffen, um ihr Event am vorletzten Tag sich ein wenig von den anderen abheben zu lassen, doch ein roter Faden, der die ganze Woche durchziehen könnte, kommt so wohl nicht zustande.

Der Verkehrsverbund, als nationaler Koordinator der Verkehrswoche, setzt vor allem auf moderne Kommunikationsformen. Die Information auf mobiliteit.lu wird erweitert. Quasi als Generalprobe zu den mit Einführung der Tram nach und nach eingerichteten „Pôles d’èchange“, die ja auf ein Miteinander der verschiedenen Mobilitätsformen und damit auf Umsteigen setzen, werden jetzt neben den An- und Abfahrtszeiten der verschiedenen Busse und Bahnen auch genaue Angaben zum Umsteigen gemacht. Das wäre auch schon während der Provisorien der letzten Jahre von Nutzen gewesen, denn wer zu dieser Zeit etwa am Boulevard Royal in der Oberstadt seinen Bus wechseln musste, war ziemlich verloren, wenn er zwischen all den Gräben und Pfützen den genauen Abfahrtsort seines Anschlussbusses herausfinden musste.

Mehr Kommunikation

Die seit Anfang des Jahres emsig beworbene Vereinheitlichung der direkten Kommunikation an den Haltestellen und in den Bussen läuft noch immer nicht rund. So prall die Information auf der Internetseite des Verkehrsverbundes auch sein mag, an den Haltestellen und in den Bussen herrscht all zu oft noch Verwirrung. So gilt weiterhin: wer nicht emsig vom Smartphone Gebrauch machen kann, muss herumfragen bis sie oder er den richtigen Bus findet, wenn der dann nicht gerade abgefahren ist.

Es ist zwar schön, wenn die immer zahlreicher werdenden RadfahrerInnen während der Mobilitätswoche beschenkt und die Leute zu Fahrgemeinschaften animiert werden, doch die, die eigentlich auch alles richtig machen, nämlich von vorneherein auf den öffentlichen Verkehr setzen, wurden in den letzten Jahren nicht verwöhnt, sondern durch die endlosen Provisoriums-Serien verunsichert wenn nicht sogar vergrault.

Es fragt sich, nebenbei bemerkt, ob der gemeinschaftliche Charakter der Aktion überhaupt von allen Seiten erwünscht ist. Wer sich auf Internet das gesamte Programm der Verkehrswoche anschauen will, wird auf der entsprechenden „Programm“-Seite auf die Pressekonferenz vom vergangenen Montag verwiesen. Es bleibt nur das mühsame Studium der einzelnen von den Kommunen online gestellten Vorhaben, die allerdings unterschiedlich aufgebaut sind und daher nicht auf einen Blick erkennen lassen, was an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit veranstaltet wird.

Das größte Highlight in diesem Jahr dürften wohl die Aktivitäten im Rahmen der Aktion „La ville est belle“ der Stadt Luxemburg sein. Immerhin werden an diesem Sonntag, dem 17. September zwischen 11 und 18 Uhr große Teile der Oberstadt und des Bahnhofsviertels für autofrei erklärt und (fast) integral der sanften Mobilität überlassen. Doch auch hier wird ein bisschen „band à part“ gespielt, denn eigentlich gilt Freitag der 22. September europaweit als autofreier Tag. Zudem war, auf einer gesonderten Pressekonferenz, das hauptstadtspezifische Programm einen Tag später als das der nationalen Mobilitätswoche präsentiert worden. Für die MedienvertreterInnen wäre es sicherlich dankbarer, würden so wichtige Aktionen früher und vor allem „in einem Guss“ präsentiert – schließlich fällt die europaweite Verkehrswoche nicht vom Himmel, und die Eckdaten sind lange im Voraus bekannt.

In der Vergangenheit hat die woxx immer wieder moniert, dass die Umsetzung des autofreien Tages nur halbherzig betrieben wurde. Nun gut, auch in Brüssel fehlt der Mut, die Innenstadt oder sogar die anderen Stadtviertel an einem normalen Wochentag von Autos zu befreien. Dafür passiert es dort aber flächendeckend und den ganzen Sonntag über.

Der blau-grüne SchöffInnenrat tastet sich langsam an den Idealzustand heran und schließt immerhin die Hauptachsen zwischen Bahnhof und Oberstadt in die autofreie Zone mit ein. Allerdings scheint eine gewisse Angst vor der eigenen Courage doch nicht ganz überwunden zu sein: Mit ebenso großen Lettern wie denen, die auf die Sperrung der Straßen aufmerksam machen, weist das Veranstaltungsplakat auf den Umstand hin, dass der Zugang zu sämtlichen Parkhäusern während der neunstündigen Aktion gewahrt bleibt.

Gegenüber Anrainern, die sich in ein Parkhaus eingemietet haben, ist eine solche Regelung – dies als Fußnote – sicherlich gerechtfertigt, doch im Rahmen des Aktion des „autofreien Tages“ führt der Hinweis zu der absurden Schlussfolgerung, dass man sich getrost mit dem Auto in die Stadt begeben kann … um sie dann per Fuß oder mit Rad weiter zu erkunden.

Einen autofreien Boulevard Royal – hier als „Vision“ der LVI – wird es auch in diesem Jahr nicht geben – soweit reichte der Mut der Hauptstadtverantwortlichen dann doch nicht.

Fahrradbrücke als Highlight

Während der Verkehrsverbund sich mit „nur“ einem Staatssekretär zufrieden geben musste, durfte die Stadt Luxemburg bei der Vorstellung ihres Programms immerhin den Nachhaltigkeitsminister persönlich begrüßen. Zugegeben, François Bausch hat als Verkehrsschöffe der Hauptstadt einiges ins Rollen gebracht und kann als Minister auf zahlreiche Vorhaben verweisen, die ebenfalls vor allem der Hauptstadt zugute kamen. Das herausragende unter diesen ist sicherlich die Fahrradbrücke unterhalb der renovierten Adolphe-Brücke, die eine nicht unbewegte Geschichte hinter sich hat und bereits im Frühsommer der Presse vorgestellt worden war (siehe nebenstehenden Artikel und woxx 1432). Die letzten Tage wurde intensiv an ihrer Fertigstellung gearbeitet, und zwar insbesondere an den beiden Ausfahrten, die ja radfahrgerecht angelegt werden müssen. Das scheint, so weit einsehbar, gelungen zu sein. So werden am Sonntag sicherlich viele Menschen – per Rad oder zu Fuß – einen Blick von unterhalb der Brücke ins Petrusstal wagen.

Während unterhalb des runderneuerten „Pont Adolphe“ die TeilnehmerInnen sich sogar regengeschützt der sanften Mobilität hingeben dürfen, symbolisieren die bereits auf der oberen Fahrbahn verlegten Schienen für die Tram die nächste Etappe der neuen Mobilität für die Hauptstadt. Zwar wird die erste Ausbaustufe der Trambahn erst im Dezember eröffnet und vorerst noch nicht das Stadtzentrum erreichen, dafür aber soll im Anschluss an die Verkehrswoche, am Wochenende des 23. und 24. September, ein Tag der offenen Tür im neuen „Tramsschapp“ stattfinden – samt Probefahrt im Rangierhof – und für richtige Vorfreude sorgen.


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