FRAUEN UND INDUSTRIE: Zwischen Herd und Hochofen

Eine Ausstellung in Uckange macht die strategische Rolle der Frau in der Stahlindustrie transparent – und damit auch eine Lebensrealität, der noch heute zu wenig Beachtung geschenkt wird.

Vielseitig waren die Aufgabenfelder der Frauen. Sie emanzipierten sich von der Hausfrau hin zur Fabrikarbeiterin.

Auf dem einen Foto erkennt man eine junge Frau, am Küchentisch sitzend, mit adrett gescheitelten Haaren, um die Taille eine karierte Schürze gebunden. Sie gibt ihrem Mann und ihren zwei Kindern Essen auf den Teller. Auf einem anderen Foto sieht man eine Frau an einem mit Wachstuch ausgelegten Tisch stehen. Sie schält Kartoffeln. Ein weiteres Bild zeigt eine junge Frau, die sich über einen Küchentisch beugt und ein gestreiftes Kleid bügelt.

Die Motive sind Teil der Ausstellung „Femmes au pays du fer – Regards croisés“. Sie thematisiert, welche Rolle Frauen zur Hochzeit der Stahlindustrie übernommen haben und wie sich dieses Selbstverständnis im Laufe der Zeit verändert hat: „Die Erfindung der Hausfrau geht einher mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert“, heißt es etwa zu den Schwarz-Weiß-Bildern, aufgenommen in Lothringischen Arbeiterfamilien in den Sechzigerjahren. Auch wenn diese Fotos Momentaufnahmen verschiedener Familienstrukturen sind – das Selbstverständnis der abgelichteten Frauen scheint einheitlich: „Das Leben der Familie orientierte sich an den Arbeitszeiten meines Vaters, er war das Zentrum … Wir warteten immer auf ihn. Wenn er erst gegen drei Uhr Nachmittags von der Schicht kam, dann aßen wir erst um drei Uhr Nachmittags…“, meint eine Zeitzeugin.

Situiert ist die Ausstellung auf historischem Gelände ? nämlich der Industrieanlage von Uckange. Dieses Hüttenwerk, im französischen Fensch-Tal gelegen, wurde in den Jahren 1890 bis 1913 errichtet und war bis 1991 in Betrieb. Es war Bestandteil der in dieser Gegend prosperierenden Eisen- und Stahlindustrie, die sich dank der Bodenschätze wie Holz, Wasser, Kohle und der Eisenmineralien entwickeln konnte. In den Betriebsjahren haben sich hier zwischen 900 und 1.200 Schichtarbeiter rund um die Uhr abgelöst, um bis zu einer Million Tonnen Roheisen pro Jahr für Stahlwerke und Gießereibetriebe zu produzieren. Die Anlage, die ehemals vier Hochöfen umfasste, von denen indes nur einer bis heute erhalten geblieben ist – nämlich die Anlage U4 -, steht seit 2001 unter Denkmalschutz.

Die Bewahrung von Kulturgütern wie des Hochofens U4 in Uckange umfasst jedoch nicht nur das materielle Kulturerbe, sondern beinhaltet auch die Sozialgeschichte der vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen. Als Archetypus der Stahlindustrie und Minen gilt gemeinhin der Mann. Die Arbeits- und Alltagssituation von Männern sind bereits ausgiebig erforscht worden. Deshalb entschied sich die lokale Arbeitsgruppe „Travail Patrimoine du Conseil de Développement“ 2003 in Zusammenarbeit mit dem „Département ethnologie et sociologie“ der Uni Metz, zur Situation der Frauen in der Stahlindustrie zu forschen.

Das Ergebnis lässt sich sehen: „Femmes au pays du fer – Regards croisés“, ist eine Ausstellung, die mittels Fotomaterial und Gebrauchsgegenständen – etwa zeitspezifischen Haushaltsgeräten – einen plastischen Einblick in die Vielfalt der weiblichen Lebensläufe ermöglicht. Insbesondere Textpassagen, die auf Interviews mit Frauen basieren, beleuchten die Verbindungen zwischen den in den Industrien arbeitenden Männern und den anfänglich vorwiegend im Haushalt tätigen Frauen. Dazu wurden zwischen 2004 und 2006 Bewohnerinnen der zehn Gemeinden des Fensch-Tales mit dem Ziel befragt, die Rollen und Aufgaben der Arbeiterfrauen aufzudecken, um die Entwicklung seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu verstehen. Das selbst gesetzte Ziel der Ausstellung bestand – nach Aussagen der MacherInnen – vor allem darin, die Frauen aus ihrer Unsichtbarkeit herauszuholen.

„Das Leben der Familie orientierte sich an den Arbeitszeiten meines Vaters. Er war das Zentrum – wir warteten immer auf ihn.“

Insbesondere vier Lebensbereiche erforscht die Ausstellung´. So beleuchtet sie etwa das Aufgabenfeld der Frauen im Haushalt. Einerseits waren die Frauen in der Öffentlichkeit quasi unsichtbar, andererseits trugen sie aber doch ihren Teil zum lokalen ökonomischen Aufschwung bei. Es wird gezeigt, wie die Frauen sich in lokalen Vereinen und in Gewerkschaften engagierten und dadurch auch ihre persönlichen Lebensbedingungen verbessern konnten. „Regards croisés“ beleuchtet aber auch den Immigrationsaspekt: Der technologische Fortschritt in der Stahlerzeugung bewirkte einen industriellen Aufschwung in der Region und damit auch den Zuzug vieler in- und ausländischer Arbeitskräfte sowie deren Familien.

„Die in den Vorgärten aufgehängte Wäsche zeugte von der Tüchtigkeit der Hausfrau und ihrer Fähigkeit, den Haushalt zu führen“. Ein Statement, das die damalige Wertschätzung der Arbeit der Frau widerspiegelt: Während die Männer in den Fabriken angestellt waren, bewirkte die gängige Sozialnorm, dass Frauen, sobald sie geheiratet hatten und Mütter wurden, den Haushalt führen mussten. Im Fensch-Tal wurden die Haushaltsschulen von den Stahlunternehmern bereitgestellt. Dort sollten Hausfrauen geformt werden, die mit ihren alltäglichen Aufgaben wie Kochen, Spülen oder Bügeln sowie anderen praktischen Arbeiten ausgefüllt sind.

Haushaltsarbeit war lange sozial unsichtbar und wurde nicht entlohnt. So arbeitete noch in den Siebzigerjahren im Fensch-Tal eine Hausfrau und Mutter von drei Kindern rund 70 Stunden in der Woche, die nicht bezahlt wurden. „Mein Mann verdiente vier mal soviel wie ich. So blieben die Frauen zuhause … Wir hatten wenig soziale Öffnungen: Es gab das Radio. Jedoch wurde nicht immer gesendet“, heißt es in einem Interviewdokument. Ausgestellte Haushaltsbücher zeugen von den teils penibel notierten Ausgaben und Einnahmen. Sparen war die Devise. Um die Ausgaben zu reduzieren, bauten viele Arbeiterfamilien, die größtenteils bäuerlichen Ursprungs waren, weiterhin Gemüse an – wobei hier auch der Mann und die Kinder mithalfen. Dabei zeugten die Arbeitergärten auch von ihren vielfach immigrierten Eigentümern: Neue Kulturpflanzen, etwa Kohl aus Polen oder Tomaten aus Italien, wurden angebaut. Das Fensch-Tal hatte aufgrund seiner florierenden Monoindustrie im 20. Jahrhundert einen regen Aufschwung erlebt. Die lokale Immigration reichte nicht mehr aus, Arbeiter aus Italien, den slawischen Ländern, Algerien, Tunesien und Marokko zogen in die Lorraine.

„Schon damals fuhr ein Lieferwagen durch die Dörfer zu den Italienern und verkaufte italienische Produkte wie Mortadella und Käse… Wir bewahrten immer unsere italienischen Traditionen und es gab italienisches Essen“, berichtet eine Befragte. Von der Gartenernte bis hin zur Zubereitung von traditionellen Gerichten übernahmen viele immigrierte Frauen einerseits die kulinarischen Spezialitäten ihrer Herkunftsländer. Andererseits boten Kochrezepte auch die Möglichkeit, sich unter Nachbarn auszutauschen und sich in der Fremde zu integrieren. Neue Sozialkontakte entstanden rund um Feierlichkeiten. Noch heute zeugen das italienische Filmfestival von Villerupt sowie das arabische Filmfestival von Fameck von dieser großen kulturellen Vielfalt der Immigranten.

„Die Männer sahen dich als Frau von oben nach unten an – sie pfiffen dir hinterher – als Frau musstest du dich behaupten.“

„Femmes au pays du fer – Regards croisés“ thematisiert aber auch, wie sich Frauen zunehmend vom Haushalt emanzipierten. Insbesondere ab den Vierzigerjahren veränderte sich die Wahrnehmung von Arbeit. Arbeiten bedeutete nicht mehr nur materielle Notwendigkeit, sondern der Sozialisierungsaspekt von Arbeit rückte zunehmend in den Vordergrund: Einen Beruf auszuwählen bedeutete, sein eigenes soziales Schicksal bestimmen. Ab 1970 belegten so auch Frauen Arbeitsplätze in der Stahlindustrie des Fensch-Tales – was, wie die Aussagen der Frauen belegen, anfänglich nicht als selbstverständlich wahrgenommen wurde: „Die Männer sahen dich als Frau von oben nach unten an? sie pfiffen dir hinterher? als Frau musstest du dich behaupten“, meint eine ehemalige Arbeiterin.

Auch wenn Frauen nicht auf typisch männlichen Arbeitsplätzen anzutreffen waren – etwa in der Gießerei -, so waren sie dennoch nicht auf so genannte Frauenberufe wie Sekretärin oder Krankenschwester beschränkt. Frauen arbeiteten in den Produktionsateliers, sie wurden Gabelstaplerfahrerinnen, Mechanikerinnen, Walzwerkarbeiterinnen oder Ingenieurinnen. Daneben wurden Frauen aus unterschiedlichsten Gründen in Vereinigungen aktiv. Einige Frauen engagierten sich, da sie nicht auf Haushalt und mütterliche Fürsorge beschränkt sein wollten. Andere wiederum waren um das Gemeinwohl besorgt. Viele Frauen waren in Vereinigungen aktiv, die an das alltägliche Leben anknüpften, in denen es um die Kinderbetreuung, um Gesundheitsprobleme oder karitative Ziele ging. Ab 1920 konnten die Frauen im Fensch-Tal einer Gewerkschaft beitreten – ohne die explizite Erlaubnis ihrer Männer. Trotz allem blieb gerade die Gewerkschaftsarbeit eher Männersache, zumindest laut der Darstellungen von Betroffenen: „Die Gewerkschaften waren recht machomäßig organisiert. Es gab nicht viele Frauen, die sich einsetzten. Das war eher Männersache. Die Frauen hätten sich Kindertageskrippen, flexible Arbeitszeiten gewünscht – damals jedoch waren solche Ideen einfach utopisch.“ Erst in den Siebzigerjahren fingen Frauen an, ihre Rechte als Angestellte der Stahlindustrie einzufordern. Und das zu einem Zeitpunkt, als sich deren Niedergang schon ankündigte: 1962 wurde das erste Stahlwerk geschlossen. Zwischen 1975 und 1990 büßte die Region Thionville-Fensch rund 22.000 Arbeitsplätze ein.

„Die Gewerkschaften waren recht machomäßig organisiert. Es gab nicht viele Frauen, die sich einsetzten – das war eher Männersache.“

Die Ausstellung „Femmes au pays du fer – Regards croisés“ bietet einen anschaulichen – insbesondere ethologisch-sozialen – Einblick in die Lebensrealitäten von Frauen. Sie thematisiert eine Wirklichkeit, die allzu lange vernachlässigt wurde und zu der es auch in Luxemburg bisher kaum Forschungsansätze gibt.

Luxemburg kann sich von der Konzeption des Industriegeländes in Uckange, die durch die „Communauté d’Agglomération du Val de Fensch“ bewerkstelligt wurde, ohnehin eine große Scheibe abschneiden: Verlässt man nämlich die Ausstellung, die in einem kleinen Zelt auf dem Industriegelände untergebracht ist, bietet sich die Gelegenheit, den letzten erhaltenen Hochofen – futuristisch U4 genannt – zu besichtigen. Interessant ist hier insbesondere, dass die Hochofenanlage praktisch unangetastet geblieben ist. Der Hochofen mit seiner Gießhalle, dem Gasmaschinengebläse, den Kompressoren, den Verarbeitungshallen sowie dem Umspannwerk, fungiert als Herzstück der zwölf Hektar großen Anlage. Neu installierte Rampen und Fußübergänge auf unterschiedlichsten Niveaus, die am Hochofen vorbeiführen, ermöglichen einen unmittelbaren Einblick in die Produktionskette des Schmelzvorganges. Per Ipod und Schautafeln ist eine einfache und präzise Einführung in den Produktionsablauf gewährleistet.

Es ist also doch möglich, Industriekultur unmittelbar und lebendig zu vermitteln, ohne sie zum Nebenprodukt der Stadtentwicklung zu machen, wie dies zum Teil in Esch-Belval der Fall ist.

Die Ausstellung „Femmes au pays du fer – Regards croisés“ ist auf dem Gelände des Hochofens U4 in Uckange noch bis zum 26. Oktober zu besichtigen. Öffnungszeiten: Vom 1. Mai bis zum 26. Oktober, dienstags bis sonntags von 14.00 bis 18.30 Uhr. Weitere Informationen unter der Telefonnummer: 0033 382 866 530.


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.