59. INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE IN BERLIN: Auf Bärenjagd

Vom 5. bis zum 15. Februar stand Berlin ganz im Zeichen der 59. Internationalen Filmfestspiele. Die „Berlinale“ verzeichnete dieses Jahr neue Besucherrekorde und die Jury überraschte wieder mit ihren Entscheidungen.

Da war der rote Teppich schon weggeräumt:
Blick auf den Berlinale Palast am Potsdamer Platz.

In den zehn Tagen des Festivals wurden insgesamt 383 Filme in 1238 Vorführungen gezeigt und eine Rekordzahl von 270.000 Tickets verkauft. Nicht nur der internationale Wettbewerb mit der anschließenden Preisvergabe der „Bären“ stand im Mittelpunkt dieses sehr umfangreichen Festivals. Es wurden zwar nur in den drei Sektionen Wettbewerb, Panorama und Berlinale Shorts, Preise verliehen aber auch in weiteren vier Kategorien liefen sehenswerte Filme, die es leider selten in die regulären Kinos schaffen werden.

Am Samstagabend gaben der Festival-Direktor Dieter Kosslick und die siebenköpfige Jury um Präsidentin Tilda Swinton die Gewinner der begehrten Bären bekannt und es gab einige erfreuliche Überraschungen. Der Hauptpreis für den besten Film, der Goldene Bär, ging an den peruanischen Film „La Teta Asustada“. Die Regisseurin Claudia Llosa erzählt darin die verstörende Geschichte einer jungen Indigena, Franca (Magaly Solier), die mit ihrer Mutter in einem ärmlichen Vorort Limas wohnt. Während des Bürgerkriegs wurde die schwangere Mutter vergewaltigt und gab ihrer Tochter über die Muttermilch eine mysteriöse Volkskrankheit – eine Art Angstneurose – weiter. Als die Mutter stirbt und Franca sie in ihr Heimatdorf zurückbringen will, beginnt ihr Kampf gegen diese Angst. Franca schützt sich vor dem Leben indem sie sich in ihre eigene Welt zurückzieht und Lieder in Quechua singt, um das Böse zu vertreiben. Als Schutz vor Männern trägt sie eine Kartoffel in ihrer Vagina. Im Verlauf des Films wird dargestellt, wie Franca erst über den schmerzhaften Weg von Verlust und Trauer die Kraft zu leben findet. „La Teta Asustada“ ist ein sehr bewegender und poetischer Film, der von seiner anmutigen Hauptdarstellerin Solier lebt. Claudia Llosa, die auch das Drehbuch schrieb, hat mit ihrem zweiten Spielfilm gezeigt, dass sie in Bezug auf gekonnte – wenn auch unorthodoxe – Narration ihrem Onkel, dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa, in nichts nachsteht.

Der prämierte Film zählte aber keineswegs zu den Favoriten des Festivals; Kritiker spekulierten auf einen deutschen bzw. amerikanischen Gewinner. Die deutsche Produktion „Alle Anderen“ war schon vor Beginn des Festivals hoch gehandelt worden und konnte dann tatsächlich zwei Trophäen abstauben. Der Silberne Bär für die beste Darstellerin ging an Birgit Minichmayr, die mit ihrer beachtenswerten Leistung in diesem Beziehungsdrama der Jury zu einer einstimmigen Entscheidung verhalf. Zusätzlich gewann „Alle Anderen“ den Großen Preis der Jury, den sich die neue Hoffnung am deutschen Filmhimmel, Regisseurin Maren Ade, mit dem Hauptgewinner des Abends, Adrián Biniez, teilen kann. Gleich dreimal durfte der Regisseur der uruguayisch-deutschen Produktion „Gigante“ einen Preis auf der Bühne des Berlinale Palasts abholen. Zusätzlich zum Silbernen Bären gewann der 34-Jährige mit seinem Filmdebüt den Alfred-Bauer-Preis (ex aequo mit Andrzej Wajdas „Tatarak“) und den Preis für den besten Erstlingsfilm.

Nicht ganz so überraschend wie der Hattrick für „Gigante“ war die Vergabe des Silbernen Bären für die beste Regie an den iranischen Filmemacher Ashgar Farhadi. Mit seinem vierten Spielfilm „Darbareye Elly“ versucht er erfolgreich, den Zuschauer vom passiven Konsumieren zum aktiven Mitdenken zu bewegen und ihm keine vorgefassten Meinungen aufzuzwingen. Es gelang ihm ein intelligenter Film über Doppelmoral und Geschlechterrollen im Iran.

Die Amerikaner kamen schlecht weg …

Die Tatsache dass Brenda Blethyn nicht für ihre Rolle in Rachid Boucharebs sehr packendem Drama „London River“ geehrt wurde, verblüffte wiederum viele Kritiker, denn die Britin galt früh als Favoritin. Dafür wurde ihr Kollege Sotigui Kouyaté verdienterweise mit dem Silbernen Bären als bester Darsteller ausgezeichnet. Der sympathische Afrikaner, der bei der Festgala das Publikum eine Viertelstunde lang mit weisen Anekdoten zu unterhalten wusste, hatte als suchender Vater das Herz der Jury und der Zuschauer erobert. Zusammen mit Kollegin Blethyn gab er das hilflose Gefühl verzweifelter Eltern auf natürliche Art wieder. Bouchareb („Little Senegal“, „Indigènes“) verarbeitet das Thema der Londoner Terroranschläge mit sehr viel Feingefühl und nicht wenige hätten sich über eine weitere Auszeichnung für diesen bewegenden Film gefreut.

Ein weiterer Wettbewerbsfilm, der für viel Gespräch und kontroverse Rezeption gesorgt hat, ist das rumänisch-ungarische Racheepos „Katalin Varga“ von Peter Strickland. Von der Jury mit dem Silbernen Bären für herausragende künstlerische Leistungen im Bereich Sound-Design ausgezeichnet, spaltete dieser Film die Meinungen auf extremste Weise. Die junge Mutter Katalin (herausragend: Hilda Péter) muss ihr Dorf in Transsilvanien verlassen, weil bekannt wurde, dass ihr Sohn Orbán unehelich gezeugt wurde. Sie macht sich mit ihm auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf um Rache zu nehmen an den zwei Männern, die ihr Leben zerstörten.

aber dafür gab es einige erfreuliche Gewinner

Der Film wirft äußert geschickt die Frage auf, was Gerechtigkeit ist und wie Rache zu einer endlosen Kette der Vergeltung führen kann. Seine Bildgewalt rührt nicht nur von der beeindruckenden Landschaft; Strickland inszeniert verstörende Momente in denen Mensch und Natur bedrohlich wirken und Katalin Varga als archaische Rachegöttin den Zuschauer in ihren Bann reißt. Man hätte dem Film eine größere Beachtung gewünscht denn er versteht es, Eindruck zu hinterlassen.

Bei der schieren Masse an Filmen die gezeigt wurden, ist es natürlich schwer einen roten Faden zu finden. Doch gerade bei den Wettbewerbsfilmen konnte man erkennen, dass vor allem starke Frauen, die versuchen ihr Leben eigenhändig in den Griff zu bekommen, im Mittelpunkt standen. Bestes Beispiel dafür ist Andrzej Wajdas „Tatarak“. Der polnische Altmeister, der mit dem Alfred-Bauer-Preis geehrt wurde, überschreitet in seinem Film die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Scheinbar im Vordergrund steht die Geschichte Martas (Krystyna Janda), einer älteren, verheirateten Frau, die sich einer Romanze mit dem jungen Bogús (Pawel Szajda) hingibt. Zwischendurch wird der Erzählrahmen aufgebrochen und man sieht Krystyna Janda, nicht in einer Rolle sondern „as herself“, in einem kargen Hotelzimmer. Dort erzählt sie vom Verlust ihres Mannes, dem bekannten polnischen Kameramann Edward Klosinski, der während der Dreharbeiten zu „Tatarak“ schwer erkrankte und starb. Immer wieder wechselt die Perspektive von den realen, dokumentarisch anmutenden Erzählungen Jandas zu Martas filmischer Leidensgeschichte. Dabei entsteht nicht nur ein wunderbarer Film sondern auch eine Hommage sowohl an die Liebe als auch an die Kunst.

An Künstlichkeit waren dafür die amerikanischen Varianten der starken Frauen jedoch kaum zu überbieten. Sowohl in Mitchell Lichtensteins „Happy Tears“ wie auch in Richard Loncraines „My One And Only“ ist zwar ein beachtliches Starangebot zu sehen aber keine der beiden Geschichten kam auch nur annäherungsweise an die Intensität der Mitstreiter „Darbareye Elly“, „La Teta Asustada“ oder „Tatarak“ heran. Renée Zellweger wird wahrscheinlich dennoch zahlreiche Zuschauer in Loncraines biederes Pseudo-Roadmovie locken. Erstaunlich viele Kritiker sind zwar dem Charme dieses faden Schinkens erlegen, dabei weiß er nur mäßig mit seinem vermeintlichen Witz zu überzeugen. Hier wird auch eine Ambivalenz deutlich, die diesem Festival inne liegt. Viele der wunderbaren Filme, die hier gezeigt wurden, werden höchstens in Arthouse-Kinos zu sehen sein und erreichen nur selten das große Publikum. Dafür konkurrieren diese Filme mit größeren amerikanischen Produktionen, die wiederum von der Filmkritik verschmäht von den Zuschauern aber geliebt werden. Bezeichnenderweise wurde nur eine einzige nordamerikanische Produktion mit einem Jury-Preis geehrt. Oren Movermans „The Messenger“, der den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekam, erzählt die Geschichte zweier Soldaten, deren undankbare Aufgabe darin besteht, die Familien von Kriegsgefallenen die traurige Botschaft vom Tod eines Verwandten zu übermitteln.

Parallell zu den Preisen der Internationalen Jury wurde in diesen Tagen zum 23. Mal auch die TEDDY Awards verliehen. In den Kategorien Spielfilm, Kurzfilm und Dokumentarfilm vergibt eine achtköpfige Jury einen mit 3.000 Euro dotierten Preis an Filme mit queerem Hintergrund aus dem Berlinale-Programm. Zu den diesjährigen Gewinnern zählt Julián Hernández‘ Spielfilm „Rabioso Sol, Rabioso Cielo“, der auf visionäre Art und Weise die Themen Liebe, Begehren und Sexualität behandelt. Ein Special TEDDY ging an John Hurt für seine herausragende Leistung in dem Bio-Pic „An Englishman In New York“. Darin verkörpert er den schwulen britischen Schriftsteller Quentin Crisp, der in den siebziger Jahren zu der Kultfigur der New Yorker Schwulenszene wurde.

Auch die Zuschauer werden bei der Berlinale zur Urne gebeten: beim PanoramaPublikumsPreis durften sie einen Film ehren und dabei fiel ihre Wahl dieses Jahr auf den Gonzo-Dokumentarfilm „The Yes Men Fix The World“. In dieser Produktion decken die beiden US-Amerikaner Andy Bichlbaum und Mike Bonanno auf, wie die Marktwirtschaft funktioniert ? oder eher dysfunktioniert. Die „Yes Men“ bewegen sich als Börsianer verkleidet durch die bunte Welt des finanziellen Wahnsinns und demonstrieren wie der Markt die heutige Gesellschaft beeinflusst.

Die Wirtschaftskrise scheint also auch den Potsdamer Platz erreicht zu haben, wenn auch voerst nur als Film. Denn wer das geschäftige Treiben fast 20.000 Akkreditierter aus 136 Ländern zwischen Berlinale Palast und Sony Center beobachtete, konnte meinen, es stehe gar nicht so schlimm um die Brieftaschen der Leute. Dazwischen waren auch viele neugierige Berliner zu sehen, die, wie der Ticketverkauf es gezeigt hat, sich stark für das filmische Angebot „ihres“ Festivals interessierten. Gerade die neuen Spielstätten im Friedrichspalast und das Cinema Paris im Institut Français fanden großen Zulauf. Auch der European Film Market, eine der größten internationalen Börsen der Filmindustrie für Verleiher und Produzenten, zog eine positive Bilanz von den diesjährigen Festspielen. Der weltweiten Rezession zum Trotz sollen die Geschäfte gut gelaufen sein.

Somit war die diesjährige Berlinale nicht nur für Bärenfänger ein erfolgreiches Spektakel.


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