GREENPEACE LUXEMBURG: 25 Jahre Aufmerk- samkeit

Fester Bestandteil der Luxemburger Umweltszene, und doch ein bisschen anders: Greenpeace sorgt seit 1984 für heftige Diskussionen über Aktionsformen und Inhalte.

Mit Pinsel und Kletterseil.
Auch Greenpeace Luxemburg beteiligt sich an den Aktionen gegen Shell.

Als im Herbst des Jahres 1971 ein Dutzend Umweltschützer an Bord des Schiffes „Greenpeace I“ versuchten, einen US-Nukleartest auf der Insel Amchitka im Nordpazifik zu verhindern, knüpften sie an ein politisches Paradigma von 1968 an: Das der Revolte gegen ein übermächtiges System. Der Versuch misslang, die Bombe explodierte, doch die Aktivisten gewannen Medienaufmerksamkeit für sich und ihre Ziele – und nahmen damit eine für das 21. Jahrhundert bedeutsame Entwicklung vorweg: Das Aufkommen des so genannten Informationskrieges.

Es sollte noch über ein Jahrzehnt dauern, bis am 24. August 1984 Greenpeace Luxemburg gegründet wurde. Damals schwamm die Organisation mit auf der großen Welle der Empörung über den Bau des Atomkraftwerks in Cattenom. Einer der Aktivisten der ersten Stunde, Roger Spautz (1987 erster fester Angestellter), ist heute zuständig für die Kampagnen „Klima“ und „Energie“. Mit der französischen Atomzentrale hat er immer noch zu tun: Erfolglos hat Greenpeace in den vergangenen Jahren versucht, den Anschluss des luxemburgischen Stromnetzes an das französische zu verhindern – die so genannte Cattenom-Leitung. Wirklich erfolglos? Zwar hat Wirtschaftsminister Jeannot Krecké grünes Licht gegeben, doch gebaut ist die Leitung noch nicht. Verloren hat dabei bisher vor allem die LSAP, deren Glaubwürdigkeit in Sachen Umweltpolitik durch Entscheidungen wie diese erschüttert ist. Der Preis, den die Parteien zu zahlen haben, wenn sie sich über die von Greenpeace erhobenen Forderungen hinwegsetzen, zeugt vom beträchtlichen Einfluss der Umweltorganisation.

Schon immer hat die Greenpeace-Mischung aus Seriosität und Radikalität Paul Delaunois angezogen, „besonders die direkten Aktions-formen“.

Bereits in der Anfangszeit, als dieser Einfluss noch nicht abzusehen war, beeindruckten die Greenpeace-Militanten durch ihren konsequenten Einsatz für die Umwelt. „Ich fand das einfach stark, wie man im Fernsehen diese paar Leute in den USA oder in Spanien gegen die Staatsmacht kämpfen sah“, beschreibt Paul Delaunois, Direktor der luxemburgischen Sektion, seine frühesten Erinnerungen an Greenpeace. In den 80ern gehörte er zuerst in seinem Herkunftsland Belgien der Organisation an, danach in Luxemburg. Bis 2004 war er Direktor des alternativen Unternehmens Colabor und gilt als Kenner der belgischen und der luxemburgischen NGO-Szene.

Was ihn bei Greenpeace schon immer angezogen hat, erläutert er, sei die Mischung aus Seriosität und Radikalität, „besonders die direkten Aktionsformen“. Wichtig sei ihm auch die finanzielle Unabhängigkeit der Organisation. „Wir sind mit Amnesty eine der wenigen NGOs, die ihre finanzielle Unabhängigkeit von der öffentlichen Hand bewahren. Das schlägt sich auch in der Radikalität unserer Positionen nieder“, so Delaunois.

Dass die spektakulären Aktionen nicht nur Show sind, zeigte sich spätestens 1985, als französische Kampftaucher die „Rainbow Warrior“, ein Expeditionsschiff der Organisation, im Hafen von Auckland sprengten, wobei der Fotograf Fernando Pereira ums Leben kam. Dieser staatsterroristische Akt, der eigentlich die Greenpeace-Störaktionen gegen französische Atomtests in Mururoa verhindern sollte, führte zur vorläufigen Aussetzung der Tests. Außerdem kostete er den Verteidigungsminister Charles Hernu das Amt – ein Bauernopfer, wie man heute weiß: Die Sprengung war vom sozialistischen Präsidenten François Mitterand persönlich gebilligt worden. Nicht zuletzt trug die Versenkung der Rainbow Warrior viel zum Prestige von Greenpeace bei, und insbesondere zur Akzeptanz ökologischer Ideen innerhalb der französischen radikalen Linken.

Doch Greenpeace wäre nicht Greenpeace, wenn es neben dieser hochpolitischen Story nicht auch eine Art Seifenoper gäbe: 1977 trat die Umweltorganisation Seite an Seite mit Brigitte Bardot gegen die Robbenjäger in Neufundland an – und löste eine emotionsgeladene Debatte aus. Anders als die Schauspielerin und Tierschützerin ist Greenpeace in dieser Frage mittlerweile zurückhaltend geworden: Einerseits hat die Robbenjagd eine bedeutsame soziale Komponente, und andererseits sind die Bestände nicht wirklich vom Aussterben bedroht. Das Klischee, Greenpeace versuche, mit einem „Sex-Symbol“ und Bildern von niedlichen Pelztieren Politik zu machen, blieb trotzdem haften.

Mit dem Schutz einer anderen Tierart sammelt Greenpeace dagegen auch heute noch Sympathie-Punkte: Der Wal, größte lebende Säugetierart, symbolisiert die Macht des Meeres – und ist tatsächlich vom Aussterben bedroht. Vor allem aber sind die Tiere stark vom allgemeinen ökologischen Zustand der Ozeane abhängig. „Das Ökosystem Meer zu schützen klingt zu technisch, um die Leute anzusprechen“, findet Paul Delaunois. „Deshalb benutzen wir den Wal als Ikone. Dass diese Tiere verschwinden könnten, das beeindruckt das Publikum, und sensibilisiert es für Naturschutz allgemein.“ Doch auch zu technischen Problemen, wie der Belastung der Ozeane durch Industriemüll, fallen der Organisation immer wieder originelle Aktionen ein. 1995 besetzen Aktivisten die Ölplattform Brent Spar, um deren Versenkung durch den Shell-Konzern zu verhindern. In Luxemburg erstiegen ihre Kollegen ein Ölreservoir und übermalten die gelbe Muschel.

Dass Greenpeace auch den Frieden im Namen trägt, ist nicht nur ein Relikt der Gründerzeit, als man sich mit dem „Peace“-Gruß verabschiedete. Seit jeher kritisiert die Organisation den Rückgriff auf militärische Gewalt und fordert insbesondere die Vernichtung aller Atomwaffen. Allerdings gab sie sich im Jahre 1999, beim Angriff der Nato gegen Ex-Jugoslawien, recht zurückhaltend – nicht anders als große Teile der Friedensbewegung. Greenpeace konzentrierte sich, wie bereits 1991 während des Krieges um Kuwait, auf die Auswirkungen der Bombardierungen und der uranhaltigen Munition auf die Umwelt. 2001 fiel die Absage an den Einmarsch nach Afghanistan schon etwas klarer aus. 2003 schließlich beteiligte sich Greenpeace weltweit an den Protesten gegen die Invasion des Irak. Auch in Luxemburg war die Organisation damals eine der Triebkräfte der großen Antikriegs-Demos.

Bei der Einstellung zu Konflikten wie dem Irakkrieg spielt neben dem „Peace“ auch das „Green“ eine Rolle: Die Bereitschaft des Westens und insbesondere der USA, im Mittleren Osten militärisch einzugreifen, hängt ja stark mit den dort vorhandenen Erdölvorkommen zusammen. Mit anderen Worten: Ein Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft ist Friedenspolitik, ein Festhalten an ihr erhöht das Risiko künftiger Konflikte. Erdöl und Kohle durch erneuerbare Energien zu ersetzen, fordert Greenpeace seit den 80ern, als der Treibhauseffekt erstmals analysiert wurde. Dazu gab und gibt es immer wieder spektakuläre und konfliktträchtige Aktionen, wie die Durchführung eines Anti-Kohle-Camps im Vorfeld des Klimagipfels Ende 2008 in Poznan, bei dem die AktivistInnen von Bergarbeitern bedroht wurden.

Mit dem „Greenpeace-Strom“, hat sich die NGO in Luxemburg möglicherweise ein Kuckucksei ins Nest gelegt.

Schlagzeilen macht Greenpeace aber nicht nur mit „direkten“ Aktionen, die Organisation lanciert zuweilen auch spektakuläre Produkte. So entstand 1993 der erste FCKW-freie Kühlschrank – Fluorkohlenwasserstoffe waren damals die Hauptursache für den Rückgang der Ozonschicht. Drei Jahre später befasste sich die NGO mit dem Tuning von Autos. Das Ergebnis war der „Twingo Smile“, der erste Drei-Liter-Benziner. Auch bei der Energiewende, dem Einstieg in die erneuerbaren Energien, setzt Greenpeace nicht nur auf gute Worte. Seit 1999 gibt es die Firma Greenpeace Energy, die grünen Strom anbietet.

Doch solche pragmatischen Initiativen bedeuten immer eine Gratwanderung. Indem sich die Organisation für bestimmte Produkte einsetzt, geht sie das Risiko ein, ihre Message auf ein „Kauf mich und du bist grün“ zurückzustutzen. Dabei wirft zum Beispiel die Nutzung von Autos vielfältige Probleme auf, die sich nicht durch ein etwas sparsameres Design beheben lassen. Als zwiespältig erscheint auch der „Greenpeace-Strom“, mit dem sich die NGO in Luxemburg möglicherweise ein Kuckucksei ins Nest gelegt hat. Zwar werden bei der Produktion der Elektrizität die vorbildlich strengen deutschen Greenpeace-Auflagen eingehalten, doch der Vertrieb erfolgt hierzulande über die mittlerweile im regionalen Enovos-Konzern aufgegangene Cegedel. In gewisser Weise trägt Greenpeace so zum „Greenwashing“ des Erzfeindes aller Verfechter alternativer Energien bei. Dennoch wurde der Greenpeace-Strom als empfehlenswert eingestuft – in einer von Mouvement écologique und Greenpeace gemeinsam veröffentlichten Bewertung.

Solche Kompromisse sind unvermeidlich, damit die Zusammenarbeit zwischen den beiden größten politischen Umweltorganisationen überhaupt funktioniert. „Das habe ich nie gut gefunden, diese Konkurrenz zwischen NGOs, wie sie in Luxemburg die Regel ist“, klagt Paul Delaunois. Die Situation habe sich allerdings verbessert: „Die Gründergeneration hat sich zurückgezogen, und damit gibt es weniger alte Feindschaften, die einer Zusammenarbeit im Wege stehen.“ Kooperation sei aber kein Selbstzweck, sondern werde dann angestrebt, „wenn man gemeinsam stärker ist“. Beispielhaft hierfür ist die nationale Kampagne gegen genveränderte Organismen. Regelmäßig erfüllt die Politik die Forderungen von „NOGM“, einem Zusammenschluss von 16 Organisationen, in dem Greenpeace federführend ist. Im Bereich Klima und Energie ist die Situation komplexer. Einerseits kam vor den Wahlen die Plattform „Votum Klima“ mit einem gemeinsamen Forderungskatalog zustande, andererseits setzen die NGOs aber auch verschiedenartige Akzente.

Auch die Kritik an der Organisation ist voller Widersprüche. Den einen ist sie zu pragmatisch, zu „kommerziell“, den anderen zu radikal, zu „ideologisch“.

So ist dem Mouvement écologique mehr an der Förderung erneuerbarer Energien in Luxemburg gelegen, wohingegen Greenpeace immer wieder den radikalen Ausstieg aus dem Tanktourismus fordert. Doch in puncto lokale Entwicklung ist die Greenpeace-Position dann alles andere als radikal: Dass „luxemburgischer“ Windstrom laut Regierungsplänen vor allem an der belgisch-niederländischen Küste produziert werden soll, sei kein Problem – Hauptsache der fossile Anteil gehe zurück.

So widersprüchlich die Positionen von Greenpeace zuweilen auch sein mögen – die Kritik an der Organisation ist es nicht minder. Den einen ist sie zu pragmatisch, zu „kommerziell“, den anderen zu radikal, zu „ideologisch“. Auch ihre Gewaltfreiheit wird unterschiedlich eingeschätzt. Ist das Übermalen eines Schildes eine „schwere Sachbeschädigung“, das Blockieren von Tankstellen eine „Nötigung“? Für Delaunois ist der Unterschied klar: „Auch wenn Greenpeace die Gesetze manchmal übertritt, so greifen wir nie Personen an und verursachen keinen irreparablen Schaden.“ Die Verhältnismäßigkeit sieht der Greenpeace-Direktor im allgemeinen als gewahrt an. „Als wir 2002 die Esso-Tankstellen blockiert haben, war die Firma dabei, das Kyoto-Abkommen zu bekämpfen.“ Auch die Störung in der Chamber im vergangenen April sei angemessen gewesen. „Das hat die Leute beeindruckt und zu einer Diskussion geführt“. Dem Vorwurf der Unrechtmäßigkeit begegnet er mit einer Gegenfrage: „Hat Jean-Claude Juncker das Recht, in der Rede zur Lage der Nation der Klimaproblematik nur drei Sätze zu widmen?“

Nicht immer ist die Kommunikation von Greenpeace-Forderungen so spektakulär. Während der Debatte über die Reach-Direktive verrichtete die Organisation vor allem ganz brave, fleißige Lobby-Arbeit in den Brüsseler Kulissen. Allerdings ist auch die Akzeptanz der öffentlichen Meinung und der Medien für Umweltfragen gestiegen; es ist also einfacher, auch für hochtechnische Themen Interesse zu wecken. Delaunois freut sich über diese Veränderung: „In den 80ern haben wir erklären müssen, dass man Filter in den Kaminen braucht. Heute ist das Konsens. Die größte Herausforderung ist das globale Problem der Erderwärmung.“ Der Einsatz von Greenpeace sei manchmal gar nicht verstanden worden: „Als wir 2002 die Tankstellen blockiert haben, konnte Esso auf die ?armen‘ Tankwarte verweisen. Doch als 2007 der von Esso angestrengte Prozess begann, gingen die Medien auf das Klimathema ein.“ In die Zwischenzeit fiel die berühmte Europatour von Al Gore. Wie meistens, hatte Greenpeace eine Vorreiterrolle gespielt – mit Spektakel, aber aus gutem Grund.


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