40 Jahre nach der Atomkatastrophe: Nach dem GAU ist vor dem GAU

von | 29.04.2026

Das traurige Jubiläum der Katastrophe von Tschernobyl erinnert an die Risiken von Kernkraftwerken. Die tickende Zeitbombe vor der Haustür bleibt dieser Tage indes weitgehend unbeachtet.

Das Kernkraftwerk Cattenom mit drei qualmenden Kühltürmen. 

Das veraltete Kernkraftwerk Cattenom, knapp hinter der französischen Grenze, ist bekannt für viele Vorfälle. (Foto: Les Meloures, CC BY-SA 1.0 via Wikimedia Commons)

Es braucht fünf Minuten und nicht mal drei Kilometer über eine leicht kurvige Landstraße bis hinter einem Hügel die Quelle der meistens drei, selten vier Rauchzeichen am Horizont auftaucht: Cattenom. In Zeiten wie diesen erscheint das veraltete Atomkraftwerk noch unheilvoller als sonst. Erst vergangenes Wochenende – in der Nacht von Samstag auf Sonntag – jährte sich die Katastrophe von Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Die Zahl der Opfer ist immer noch umstritten, das Ausmaß des Unfalls weniger. Am heutigen 1. Mai folgt das nächste Jubiläum. Vor 40 Jahren erreichte die radioaktive Wolke aus der heutigen Ukraine Luxemburg.

Was damals sechs Tage brauchte, um uns in unserem großherzogtümlichen Idyll zu erreichen und die Bevölkerung in Panik zu versetzen, würde bei einem Unglück in Cattenom, gerade mal neun Kilometer hinter der Landesgrenze, nicht einmal sechs Minuten dauern. Wie sicher das Kraftwerk nahe der Grenze ist, ist unklar. Sicher ist, dass die Betreiberfirma EDF (Électricité de France) nicht gerade für Transparenz bekannt ist. Die zahlreichen Störungen und Vorfälle der letzten Jahre wurden immer erst mit einiger Verzögerung und unvollständig kommuniziert. Wie viel im Verborgenen (schief) läuft, wissen wir nicht.

„Aus Tschernobyl zu lernen heißt, auf erneuerbare Energien zu setzen“, ließ ein Umweltminister vergangenen Sonntag verlautbaren. Es war nur leider nicht unserer.

Die Probleme von Kernkraft sind immer noch dieselben wie damals. Es bleibt eine Hochrisikotechnologie mit ungelöstem Abfallproblem und einem Wasserverbrauch, den wir uns angesichts der Klimakrise nicht mehr lange ohne Weiteres werden leisten können. Zumal die nächste unbeherrschbare Technologie, die sogenannte „künstliche Intelligenz“, mit ihren Rechenzentren einen ähnlichen Wasserdurst aufweist.

„Aus Tschernobyl zu lernen heißt, auf erneuerbare Energien zu setzen“, ließ ein Umweltminister vergangenen Sonntag verlautbaren. Es war nur leider nicht unserer, sondern der Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) aus Deutschland. Während Schneider vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auch über die Gefahr der Beschädigung durch Kriegshandlungen aufmerksam machte, schwieg Serge Wilmes. Immerhin ist die Devise seines Chefs ja, sich nicht gegen den Einsatz von Kernkraft in anderen Ländern auszusprechen, solange diese weit genug von Luxemburg entfernt sind. Dabei ist es in Tschernobyl bereits im Februar letzten Jahres zu einer Beschädigung der Schutzhülle durch eine russische Drohne gekommen. Schon jetzt ist die Strahlengefahr erhöht und es bräuchte eine internationale Kraftanstrengung, um die Schäden zu reparieren. Stattdessen dreht sich die Welt zur nächsten Krise weiter. Die Gefahr in Tschernobyl verblasst bis zum nächsten Jubiläum.

Doch das steht bereits vor der Tür: Im November wird Cattenom 40 Jahre alt, die ursprünglich ausgelegte Betriebsdauer der vier Reaktoren. Was eigentlich das Ende sein sollte, geht in die Verlängerung. Es gibt Pläne, am selben Standort ein neues Kernkraftwerk zu bauen (woxx 1845) und Cattenom bis dahin mit neuen Sicherheitsmerkmalen auszustatten, die allerdings wegen seiner Bauweise nicht dem Stand der Technik entsprechen können (woxx 1804). Bislang wurde die Laufzeit um zehn Jahre bis 2036 verlängert. Zehn zusätzliche Jahre, verbunden mit der stillen Hoffnung, dass nach dem GAU eben noch kein vor dem GAU ist.

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