GESUNDHEIT: Die Rechnung zahlt der Patient

Der Streik des Klinikpersonals scheint abgewendet. Die Missstände in den luxemburgischen Krankenhäusern jedoch bleiben.

Ein Auslaufmodell? Selbst Schlumpfinchen als Krankenschwester wurde inzwischen vom Markt genommen. (Foto: Archiv)

Anna Blume* hat Glück gehabt. In der Notaufnahme des hauptstädtischen Centre Hospitaliers (CHL) wurde sie gleich behandelt, ohne lange warten zu müssen. Mit Verdacht auf Blinddarmentzündung hatte sie ihr Hausarzt eingewiesen. Doch die Ärzte fanden nichts. Dafür bekam die junge Frau ein Schmerzmittel verabreicht und wurde nach Hause geschickt. Eine genaue Diagnose ihres Leidens hatte nicht stattgefunden. Und die Schmerzen kamen wieder.

Mehr als 150 PatientInnen pro Tag kommen nach Informationen des CHL-Pflegedienstes zur Notaufnahme. Das sprengt nicht nur die personellen Kapazitäten der Station, sondern sorgt auch für lange Wartezeiten. Und sie sorgen für noch mehr Stress bei ÄrztInnen und Krankenschwestern.

Dasselbe gilt auch für andere Bereiche des CHL – und für Luxemburger Kliniken insgesamt: Essen servieren, Betten machen, PatientInnen waschen, Infusionen verabreichen, etc. – die Aufgabenliste des Pflegepersonals ist lang, und die Arbeitsbedingungen nach Meinung der Gewerkschaften miserabel. Besonders Krankenschwestern leiden unter den starken physischen und psychischen Belastungen. „Der Druck ist enorm“, sagt Jean-Paul Blefer, Präsident der Association Nationale des Infirmières Luxembourgeoises (Anil). „Es wird einfach sehr viel gefordert in diesem Beruf. Manchmal zu viel.“ Blefer weiß: Der Dauerstress gehört zum Berufsalltag. Und nicht selten sind die Folgen Depressionen sowie Medikamenten- und Alkoholmissbrauch.

Ausgebrannte Weißkittel

„Vor allem die unregelmäßigen Arbeitszeiten im Schichtsystem führen zu einem Burn-Out-Syndrom“, erklärt André Roeltgen vom OGBL. Gemeinsam mit dem LCGB fordert er bessere Arbeitsbedingungen für das Klinikpersonal. Am Donnerstag vergangener Woche mobilisierten sie ihre Mitglieder in Esch zu einer Demonstration. Etwa 2.000 Arbeiter und Angestellte des Krankenhaussektors gingen auf die Straße – aus Unmut über die seit mehr als einem Jahr festgefahrenen Verhandlungen mit der Entente des Hôpitaux (EHL). Den Worten von Marco Goelhausen (OGBL) zufolge war es „die größte Demonstration im Spitalsektor in Luxemburg“. Die Streitpunkte: Artikel 27 des Kollektivvertrags, der den Lohn im Spitalsektor an die Gehälterentwicklung im öffentlichen Dienst bindet, sowie eine Altersteilzeit für ArbeitnehmerInnen ab 50 Jahren.

Nach dem letzten Stand scheint es auf eine Einigung im Kollektivstreit hinauszulaufen: Während die Arbeitgeber den Schlichtervorschlag bereits am Dienstag angenommen haben, wollten die GewerkschafterInnen bis zum heutigen Freitag warten. Um 14 Uhr läuft die Frist für die Urabstimmung an der Gewerkschaftsbasis ab. Ein Streik dürfte aber vorerst abgewendet sein.

An der Personalsituation in den Krankenhäusern wird sich trotzdem so schnell nichts ändern. Jean-Paul Blefer schätzt, dass landesweit rund 130 Krankenschwestern und Krankenpfleger fehlen. Wie wenig SchulabgängerInnen den Beruf attraktiv finden, belegt nicht zuletzt die Entwicklung der Schülerzahl am „Lycée technique des professions de santé“. Die ist in den vergangenen vier Jahren um 14 Prozent zurückgegangen, bei den Krankenschwestern sogar um 43 Prozent.

Den Klagen über die Unzufriedenheit des Krankenhauspersonals stehen Ergebnisse einer Studie gegenüber, die von der Chambre des Employés Privés im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde: Demnach sind 56,2 Prozent der KrankenpflegerInnen mit ihrer Arbeitssituation durchaus zufrieden. Doch bei näherer Betrachtung der Statistik fällt auf: Je größer die Klinik, desto unzufriedener die Beschäftigten. Außerdem sei das Arbeitsklima bei den Tagesschichten um einiges besser als in den Nachtschichten. Denn genau da seien die Arbeitsbelastungen am größten.

Ohne Ausländer läuft nichts

Fest steht, dass ohne „Personalimporte“ aus dem Ausland das luxemburgische Gesundheitswesen zusammenbrechen würde. Dies hat mittlerweile auch Erziehungsministerin Anne Brasseur erkannt: „Gott sei Dank wollen viele Ausländer in diesem Beruf in Luxemburg arbeiten, ohne die man den Betrieb in den Krankenhäusern kaum aufrecht erhalten könnte“, sagte sie unlängst auf einer Pressekonferenz. Nur etwa ein Drittel der KrankenpflegerInnen besitzt die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Ein Großteil des Personals spricht Französisch, das Beherrschen des Luxemburgisch ist zwar erwünscht, aber keine Einstellungsvoraussetzung. Der Besuch von Luxemburgischkursen ist freiwillig – Deutsch und Englisch ebenso. Eine babylonische Sprachverwirrung ist also vorprogrammiert.

Brasseur und ihr Kabinettskollege Carlo Wagner vom Gesundheitsressort haben bereits die Alarmglocken geläutet: „Nur wenige LuxemburgerInnen interessieren sich für diese Ausbildung“, meint die Erziehungsministerin. Ende Januar hat sie zusammen mit Wagner eine Sensibilisierungskampagne ins Leben gerufen, die eine Ausbildung in den Gesundheitsberufen schmackhaft machen soll. Unter anderem sollen Plakate in Zügen und an Bushaltestellen LuxemburgerInnen ermutigen, KrankenpflegerInnen zu werden. Jean-Paul Blefer ist sich jedenfalls sicher: Würde er noch einmal vor der Entscheidung stehen, Krankenpfleger zu werden, käme für ihn nur eine Antwort in Frage: „Ich würde es wieder tun. Es ist ein schwieriger Beruf, der einen aber immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.“

Wenn die Kampagne der Regierung Erfolg haben sollte, wird sie auch das Gesundheitswesen insgesamt verbessern? Zumindest quantitativ sind die Ausbildungsgänge verbesserungswürdig. „Die Ausbildung lässt zu wünschen übrig“, sagt Krankenpfleger Blefer. Eine EU-Direktive schreibe 4.600 Unterrichtsstunden in drei Jahren für die Ausbildung zu KrankenpflegerInnen vor. „Da fehlen in Luxemburg etwa 1.100 Stunden“, rechnet der Anil-Vorsitzende vor.

Und wie wirkt sich die Personalnot auf die PatientInnen aus? Der Fall Anna Blume ist jedenfalls keine Ausnahme. Immer wieder berichten PatientInnen von falschen Behandlungen und Fehldiagnosen. So wurde zum Beispiel in einer Luxemburger Klinik bei einem älteren Mann schlichtweg übersehen, dass er ein Bein gebrochen hatte. Da zu spät reagiert wurde, leidet er noch heute unter den irreparablen Schäden. Keine Seltenheit, weiß René Pizzaferri, Präsident der Luxemburger Patientenvertretung. Diese bearbeitet jährlich rund 600 Dossiers: Beschwerden von PatientInnen, die dann von einer Expertengruppe geprüft werden. „Oft ist eine Falschbehandlung die Folge mangelnder Kommunikation“, sagt der Patientenvertreter, „aber auch auf die enorme Arbeitsbelastung des Personals zurückzuführen.“ Damit in den luxemburgischen Spitälern auch der Service besser wird, fordert Pizzaferri eine „Tendenzwende“: „Es darf nicht mehr einfach über den Kopf des Patienten hinweg entschieden werden.“

Eines der Sorgenkinder des luxemburgischen Gesundheitswesens ist nach wie vor die pediatrische Abteilung des Centre Hospitalier. Lange Wartezeiten sind auch dort nicht selten. Wie ein Schatten lastet noch immer der Tod Mike Kieffer auf der Station: Der Zehnjährige starb 1995 an einem Hirnüberdruck. Einer der Kinderärzte, die den Jungen damals behandelten, wurde später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Missstände aber sind geblieben.

*Name von der Redaktion geändert


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