20 JAHRE BIOLANDBAU: Erwachsen, aber nicht ausgewachsen

Luxemburgs Biolandwirtschaft wird dieses Jahr 20. Anlass zu feiern gibt vor allem die stetig steigende Nachfrage. Trotzdem blieb der Bioboom bei den hiesigen Bauern bislang aus.

Nicht immer der kürzeste, ökologisch korrekte Weg bis zum Marktstand: Auch von der guten Bio-Gromper wird nach Luxemburg mehr importiert als hierzulande auf dem Feld angebaut.

Mit zwölf Betrieben fing es 1988 an, heute wirtschaften in Luxemburg 72 Bauernhöfe nach den Regeln des ökologischen Landbaus. Knapp drei Prozent der gesamten Äcker, Wiesen und Weiden im Großherzogtum wurden in den vergangenen 20 Jahren auf „bio“ umgestellt. Damit liegt Luxemburg unter dem europäischen Durchschnitt: 3,4 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in der EU werden derzeit biologisch bewirtschaftet.

Stark zugenommen hat hierzulande in den vergangenen Jahren vor allem der Bio-Konsum. Zwar nimmt „bio“ auch hier nur drei Prozent des gesamten Marktes ein, doch die Umsatzzahlen können sich mit über 20 Millionen Euro im Jahr sehen lassen und im Verhältnis mit Bioboomländern wie der Schweiz mithalten. Fast die Hälfte der Ökowaren holt sich die Biokundschaft mittlerweile aus den Regalen im Supermarkt, doch auch die hiesigen Bioläden machen weiterhin gute Geschäfte. „Der Biomarkt hat immer wieder von Skandalen wie BSE und MKS profitiert“, sagt Änder Schanck, Leiter der „Bio-Bauere-Genossenschaft Letzebuerg“ und einer der Pioniere der Luxemburger Biolandwirtschaft. „Zurzeit ist die Diskussion rund um den Klimawandel für manche Verbraucher ein Grund, mehr „bio“ zu kaufen“, so Schanck, „nun müssen wir vor allem mehr Landwirte überzeugen, umzusteigen.“

Doch die halten sich im Gegensatz zur Kundschaft zurück. Immerhin 80 Prozent aller Bioprodukte, die in Luxemburg über den Ladentisch gehen, werden importiert. „Die Bauern spezialisieren sich immer mehr und danach ist es umso schwieriger, den Hof auf bio umzusatteln“, erklärt Änder Schanck. Dazu kommt, dass es finanziell nicht unbedingt attraktiv ist, umzusteigen. Zwar fällt die staatliche Förderung für den Ökolandbau hierzulande nicht schlechter aus als in anderen europäischen Ländern. Doch die Subventionen für konventionelle Bauern sind kaum niedriger. Der Anreiz für Landwirte, den zusätzlichen Aufwand für den ökologisch korrekten Anbau zu investieren, ist somit gering.

Großes Kundenpotenzial, zögernde Bauern

Dabei sollen dem neuen Agrargesetz nach bis 2013 rund 6.000 Hektar Luxemburger Land ökologisch bewirtschaftet werden. Das wäre fast doppelt soviel wie bisher. „Wie wir dahin kommen sollen, ist mir nicht so klar“, sagt Raymond Aendekerk, Koordinator von Bio-Label, und verweist auf die Umsetzung eines europäischen Aktionsplans zur Förderung des Biolandbaus, bei welcher Luxemburg einmal mehr ein paar Jahre hinterherhinkt. „Die ersten Maßnahmen werden frühestens im kommenden Jahr in die Wege geleitet“, so Aendekerk, „wir sind gespannt, welcher Posten im Budget 2009 für Medienkampagnen und Ähnliches vorgesehen sein wird.“

Mehr politische Unterstützung wünscht sich auch Marco Koeune, der seit zehn Jahren Biobauer in der Region des Naturpark Uewersauer ist. Es sei vor allem wichtig, dass die Konsumenten den Unterschied zwischen „ökologisch“ und „regional“ verstehen, so Koeune. Allzu oft werden Produkte aus der Region mit einem Etikett versehen, das einen Bio-Touch hat. Der Mehraufwand, den die Biobauern im Vergleich zu den konventionellen Kollegen haben und der sich im Preis niederschlägt, ist für viele nicht sichtbar. „Eigentlich müsste ja vor allem eine Naturpark-Verwaltung den Bioanbau fördern und entsprechende Kampagnen lancieren. Das ist aber nicht der Fall“, beklagt sich Koeune.

Neben den zögernden Bauern ist auch die fehlende Infrastruktur zur Weiterverarbeitung Schuld daran, dass die meisten Waren importiert werden. „Der so genannte Convenience-Bereich nimmt auch in der Biobranche immer mehr zu“, sagt Änder Schanck. „Und dieser ganze Batzen geht uns verloren, denn eine inländische Produktion gibt es kaum.“ Doch auch Milchprodukte werden zum größten Teil importiert. „Dies liegt an den Besonderheiten des Luxemburger Marktes, der trotz allem zu klein ist“, so Schanck. Für eine hiesige Molkerei sei es zum Beispiel wirtschaftlich uninteressant, neben konventionellem auch Bio-Joghurt herzustellen. „Wir bekommen die notwendige Menge, damit sich der Aufwand lohnt, nicht zusammen“, erklärt Änder Schanck. Joghurt wird somit wie auch Obst und Gemüse zum größten Teil importiert.

Im Ausland klappt es besser mit dem Ausbau der heimischen Biolandwirtschaft. Spitzenreiter ist momentan der Kleinstaat Liechtenstein, wo fast ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet wird. Aber auch Österreich, die Schweiz und Italien erlebten im vergangenen Jahrzehnt einen Bioboom. Dass hier mittlerweile rund ein Zehntel der Bauern auf bio setzen, geht nicht zuletzt auf gezielte politische Maßnahmen zurück. „Wir haben damals vor 20 Jahren erwartet, dass der Prozess infolge größerer Einsicht in der Politik und wachsenden bäuerlichen und ökologischen Bewusstseins bei den Bäuerinnen und Bauern schneller von statten gehen würde“, schreibt Raymond Aendekerk im aktuellen Jubiläumsbeitrag des Magazins „Agrikultur“. Dennoch gibt es heute genügend Potenzial für einen größeren Wachstumsschub. Weitaus mehr sogar als zu Anfangszeiten, als es galt, Kundschaft jenseits der eingeschworenen Ökogemeinde zu finden. Wirtschaftlich gesehen, ist die bislang 20-jährige Geschichte der Luxemburger Biolandwirtschaft eine Erfolgsstory. Diese Fakten, so Aendekerk, seien nur noch nicht in der Politik und beim Großteil der Bauern angekommen.


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