ZIVILISATION UND BARBAREI: Von der Kälte

Kein zivilisierter Mensch kann sich das menschliche Leid vom 11. September vor Augen führen, ohne Mitgefühl zu empfinden. Doch die Zivilisation [für sich] gepachtet zu haben, kann niemand beanspruchen.

„Barbarisch“ – das war er ohne Zweifel, der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Das Leben von fast 3.000 Zivilisten auszulöschen, war eine schauerliche Tat. Ob ihr rationale Überlegungen seitens Al-Qaida zugrunde lagen – ein Fanal des Kampfes gegen die US-Politik im Mittleren Osten zu setzen, wie manche Experten meinen – muss dahingestellt bleiben. Aber im Ganzen ist der hasserfüllte islamische Fundamentalismus, wie er von Osama Ben Laden verkörpert wird, fraglos zutiefst irrational und barbarisch.

Handelt es sich bei den Anschlägen um einen Angriff auf „die freie Welt“, und bei den sich daraus ergebenden zivilen und militärischen Gegenmaßnahmen um einen Verteidigungskrieg der „Zivilisation“? Diese Darstellung der Dinge, 2001 bereits fragwürdig, darf 2011 als widerlegt gelten. Bereits die präventiven Maßnahmen zur Terrorbekämpfung, die in den USA und weltweit nach 2001 ergriffen wurden, standen und stehen in Widerspruch zu genau jenen Werten, die sich die freie Welt auf die Fahne geschrieben hat. Und die geduldeten und sogar institutionalisierten Misshandlungen in Abu Ghraib und Guantanamo vertragen sich nicht mit dem, was man unter Zivilisation versteht. Auch die „Kollateralschäden“ bei den Interventionen in Afghanistan und im Irak – Tausende von toten Zivilisten – verletzen vermutlich das „Humanitäre Völkerrecht“ und mit Sicherheit das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Auf pragmatische und kurzsichtige Weise wurden schließlich weltweit dem Westen genehme, aber korrupte Regierungen unterstützt – durchaus kompromittierend für einen Feldzug im Namen der Freiheit.

Das alles ist nicht neu. Seit Jahrzehnten bildet – allen menschenfreundlichen Beteuerungen zum Trotz – eiskalte Interessenwahrnehmung die Grundlage der US-Außenpolitik. Ob bei den Militärinterventionen in Lateinamerika, im Vietnamkrieg ober beim Konflikt mit Saddam Hussein ? die rücksichtslose amerikanische Vorgehensweise kann schwerlich als „zivilisiert“ gelten. Die reale oder vermeintliche Bedrohung während des Kalten Krieges entschuldigt dies nicht. Doch auch für die Linke stellt die Zeit vor 1989 – mit ihren „Besserungsarbeitslagern“ und den Armee-Einmärschen bei Brudervölkern – eine Lektion dar, die nicht vergessen werden sollte: Der „Sozialismus“ tendiert ebenfalls zur Barbarei, sobald er sich dem „Der Zweck heiligt die Mittel“-Prinzip hingibt.

Wie während des Kalten Krieges erscheint Westeuropa in den jüngsten Konflikten zuweilen als Oase der Zivilisation in den wüsten Entartungen der Weltpolitik. Doch ist das Bild allzu schön: Schließlich mischt die EU bei den weltweiten Interventionen eifrig mit und träumt davon, eine Militärmacht zu werden. Und auch bei der Beschreibung des europäischen Umgangs mit Flüchtlingströmen drängt sich mittlerweile das B-Wort auf. Sogar das paradiesische Luxemburg hat längst seine Unschuld verloren: Es weist Migranten aus, obwohl ihnen in ihren Heimatländern Folter und Tod drohen, und beteiligt sich – offen oder versteckt, aber immer bereitwillig – selbst an den zweifelhaftesten Unternehmungen des Bündnispartners USA.

Sind diese Formen der Barbarei ? Überhöhung der Staatsräson, Machtgier, politischer und religiöser Fanatismus – als äquivalent zu betrachten? Nicht unbedingt, doch allen gemeinsam ist die menschenverachtende, die Grundrechte des Individuums verneinende Haltung. Allerdings findet man genau diesen Grundzug auch in dem der „freien Welt“ zugrundeliegenden kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dessen unbestreitbare materiellen Errungenschaften können nicht vergessen machen, dass es das Schicksal von Arbeitnehmern und das Wohl ganzer Länder eiskalt auf Kosten-Nutzen-Bilanzen reduziert. Und sich im Fall der Fälle brutal über liberale Grundrechte hinwegsetzt, nämlich wenn sie der „wirtschaftlichen Entwicklung“ im Wege stehen. Dass dies alles ohne Mitgefühl, aber auch ohne Hass geschieht, mag auf den ersten Blick beruhigen, auf den zweiten lässt es erschauern.


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