MALEREI: Widersprüche

„Sharp Dull“ ist die englische Übersetzung der griechischen Wörter oxys und moros, die zusammen als Oxymoron eine rhetorische Figur beschreiben, die mit einem ihr inne wohnenden Widerspruch spielt. Dazu gehört der „alte Knabe“ genauso wie Celans „schwarze Milch“ aus seiner Todesfuge. Aktuell ist „Sharp Dull“ der Titel einer Ausstellung, die in der Galerie Nosbaum & Reding in Luxemburg präsentiert wird. Gezeigt werden Arbeiten der Luxemburgerin Aline Bouvy und des Belgiers John Gillis, die beide in Brüssel leben und seit Jahren zusammenarbeiten.

Trotzdem kann man ihnen kaum vorwerfen sich einem Stil fest verschrieben zu haben oder gar sich zu wiederholen. Kaum ein Medium oder eine Darstellungsform ist ihnen fremd. Sie selbst begründen dies damit, dass ihnen schnell langweilig werde. Allerdings wirken die zur Zeit bei Nosbaum & Reding gezeigten Bilder im Vergleich zu den zurückliegenden Projekten der beiden Künstler eigentlich schon fast bieder: Öl auf Leinwand im Großformat. Dennoch hat ihnen die Galerie ausnahmsweise alle ihre Räumlichkeiten in der Rue Wiltheim zur Verfügung gestellt, wobei die drei Porträts im separaten Espace Corniche ein eher stiefmütterliches Dasein fristen. Schwarz in schwarz, fast nur durch Strukturänderungen zeigen sich grobe Gesichtszüge, die in ihrer Derbheit an afrikanische Masken erinnern, dagegen aber wirken wie ein kaum durchdachtes, recht einfallsloses Experiment, das mit wenig Ehrgeiz und Geduld umgesetzt worden ist.

Ganz anders die Bilder, die in den beiden Räumen im Erdgeschoss gezeigt werden. Die Stillleben mit ihren schwerelos im pechschwarzen Raum schwebenden Objekten entwickeln einen ganz eigenen, besonderen Reiz. Maßgeblichen Anteil an der Leichtigkeit der Arbeiten hat eine schlichte Leuchtstoffröhre, die jeweils im unteren Bereich der Bilder platziert ist. In der schwarzen Kulisse entsteht so durch vorhandene oder nicht-vorhandene Reflexionen einmal der Eindruck von Boden und Begrenztheit und ein anderes Mal von bodenlosen Tiefen und unendlichen Weiten. Wobei sowohl dieser als auch jener Eindruck durch die eigentlich deplatzierten Leuchtstoffröhren selbst schon wieder ad absurdum geführt wird.

Trotzdem bleibt die wage Vorstellung, dass sich eines der Objekte plötzlich aus dem Bild lösen könnte. Darüber hinaus fesselt die ungleich subtilere und in der Ausführung genaue, fast fotorealistische Darstellung. Und das ohne einen eigentlichen, realistischen Bezug, der höchstens in Kleinigkeiten und Ausschnitten gewährleistet ist, etwa in einigen Euromünzen, die als „Uneffective Privilege“ auftauchen, oder einer Papiermaske, die als „Patterns Of Sickness“ an Pinocchio erinnert. Als Parallele zu den eingangs erwähnten drei Porträts bleibt, dass man auch hier mal mehr, mal weniger offensichtlich Gesichtszüge zu erkennen glaubt, die sich aber nicht nur in Masken sondern auch in Ordnungen verstecken. Und auch wenn man nicht genau erkennt, ob sich dahinter ein Psychopath, ein Melancholiker oder auch ein Spaßvogel versteckt, hat man unweigerlich den Eindruck, dass im nächsten Moment jemand ins Bild treten wird um den Betrachter auszulachen. So erlebt man dynamische Stillleben voller Ernsthaftigkeit und Humor, die Porträts hinter Masken zeigen, die sich in engen Grenzen in der Unendlichkeit verlieren, nur beleuchtet von einer am Boden hängenden Leuchtstoffröhre. Ohne Frage ist es Bouvy und Gillis gelungen den Erwartungen des titelgebenden Oxymorons gerecht zu werden und diese rhetorische Figur auf die Malerei zu übertragen ohne sich mit Offensichtlichem zu begnügen.

In der Galerie Nosbaum&Reding,
bis zum 5. November.


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