RODRIGO GARCIA: Transgender im 19. Jahrhundert

In „Albert Nobbs“ werden traditionelle Geschlechtsbilder kritisiert. Der Film stellt zudem die Frage der Identität über jene des Geschlechtes.

Neue Möglichkeiten eröffnen sich Nobbs als er den selbstbewussten Maler Hubert Page trifft.

Manchmal hätte man Lust die Figur des Albert Nobbs an den Schultern zu packen und zu schütteln, damit sie aus ihrer Zurückhaltung und fast künstlich wirkenden Selbstlosigkeit ausbricht und an Lebendigkeit gewinnt. Das ist denn auch fast der einzige Vorwurf den man dem gleichnamigen Film des kolumbianischen Regisseurs Rodrigo Garcia vorwerfen kann.

„Albert Nobbs“ basiert auf einer Kurzgeschichte des irischen Romanciers George Moore (1852-1933), eine Story, die letztlich die Fundamente einer in weiblich und männlich aufgeteilten Welt ins Wanken bringt: Es geht nicht nur um die Frage der sozialen Auf- und Abstiegsmöglichkeiten und den Raum, den eine Gesellschaft einem Geschlecht zuerkennt. Es geht im weitesten Sinne auch um ein gewisses Queer-Sein in einer Zeit als es diesen Begriff längst nicht gab. Die Geschichte spielt im Irland des späten 19. Jahrhunderts. Albert Nobbs ist seit dreißig Jahren Butler in einem Dubliner Nobelhotel. Man sieht ihm an, dass er im Grunde gar keine Person mit eigenem Willen mehr ist, sondern ein Abbild dessen, was andere von ihm erwarten. Er ist sehr zurückhaltend, und erledigt seine Aufgaben stets tadellos. Das Einzige was diesem zarten Mann mit den roten Haaren, Kraft in seinem beziehungslosen, sparsamen und auf Arbeit ausgerichteten Leben gibt, ist seinen großen Traum zu verwirklichen. Er legt jeden Penny zur Seite um einen eigenen Tabakladen zu besitzen.

Was niemand zu merken scheint, ist, dass Albert eigentlich eine Frau ist, die sich, weil Frauen in dieser Zeit kaum unabhängig sein konnten, als Mann ausgibt. Durch die Begegnung mit dem Maler Hubert Page eröffnen sich innerhalb von Alberts selbstgeschaffenem Gefängnis neue Perspektiven: Sie wird sich bewusst, dass sie nicht die Einzige ist, die ihr eigentliches Geschlecht hinter Männerkleidern versteckt und dass das nicht bedeuten muss, sich selbst aufzugeben. Im Gegenteil das Beispiel von Hubert Page, der ein glückliches Liebesleben mit einer Frau führt, ermutigt Albert, offener mit ihrer Umwelt umzugehen. Sie erlebt mit Hilfe von Page einen Moment der kompletten Loslösung, als sie in Frauenkleidern über den Strand laufen. Nobbs versucht daraufhin sein Leben zu ändern, will aus der Einsamkeit ausbrechen und macht der jungen Bediensteten Helen Avancen. Diese jedoch hat nur Augen für den neuen Mitarbeiter im Hotel, Joe Macken, ein wahrer Aufreißer. Nobbs, naiv und gutgläubig, läuft sprichwörtlich gegen eine Wand. Und der Film nimmt ein tragisches Ende.

Der US-amerikanischen Schauspielerin Glenn Close gelingt es sehr glaubhaft die Figur einer Frau zu verkörpern, die sich aufgrund von traumatischen Erlebnissen als Mann ausgibt. Störend ist einzig wie sie den Hauptcharakter spielt. Seine Naivität etwa wenn er urplötzlich anfängt die junge Bedienstete zu umgarnen, wirkt unglaubhaft und zum Teil gewinnt die Figur nicht wirklich an Kontur. Zu lange bleibt Nobbs der „Mann ohne Eigenschaften“ und funktioniert so auch nur bedingt als sympathische Identifikationsfigur. Da ist Page, der sehr viel offener mit seiner Situation umgeht und dabei so herrlich überzeichnet männlich wirkt, viel eher als jemand, mit dem der Zuschauer etwas anfangen kann. Dennoch wirft der Film interessante gesellschaftliche Fragen auf.

Im Utopia.


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