SONGWRITING: Leiden schaffen

In „Narrow“ setzt sich die junge Musikerin und Sängerin Anja Franziska Plaschg alias „Soap & Skin“ mit dem Tod auseinander.

Schwer aus der
Reseve zu locken:
Anja Franziska Plaschg alias „Soap & Skin“.

Das gleißende Zündfeuer einer Rakete in Nahaufnahme, die Schubkraft die den Stahlkoloss langsam in den dunkelblauen Himmel taucht, helle Rauchschwaden, die an dem immer schneller werdenden Flugkörper entlang wabern, eine seidene Korona, die sich um die in der Entfernung entschwindende Raumfähre legts – dann eine Explosion, die das Geschoss zerreißt und in einer glühenden Wolke verdampfen lässt. Zum Schluß fixiert die Kamera ein brennendes Metallstück, das trudelnd, in Zeitlupe herabsinkt… Das Musikvideo, das an die Challenger-Katastrophe vom 28. Januar 1986 erinnert, bei der 73 Sekunden nach dem Start die Raumfähre in etwa 15 Kilometern Höhe auseinanderbrach und vor den Augen vieler Zuschauer und Familienmitglieder das Leben aller sieben Astronauten auf einen Schlag auslöschte – beginnt mit rhythmischen Metallklängen bevor der Gesang von Anja Franziska Plaschg alias „Soap & Skin“ einsetzt und sich zum aufwallenden Crescendo entwickelt: „Forward tales to tide, The boat turns toward the port, With fire and mud stained sky, Bright after time, My whole burden is laid down, Stay here, Stay here, Stay…“.

Das Musikvideo und der gleichnamige Song „Boat Turns Toward The Port“ gehört zum erst kürzlich auf den Markt gekommenen, neuen Album „Narrow“, in dem die junge, introvertierte Österreicherin ein Denkmal für ihren verstorbenen Vater setzt. Die Nachfolge-CD ihres vormals gefeierten Debüts „Lovetune For Vacuum“ (2009), die sie demnächst in der Kulturfabrik vorstellen will, ist eine intime Auseinandersetzung mit dem Tod. „Vater? heißt der beklemmende Opener, in dem sie ein dramatisches Pianospiel anstimmt, dazu ihre Stimme – jede Silbe, genau vermessend bis in den taumelnden Rausch von Trauer, Verzweiflung und Wut hinein: „Haltet alle Uhren an, hindert den Hund daran, den Sarg anzubellen. Wo immer ich aufschlage, find ich dich, du fällst im Schatten der Tage, als Stille und Stich. Ich trink auf dich dutzende Flaschen Wein, und will doch viel lieber eine Made sein…“ Ebenso bedingungslos ist ihre Interpretation des alten Desireless-Disco-Hits „Voyage Voyage, Et jamais ne reviens“.

Als Wunderkind wurde die junge Österreicherin gehandelt, die in einem kleinen Ort in der Steiermark aufwuchs, wo ihre Eltern eine Schweinemast betrieben. Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt sie Klavier, mit 14 Jahren begann sie mit der Geige und wandte sich parallel der elektronischen Musik zu. Anja Plaschg ist mannigfaltig aktiv, hat in Wien Kunst studiert und bringt ihre Ausdruckskraft in ihren Videos zur Geltung, zudem agiert sie als Schauspielerin und zeigt sich auch für die Kreation einer Schokolade aus Weihrauchöl, Rotwein, Schweineblut und Kornblumen zuständig. Diese Vielseitigkeit ist ihre Kraft. So komponiert und produziert sie ihre schwermütig schöne Musik weitestgehend im Alleingang und hat dazu auch ihr eigenes Label gegründet. Ihre Musik, die an Cat Power, Nico, oder an den delikaten Kammer-Pop von „Antony & The Johnsons“ sowie an die expressiven Kompositionen eines Sergej Rachmaninow erinnert, sei „ein Akt mit dem Unterbewusstsein“, so die Sängerin. Hemmungslos gibt sich Plaschg den Abgründen ihres seelischen Befindens hin und entführt den Zuhörer in ein Reich düstester Romantik. Viel wortkarger und zurückhaltender ist die Künstlerin dagegen im wahren Leben – zumindest gegenüber der Presse. In einer Sendung des deutsch-österreichischen Satiriker-Duos Stermann & Grissemann bemühten sich die beiden Entertainer vergeblich einen Dialog zu spannen, die „verbotene Fragen“-Liste zu umschiffen und die Sängerin mit einem „Anjaaaa“ und „Möchtest du noch Wein?“ aus der Reserve zu locken. Die woxx wurde auf eine Interviewanfrage mit Schweigen honoriert – eine klare Absage wäre einfach höflicher und akzeptabel gewesen. Jedoch auch bei ihrem letzten Konzert im Exit07 fiel Plaschg durch ihre Manieriertheit auf – so war die Bar auf Wunsch der sensiblen Künstlerin geschlossen. Nun gut. Nichtsdestotrotz darf man auf das Konzert von „Soap & Skin“ gespannt sein. Und darauf was passiert, falls irgendwann ihre Katharsis vollbracht ist? vielleicht hält sie es ja auch mit der düsteren Meinung eines anderen genialen Österreichers, dem Schriftsteller Thomas Bernard, der einmal sagte: „Das Leben ist ein Prozeß, den man verliert, was man auch tut und wer man auch ist.“

In der Kulturfabrik am 28. Februar.


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