Entringer Nadine: „Das Leben bringt mich dazu“

Kein Pardon mit den Männern kennt Nadine Entringer in ihrer Ein-Frau-Show „Liebe Lust Gier“. Frauenthemen ist die Laienschauspielerin auch im „normalen Leben“ gegenüber aufgeschlossen.

Professioneller als manch „echter“ luxemburgischer Theaterstar: Gelegenheits-Schauspielerin Nadine Entringer.
Foto: Christian Mosar

THEATER

„Früher bin ich vor Nervosität oft nicht einmal bis an das Ende der Sätze gelangt“, erinnert sich Nadine Entringer an die Zeit, in der sie als Journalistin Beiträge für verschiedene Radiosendungen verfasste. Sie muss über diese Feststellung selber lachen. Ein ansteckendes, lautes Lachen. Kein Wunder, wer die gebürtige Luxemburgerin, Star der kommende Woche im Escher „Ratelach“ gastierenden Ein-Frau-Show „Liebe Lust Gier“ gesehen hat, wird ihren Worten kaum Glauben schenken können. Bei dem Stück, eine in Szene gesetzte Textcollage mit Auszügen aus den Romanen „Lust“ und „Gier“ der Schriftstellerin Elfriede Jelinek und aus „Majakowskiring“ von Marlene Streeruwitz (beide aus Österreich), entfaltet Nadine Entringer ihr gesamtes sprachliches und schauspielerisches Talent.

Sie erweckt, ganz in Schwarz gekleidet und lediglich mit Hut und Stöckelschuhen ausstaffiert, Frauen wie Männer auf der Bühne zum Leben. Allein. Sie spricht die schwierige Sprache der Streeruwitz – amputierte, unfertige Satzgebilde, die dennoch präzise Inneres nach außen kehren. Steckt mit obszöner Jelinek-Metaphorik die Fronten im Geschlechterkrieg ab. So gekonnt und fesselnd ist ihre Darbietung, dass die Wochenzeitung Lëtzeburger Land ihren Premierenauftritt als die Geburt eines neuen Stars am luxemburgischen Theaterhimmel feierte.

Von Theaterfreuden und Sinnkrisen

Ein großes Lob ist das, denn Nadine Entringer ist keine professionelle Schauspielerin. Die 32-jährige mit den tiefgrünen Augen, der sinnlichen Stimme und dem hennaroten Haar spielt Theater vielmehr nur gelegentlich, als „Bereicherung“ und „Ausgleich“ neben ihrer Tätigkeit als parlamentarische Sekretärin der Fraktion von Déi Gréng.

„Theater ist für mich der Ort, an dem ich mit allen Facetten spielen kann“, beschreibt Entringer vorsichtig ihr Vergnügen an der Schauspielkunst, „dort bin ich die Harte, die Zynische, die Exhibitionistische“.

In der Tat, auf der Bühne schreckt die im Interview eher zurückhaltende, fast ein wenig unsicher wirkende Frau nicht einmal vor pornografischen Posen zurück: In „Liebe Lust Gier“ spreizt sie die Beine, karikiert mit eindeutig-zweideutigen Gesten von Männern demonstrierte phallische Selbstherrlichkeit. Gelassen und präzise wie ein Profi.

Die Anfänge der Schauspielerei liegen bei Nadine Entringer weit zurück: Erste Tuchfühlung mit der Theaterkunst nahm sie als Schülerin in der Theatergruppe des „Athénée“ auf. Ein Ereignis, das der in schulischen Dingen ansonsten eher lustlosen und unsteten Jugendlichen nach eigenen Angaben „sehr viel Spaß“ bereitete. Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis Theater wirklich zur Passion avancierte und Schauspielkurse am Luxemburger Konservatorium den Grundstein für späteres, nebenberufliches Engagement auf Luxemburgs Theaterbühnen legten.

„Erst als ich meine Festanstellung bei der Revue hatte, fiel mir wieder ein, dass da ja noch etwas war“, schildert Entringer zwischen zwei Zigaretten und einem Schluck Tee ihren künstlerischen Werdegang. Das sei im Jahre 1996 gewesen, nach einer jahrelangen „Sinnsuche“, die sich in zwei abgebrochenen Studiengängen und diversen Jobs ausdrückte.

Ursache für diese latente und mit Beginn der Pubertät stärker werdende Orientierungslosigkeit dürfte wohl auch ein tragisches Ereignis gewesen sein: Ihre Mutter starb an Krebs, als Nadine fünf Jahre alt war. „Ich habe erst sehr viel später gemerkt, dass da etwas fehlte“, resümiert Entringer heute den frühen Verlust nachdenklich. Fortan kümmerte sich zwar ihr Vater um sie und den älteren Bruder, doch das mutterlose Aufwachsen und die frühen Verantwortlichkeiten verunsicherten die junge Nadine sehr. Lernschwierigkeiten, Essstörungen und „immer wieder chaotische Gefühlsgeschichten“ sorgten für eine turbulente Schulzeit. Als 1994 in Brüssel die Verunsicherung zur existenziellen Krise auswächst, bricht Entringer ihr Studium an der Dolmetscherschule ab und kehrt nach Luxemburg zurück mit dem festen Vorsatz, sich „grundsätzlich über mich und mein Leben klar zu werden“.

Während dieser Zeit schlägt sie sich mit verschiedenen journalistischen Jobs durch – und legt damit unter anderem das Fundament für ihre spätere inhaltlich-konzeptionelle Arbeit bei den Grünen. Entringer schreibt für das Tageblatt und produziert für das Jugendradio Eldoradio und das sozio-kulturelle Radio 100,7 eigene Beiträge. Als sie 1995 vom Wochenmagazin Revue „anstelle eines Quotenmannes“ eingestellt wird, kann sich die Luxemburgerin mit neuer finanzieller Sicherheit im Rücken erstmals wieder ausführlich ihrer – neben Yoga und Lesen – dritten großen Leidenschaft widmen: dem Theater.

Auf Sprech- und Schauspielkursen, die sie über einen Zeitraum von fünf Jahren besucht, folgen erste Bühnenauftritte: „DoReMiFra“ oder „Das kleine Gift“, „Glück“ und „Zeit“ mit Michèle Clees. Bei einem der Stücke lernt Nadine Entringer den Dramaturg Marc Linster kennen. Er ist es, der ihr den Anstoß für die feministische Ein-Frau-Show gibt und deren dramaturgische Leitung übernimmt. Für Entringer eine Herausforderung, nicht nur auf sprachlicher Ebene.

„Als ich das Buch ‚Lust‘ von Jelinek las, empfand ich vieles als sehr abstoßend. Je länger ich las, umso mehr fühlte ich mich jedoch auch angesprochen“, beschreibt Entringer ihre erste Begegnung mit dem bitterbösen Stil der Jelinek. Vor allem das schonungslos analysierte Spiel mit der Macht zwischen Frauen und Männern und das Bewusstsein um ähnliche, eigene Anteile haben Entringer bei der Lektüre der österreichischen Feministin fasziniert.

Das Stigma der Feministin fürchtet die Schauspielerin, die sich mit der jetzigen Aufführung bereits zum zweiten Mal einem „Frauenthema“ widmet, nicht. Im Gegenteil. „Frauenthemen begegnen mir nicht nur im Theater“, sagt Entringer, „das Leben selbst bringt mich darauf“.

An den Männern kritisiert sie vor allem das Festhalten an alten Rollen und die fehlende Bereitschaft, über eigene Gefühle zu reden.

Selbstkritisch und frauenbewegt

„Ich finde Frauen meistens offener“, sagt Entringer. Und, als könnte das die Männer-Kritik schmälern, setzt sie witzelnd nach: „Dass Frauen die interessanteren Menschen sind, sagen ja selbst die Männer.“ Wirklich zum Scherzen zumute ist ihr bei dem Thema aber dann doch nicht. Mit Jelinek ist sie sich eins darin, dass Frauen durchaus eigene, nicht minder starke Macht- und Kontrollbedürfnisse in ihren Begegnungen mit Männern auszuleben versuchen. Entringer nimmt sich hier selbst nicht aus und wehrt sich schon deshalb gegen eine einseitige, pauschale Verurteilung der Männer.

„Jelinek und Streeruwitz überzeichnen mit ihrer Kritik die Verhältnisse. Jede auf ihre Art.“ Damit liefen die Schriftstellerinnen Gefahr, die Konflikte zwischen Männern und Frauen nur schwarz-weiß zu malen. Entringer hebt aber zugleich den positiven Effekt der zynischen Übertreibung hervor. Denn mit dem besonders von Elfriede Jelinek eingesetzten Stilmittel lassen sich die verschiedenen Konfliktlinien wesentlich pointierter darstellen. So zugespitzt, dass „man schon wieder lachen kann“. Und das ist ihr viel wichtiger als jedes frauenbewusste Missionieren.

Ines Kurschat

„Liebe Lust Gier“, eine szenische Lesung mit Nadine Entringer. Texte: Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek. Leitung: Marc Linster. Am 14. und 15. November, 20 Uhr, Kulturfabrik, Esch-Alzette. Karten unter Tel: 55 88 26.


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