ANTISEMITISMUS: Von Märchen und Katalogen

Die Reaktionen auf das Titelblatt der Ausgabe der vergangenen Woche rund um den Artikel „Luxemburgs weißer Fleck“ zeigen, dass das Thema „Judenverfolgung während der Besatzung“ einen wunden Punkt treffen.

(Photo: Photothèque Luxembourg)

In der Ausgabe der vergangenen Woche (1217/13) titelte die woxx mit einem Foto, das dem Katalog zur Ausstellung „Between Shade and Darkness – Das Schicksal der Juden Luxemburgs von 1940 bis 1945“ entnommen war – einer Ausstellung, die in der betreffenden Ausgabe unter dem Titel „Luxemburgs weißer Fleck“ kritisch analysiert wurde. Das anscheinend undatiert aus der Sammlung der Photothèque de la ville de Luxembourg stammende Foto zeigt die Gaststätte „Zum Kölner Hof“, an deren Fenster die Aufschrift „Judenfrei“ angebracht ist. In der Bildzeile heißt es dazu: „Resistenzmärchen? Schon vor der Besatzung hatten Juden keinen Zutritt zu Kneipen, wie hier in der Avenue de la Liberté.“ Der Cover-Text lehnt sich stark an den Vordruck der Katalogangabe an, die das Bild wie folgt kommentiert: „Bereits vor der Besatzungszeit wird den Juden der Zutritt zum Gasthof „Zum Kölner Hof“ in der Avenue de la Liberté in Luxembourg-Stadt verwehrt, vor 1940, unbekannter Fotograf.“ Die Redaktion bezog sich hierbei also direkt auf die Quellenangabe des Katalogs.

Nach der Veröffentlichung meldeten sich mehrere Leser und äußerten Zweifel daran, dass das Foto tatsächlich vor der Besatzungszeit aufgenommen worden sei. Es könne deshalb schwerlich als Beleg für einen schon während der 1930er Jahre existierenden Antisemitismus gelten, wie ihn die Bildunterschrift unterstellt.

Tatsächlich gibt es gewichtige Indizien, die diesen Zweifel stützen. Die Bezeichnung „Gaststätte“ und der Name „Kölner Hof“ lassen erahnen, dass das entsprechende Etablissement „eingedeutscht“ wurde. Da zudem sämtliche Angaben in der Vitrine in Deutsch verfasst sind, scheint es durchaus plausibel, dass die Fotografie das Hotel nicht in seinem Vorkriegs-Zustand wiedergibt. Gestützt wird die Vermutung auch durch die Angabe des Namens des Besitzers Christoph Bintner: Die Schreibweise des Vornamens „Christoph“ deutet auf Eindeutschung hin. Der in Luxemburg übliche Vorname Christophe – geschrieben mit stummem französischen „e“ – musste während der Okkupationszeit der deutschen Version weichen.

Wieso die Herausgeber des Katalogs so sicher waren, das Foto in die Zeit vor Mai 1940 datieren zu können, ist nicht nachzuvollziehen. Der Fließtext zur Ausstellung wurde von Laurent Moyse verfasst. Die Auswahl der im Katalog enthaltenen Bilder wurde dagegen von Frank Schroeder vorgenommen; von ihm stammen auch die Bildunterschriften. Hinsichtlich der Konzeption scheint also eine Bild-Text-Diskrepanz vorzuliegen. Doch auch wenn das Bild in seinem Zeitbezug falsch ist, so ist der Sachverhalt, auf den es verweist, doch ein realer: Christophe Bintner war, wie uns ein aufmerksamer Leser mitgeteilt hat, in den 1930er Jahren der Inhaber des „Café de la Poste“ in der Rue Philippe II. Und dass dort Juden schon vor dem Krieg für unerwünscht erklärt wurden, ist aktenkundig.

Falsches Bild – Realer Hintergrund

Einige Leser-Reaktionen bezichtigen die woxx, mit der Fotografie und der Bildzeile eine Art Geschichtsklitterung vorgenommen zu haben. Es ist sicherlich bedauerlich, dass hier ein falsch zugeordnetes Bild und eine entsprechende Bildzeile ein Phänomen überzeichnet oder gar in eine falsche Richtung verschoben haben. Die Aussage in der woxx fußte jedoch auf einer Information, die von der – öffentlich getragenen – Institution des Resistenzmuseums über ihren Ausstellungskatalog verbreitet wurde. Und es handelte sich bei dem Artikel um einen journalistischen Beitrag zur Ausstellung und ihrem Katalog, nicht um einen historisch recherchierten Text.

Unabhängig davon zeigen die Reaktionen jedoch, dass die Luxemburger Haltung zur Judenverfolgung ein wunder Punkt in den Debatten über die Zeit des Nationalsozialismus ist. Deshalb ist es gut, dass nun eine Historikerkommission nun zusammengekommen ist, um zumindest die Haltung des Staates in dieser Frage konstruktiv aufzuarbeiten. Dass es auch in Luxemburg Antijudaismus und Antisemitismus gab, lässt sich wohl kaum bezweifeln. Wie ausgeprägt diese Tendenzen waren – das gilt es nun herauszufinden.


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