SKA: Verrücktes für die Arbeiterklasse

Bisher brachte man die Hits von Madness, der Londoner Ska-Pop-Legende, vor allem mit Hochzeits-
festen der britischen „Working Class“ in Verbindung – auch wenn inzwischen sogar die Royals sich an ihrer Musik erfreuen.

Madness haben die positive Energie mit Löffeln gefressen. (Foto: Konbini)

Für Multiinstrumentalist Chas Smash ist seine Band Madness „Pink Floyd der Arbeiterklasse“, wie er in einem Interview letztes Jahr sagte. Mit dem Bonmot will Smash auf eingängige Weise seine Überzeugung kundtun, dass die arbeitende Bevölkerung in wirtschaftlichen Krisen melodische, positive Musik hören will. „Man will getröstet und nicht herausgefordert werden, wenn die Zeiten hart sind.“ Bei Madness dreht sich, wie eh und je, alles um lebensbejahende Unterhaltung.

Dies erklärt die Popularität einer Band, deren Lage nicht immer rosig war und deren musikalische Ausrichtung frühzeitig eine Wendung nahm, die wohl nur von einem kleinen Teil der eingefleischten Fans begrüßt wurde. Als Madness sich Ende der 1970er Jahre in Camden Town zusammenfand, wurde sie Teil einer Gruppe von Bands, die den Ska wiederbelebten. Zeitgenossen wie die Specials oder The Beat waren, wie Madness selber, auf dem Label 2 Tone Records vertreten, das dem Revival seinen Namen gab: 2-tone.

Nach den ersten zwei Ska-lastigen Alben mit Singles wie „One Step Beyond“ fasste man den Entschluss, „sich den Zeiten anzupassen“, wie Gitarrist Chris Foreman es später der Presse gegenüber formulierte. Obwohl Madness mit 2-tone erfolgreich war, wurde Ska zu einem bloßen Stilmittel degradiert, mit dem der nun im Vordergrund stehende Pop etwas gewürzt werden sollte: hier ein paar Bläser, dort ein bisschen Ska-Rhythmus. Die Rechnung ging auf, und Songs wie das Labi-Siffre-Cover „It Must Be Love“, die Coming-of-Age-Parodie „House of Fun“ und „Our House“, das bis heute der international erfolgreichste Hit der Band ist, wurden zu Chart-Hits.

Als die Erfolgswelle nach und nach abebbte, verlor die Band zunehmend ihren Zusammenhalt, bis sie sich schließlich 1986 offiziell auflöste. Eine Wiederveröffentlichung von „It Must Be Love“ und ein Album mit alten Singles brachten jedoch noch einmal Chart-Erfolge, und so entschied sich Madness zu einem Reunion-Konzert in London. Der bewährten Maxime „liebe das Leben“ folgend, wurde das Konzert zu einer von den Fans enthusiastisch gefeierten Party, die nicht nur im übertragenen Sinne eine weitreichende Resonanz auslöste: Am gleichen Abend mussten mehrere Wohnblocks in der Nähe wegen erdbebenartiger Schwingungen evakuiert werden, die Scheiben splittern und Balkone rissig werden ließen. Eine Untersuchung brachte zutage, dass sie durch die rhythmischen Stampfbewegungen der zu den Klängen von Madness tanzenden Massen verursacht worden waren.

Nach diesem Auftritt gab Madness noch weitere Konzerte, veröffentlichte ein Studioalbum und führte das Madness-Musical „Our House“ auf, doch reichte das alles nicht aus, um die Band wieder richtig zusammenzuführen. Erst die Arbeiten zu dem neunten Album, „The Liberty of Norton Folgate“, das 2009 erschien, machte aus ihr wieder eine Einheit. Mit dem aktuellen Album „Oui Oui Si Si Ja Ja Da Da“, das letztes Jahr erschien, zementiert Madness ihren aktuellen, glamourösen Pop-Sound und genauso ihr altes Leitmotiv. „Es ist eine Bestätigung, wie positiv das Leben sein kann, und wie positiv man selber sein Leben leben kann“, erklärte Chas Smash in einem Interview den Albumtitel. Das Bestreben, das Leben ihrer Fans aufzuheitern, bleibt also laut Smash Hauptmotivation: „Wir sind ein hell leuchtender Freude-Virus, der in harten Zeiten ein bisschen Freude und Glück verbreiten will.“

An diesem Sonntag, dem 15. September in der Rockhal.


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