MUSIK: Ok, Computer?

Benannt haben sie sich nach einer Maßeinheit für Sockendichte. Auf leisen Sohlen wagen die drei Soundtüftler von Moussevingt den Schritt auf die Bühne.

Moussevingt nehmen’s wörtlich: Sam, Cédric und Marc.

Elektronische Musik in Luxemburg? Ja, das gibt es. Zwar ist diese Stilrichtung weitaus weniger verbreitet als etwa Punk oder Metal, doch wird sie immer mehr zum festen Bestandteil der hiesigen Musiklandschaft. Die drei Jungs von Moussevingt gehören zu denen, die ausgezogen sind, um zu beweisen, dass man hierzulande mehr aus Synthesizer holen kann als nur den Soundtrack zum „Quetschefest“.

„Ich war gelangweilt von der traditionellen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Besetzung“, erklärt Marc Clement, der bei Moussevingt für Gesang, Keyboards und Sampling zuständig ist. Gemeinsam mit Samuel Reinard (Gitarre Bass, Sampling und Gesang) beschloss er, es mit einem elektronischen Projekt zu versuchen. Eigentlich kommen beide aber eher aus dem Rockbereich: Samuel spielte Gitarre bei Something Under My Bed und Marc stand bei Surf Me Up Scotty hinter dem Keyboard. Auch heute zählen vor allem Rockbands zu den Haupteinflüssen von Moussevingt. Zwischen Alben von Death Cab for Cutie und Radiohead steht aber bei den Jungs auch Jazz oder klassische Musik im CD-Regal.

Mit einem alten Rechner und verschiedenen Basis-Programmen legten die beiden Musiker 2001 los. „Wir haben nach und nach gelernt mit dem Material das wir hatten umzugehen“, erklärt Samuel. Mit Rat und Tat zur Seite stand ihnen dabei Tontechniker Pierre Bianchi, heute Frontmann der Band Eyston. Mit dem Soundtrack zum in der Escher Kulturfabrik aufgeführten „Phaedra Project“, einer Art digitaler Tragödie, wagte sich Moussevingt 2002 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Soundbastler

Ein Jahr später konzipierte das Duo, gemeinsam mit Jean Terre, Klangteppiche für eine interaktive Fotoausstellung, die in der Bettemburger Galerie BC/2 zu sehen war. Als einen ihrer bedeutendsten Aufträge betrachten die drei die Musik zu Caryl Churchills Theaterstück „Far Away“, das in der Kulturfabrik aufgeführt wurde. Nach und nach räumte Moussevingt den Saiteninstrumenten wieder mehr Platz ein, besonders nachdem Jean Terre den Part des Bassspielers übernommen hatte. Und sie begannen den Ausbruch aus der Werkstatt zu planen: „Wir fühlten uns als Band dann doch nicht komplett ohne Live-Auftritte“, sagt Marc.

Während der Tanzperformance „ID-Project“ wagten sich Marc und Sam mit Unterstützung der Chief Mart’s zum
ersten Mal auf die Bühne. Cédric Czaika, Bassist der Post-Rock Truppe Pandha, löste Jean Terre ab und somit war das aktuelle Line-up perfekt. Aus dem Elektro-Projekt wurde eine echte Live Band. Gleichzeitig brachten sie auch ein erstes Mini-Album mit drei Songs auf den Markt: „The Tuning-up Demonstration“. „Uns sind die Melodien sehr wichtig“, erklärt Marc, „denn allzu oft klingt elektronische Musik kalt und seelenlos“. Der erste Titel „Jump Down“ ist dann auch ausgesprochen melodiös, überrascht aber mit donnernden, verzerrten Gitarrenparts. „Igloo“ ist nicht ganz so zugänglich wie `Jump Down‘, dafür aber vielschichtiger. „Lovesongtothemachines“ ist mit seinen tiefen Orgelparts und schnellen Drum’n’Bass Passagen düsterer als der Rest der Demo. Als Bonus sozusagen gibt es dann noch das Video zu „Igloo“, gedreht von Christian Neumann, mit dem die Band bereits 2002 anlässlich der Ausstellung in der BC/2 zusammenarbeitete.

Im letzten Jahr wurde der Name Moussevingt dann auch für ein breiteres Publikum zum Begriff, als sie beim vom Kollektiv Schalltot organisierten „Out of the Crowd“-Festival in der Kufa auftraten und mit ihren für Luxemburg ungewohnten Tönen für allgemeines Aufhorchen sorgten. Live haben die drei alle Hände voll zu tun. Nicht nur Gitarre, Bass und Keyboard wollen bedient werden, sondern auch die Loops und Beats müssen rechtzeitig gestartet werden. Manchmal wechselt sogar die Gitarre den Musiker, nicht nur nach, sondern auch während verschiedenen Songs.

Wie in ihren Anfangstagen, müssen sich die Musiker noch immer mit veraltetem Material herumplagen. Technische Probleme waren auch der Grund für das in letzter Minute abgesagte Konzert im Rahmen der diesjährigen „Fête de la musique“. Ein während des Soundchecks versagender Rechner machte den Auftritt unmöglich. Kleinere Rückschläge können Marc, Sam und Cédric aber eigentlich nicht entmutigen. „Das Ganze ist für mich eigentlich kein Hobby mehr und die Proben sind auch nicht mehr nur so ein Treffen unter Freunden“, betont Cedric, der seine Studien der Band wegen in Luxemburg fortsetzen will. Doch auch eine durch das Studium bedingte Trennung hielt Sam und Marc nicht vom Komponieren ab: Songentwürfe zirkulierten damals per Post zwischen London und Paris.

Nach einem Plattenvertrag halten die Musiker jedoch nicht wirklich Ausschau. „Wir fühlten uns bis jetzt noch nicht bereit für diesen Schritt, weil es uns in dieser Besetzung eigentlich erst seit einem Jahr gibt“, sagt Sam. Zur Zeit haben Live-Auftritte oberste Priorität – und das Schreiben von neuem Material. Im August nimmt die Band die Aufnahmen zum ersten Album in Angriff. Aber vorher können die drei bei ihrem Auftritt an diesem Samstag im Casino – Forum d’Art contemporain erst noch einmal den fliegenden Gitarrenwechsel proben.


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