Carolin Emckes Corona-Journal: Vielleicht, vielleicht, vielleicht

von | 16.04.2021

Wenn die Philosophin Carolin Emcke über Corona schreibt, gibt es neben tragischen Erinnerungen auch etwas zu lachen. „Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie“ ist ein wichtiges Buch über die andauernde Krise, das zum richtigen Zeitpunkt erscheint.

Carolin Emcke hat Humor. Auch wenn sie über die Corona-Pandemie schreibt. Mit Aussagen wie „Was schreibe ich also hinein in so einen Patientenwillen: es war gut bis hierher, alles weitere wäre Nachschlag?“ oder „(…) [S]chon jetzt ziehe ich bockig Grenzen ein, die ich auf gar keinen Fall unterschreiten will. ‚Happy Birthday‘ zu singen, jedes Mal beim Händewäschen, ist mein Limit“,  ringt Emcke einem trotz angespannter Lage ein Lächeln ab. Wer regelmäßig die Süddeutsche Zeitung liest, dürfte Carolin Emckes Kolummne zur Corona-Pandemie kennen. Die freie Publizistin und Philosophin veröffentlichte dort vom 23. März bis zum 29. Mai 2020 Beiträge zur Krise. Diese erschienen im März dieses Jahres gebündelt alsJournal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie“ beim S. Fischer Verlag, um Emckes Postscriptum vom November 2020 ergänzt.

Emcke, unter anderem für ihre Kriegsreportagen bekannt, erzählt im Journal Witze über Donald Trump. Ob die lustig sind? An sich nur mäßig. Trotzdem tun sie zwischen den düsteren Gedanken über Tod und Krankheit gut. Emcke lässt neben amüsierenden Anekdoten und Trump-Witzen nämlich Revue passieren, was noch nicht beendet ist: die Corona-Pandemie. Subjektiv gesprochen, macht sich bei der Lektüre bemerkbar, wie tief einem das erste Krisenjahr in den Knochen sitzt. Emckes erste Beiträge sorgen auf eine verstörende Weise für Nostalgie: Aus persönlicher Sicht war zwar damals wie heute vieles unklar und beängstigend, doch hat sich in der Zwischenzeit eine allgemeine Pandemie-Müdigkeit breitgemacht. Im März 2020 war das, zumindest für die Autorin dieser Zeilen, noch anders. Ist es vielleicht zu früh, ein Journal über Corona zu lesen und einen ersten Rückblick zu wagen? Nicht, wenn es Carolin Emcke ist, die schreibt.

Der Untertitel „Tagebuch in Zeiten der Pandemie“ ist treffend, verrät aber nicht, wie viel tiefer das Buch blicken lässt. Das Journal dokumentiert die Krise faktisch und emotional. Die Einträge zu lesen, entlastet. Zwischen den Zeilen steckt Menschlichkeit, die in Zeiten wie diesen besonders wichtig ist. Auch Carolin Emcke, Trägerin des renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, hat manchmal keine Kraft mehr zu schreiben. Sie teilt – um die eigene Sorglosigkeit und Ausdrucksfreiheit besorgt – das ungute Gefühl, wenn beim Treffen mit Freund*innen die Atemmasken fallen. Emcke schildert kurze Unterhaltungen mit ihrer Partnerin, die einigen Leser*innen vermutlich bekannt vorkommen. Sie fürchtet sich durch die zeitweise aufgezwungene Zweisamkeit vor Spießigkeit. Das alles sind Gedanken, die verbinden können.

Gleichzeitig eröffnet Emcke aber auch andere Perspektiven auf die aktuellen Geschehnisse und betont, dass sie aus einer privilegierten Position heraus spricht. So schreibt sie über Bekannte aus der Türkei, dem Gazastreifen oder aus New York, die eine andere Lebensrealität haben. Sie kommentiert das Sterben im Flüchtlingslager auf Moria und den Mord an George Floyd, kritisiert sowohl die EU als auch die deutsche Politik scharf.

Damit ist „Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie“ schon jetzt ein wichtiges Zeitzeugnis. Die letzten Sätze des Buches haben jedenfalls einen ikonischen Charakter: „Vielleicht ist es das, was wir retten müssen in die Zeit danach: die Praxis der politischen Kritik, aber eben auch die Lust am Ausprobieren neuer, anderer Formen der Gemeinschaft. Vielleicht ist es das, was wir aufbewahren müssen von diesem Jahr, die Erfahrung der wechselseitigen Verwundbarkeit und der unbedingten, kostbaren Solidarität. Vielleicht ist es das, was bleiben muss, die Aufmerksamkeit für die internationalen Verbindungen. Vielleicht es das, was wir nicht vergessen dürfen, dass diese Pandemie eben auch eine historische Schwelle bedeutet, aus der sich großzügiger, inklusiver, gerechter, leidenschaftlicher als Gesellschaft hervorgehen lässt.“

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