Fotoausstellung: Queere Geschichten aus China

von | 23.03.2022

Was heißt es in China schwul, lesbisch, trans oder queer zu sein? Wie hat sich die RealitĂ€t dieser Menschen ĂŒber Generationen hinweg verĂ€ndert? Die Online-Ausstellung „Better Together“ gibt Einblicke. Über eine Schau, die ihrer Existenz wegen gefeiert werden sollte.

Die Online-Ausstellung „Better Together“ portrĂ€tiert LGBT*-Menschen in China – einem Land, in dem ihre Rechte nach wie vor stark eingeschrĂ€nkt sind. (Copyright: All Out/Shawn Zhang/Screenshot)

Es gibt Online-Ausstellungen, die durch ihre Aufmachung und technischen Spielereien bestechen, und solche, die allein durch ihr Dasein Anerkennung verdienen. „Better Together“ fĂ€llt in die zweite Kategorie: All Out, eine internationale Bewegung fĂŒr Liebe und Gleichstellung, und Shawn Zhang, ein queerer Fotograf aus Nordchina, lassen in ihrer Online-Schau Menschen zu Wort kommen, deren Geschichten in China am besten verschwiegen werden sollten.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen LGBT* Menschen in China. Shawn Zhang verweist in seiner Einleitung darauf, dass viele von ihnen in einem konservativen Umfeld leben, „das sie aufgrund von Stigmatisierung und Vorurteilen dazu zwingt, sich zu verstecken“. Der Fotograf erlebte in seiner Kindheit selbst Gewalt und Mobbing, weil er nicht dem Bild eines heterosexuellen cis-Jungen entsprach. Zum Selbstschutz lehnte er seine queere IdentitĂ€t zehn Jahre lang ab, wie er in dem Text schreibt.

In „Better Together“ portrĂ€tiert er in drei Kapiteln 23 Menschen mit seiner Kamera: „Auf der Suche nach IdentitĂ€t“, „Auf der Suche nach Liebe“ und „Auf der Suche nach Vielfalt“. Die Inhalte sind auf Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch verfĂŒgbar. Neben den Fotos, die kunstvoll, aber nicht herausragend sind, erscheinen die Geschichten zu den Gesichtern. Sie sind in der Ich-Form geschrieben, stilistisch und inhaltlich so unterschiedlich wie die Schicksale der Personen, von denen sie erzĂ€hlen. Einige sprechen die politische Situation sowie gesellschaftliche Normen in China an.

Von WidersprĂŒchen und Idealen

Einer von ihnen ist der 28-jĂ€hrige Qing Zi aus Guangdong. „Viele Menschen in China sind der Meinung, dass LGBT*-Menschen in unserem Land nicht existieren, dass es sich nur um eine importierte Ideologie aus dem Westen handelt, die abgeschafft werden sollte“, schreibt er in seinem Text. Seine trans IdentitĂ€t und die Tatsache, dass er Chinese ist, stehen fĂŒr ihn im Widerspruch zueinander. Zi strebt nach dem Einklang seiner nationalen mit seiner geschlechtlichen IdentitĂ€t.

Von anderen WidersprĂŒchen berichtet ein schwules Paar. Fan Fan und Zhao leben in Peking. WĂ€hrend Zhao um Optimismus bemĂŒht ist, fĂŒhlt sich Fan Fan in der Großstadt unwohl: „Das moderne Peking hat eine Art widersprĂŒchliche Energie. Die Menschen hier prallen aufeinander und versuchen Frieden auf der Spitze einer Nadel zu finden.“ Das Paar hat letztes Jahr viele Übergriffe auf LGBT*-Menschen erlebt.

Die lesbische Shan Shan, 25 Jahre alt und wie Qing Zi aus Guangdong, bringt ein anderes Thema zur Sprache: Schönheitsideale. Shan Shan war als Jugendliche 163 cm groß und wog 50 Kilogramm – „zu dick“, wie ihr Vater fand. In ihrem Beitrag erzĂ€hlt sie von den langanhaltenden Folgen dieses Bodyshaming und dem Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung. „Als lesbische Frau in China wurden meine IdentitĂ€t, mein Körper und mein Leben von Menschen um mich herum immer wieder abgelehnt“, schreibt sie. „Egal, was ich tue, es scheint, dass ich nie gut genug bin und es nicht verdiene, geliebt zu werden, nicht einmal von mir selbst.“

Über Normen und AnsprĂŒche schreibt auch Ashan. Der 65-JĂ€hrige spricht vor allem die Einsamkeit und Verzweiflung an, die schwule MĂ€nner seiner Generation empfinden. „Damals haben wir uns nicht einmal getraut, das Wort ‘schwul’ auszusprechen, weil es zu stigmatisierend war, wir haben es einfach ganz weggelassen“, heißt es in seinem Text. „Als schwuler Mensch wurde man in den 80er Jahren von der Justiz und der Medizin als ‘potenzieller Krimineller’ und ‘psychisch krank’ eingestuft. Wir hatten keine gesetzlich anerkannte IdentitĂ€t (…)“. Manche Schwule seien deswegen heterosexuelle Ehen eingegangen, um dem „gesellschaftlichen Mainstream“ zu entsprechen.

Ashan verliebte sich in einen Mann, als einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Sex in China noch unter Strafe stand. Das Verbot wurde 1997 aufgehoben. In China herrscht jedoch nach wie vor die staatlich geförderte Diskriminierung von LGBT+-Menschen, wie aus dem Bericht „State-Sponsored Homophobia“ von Ilga-World aus dem Jahr 2020 hervorgeht: Seit 2015 ist es beispielsweise nach den General Rules for Television Series Content Production verboten, Inhalte zu verbreiten, die nicht-heterosexuelle Liebesbeziehungen thematisieren. Dasselbe gilt seit 2017 fĂŒr audiovisuelle Programme und seit 2019 fĂŒr „Online Short Video Platforms“. LGBT+-Menschen sind gesetzlich nicht gegen Hassverbrechen geschĂŒtzt, dĂŒrfen weder heiraten noch gemeinsam Kinder adoptieren. Der „Trans Legal Mapping“-Bericht von Ilga-World aus dem Jahr 2019 weist außerdem auf die zĂ€hen Prozeduren hin, die trans Menschen zur Anpassung der Geschlechtsangabe in China durchlaufen mĂŒssen: Sie mĂŒssen sich unter anderem Operationen unterzogen haben, die ihr Geschlecht bestĂ€tigen und fĂŒr die es eines psychiatrischen Gutachtens sowie der schriftlichen Einwilligung der Familie und der Arbeitsstelle bedarf. Das psychiatrische Gutachten erhalten nur heterosexuelle trans Menschen.

„Better Together“ liefert diese Hintergrundinformationen leider nicht. DarĂŒber hinaus fehlen Angaben zur Entstehung der Ausstellung, zu etwaigen Hindernissen oder Reaktionen. Es braucht also eine gewisse Neugier und ein Interesse fĂŒr die Rechte von LGBTIQA+-Menschen, um die Bedeutung dieser Ausstellung zu verstehen. Was aussieht wie ein paar SchnappschĂŒsse und SelbstportrĂ€ts, ist in Wahrheit nĂ€mlich ein mutiger Akt und ein Zeichen der Selbstbefreiung.

Auf www.better-together.lgbt.‹Die AbkĂŒrzungen LGBT*, LGBT+ und LGBTIQA+ wurden dem Kontext entsprechend angepasst.

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