Was heiĂt es in China schwul, lesbisch, trans oder queer zu sein? Wie hat sich die RealitĂ€t dieser Menschen ĂŒber Generationen hinweg verĂ€ndert? Die Online-Ausstellung âBetter Togetherâ gibt Einblicke. Ăber eine Schau, die ihrer Existenz wegen gefeiert werden sollte.

Die Online-Ausstellung âBetter Togetherâ portrĂ€tiert LGBT*-Menschen in China â einem Land, in dem ihre Rechte nach wie vor stark eingeschrĂ€nkt sind. (Copyright: All Out/Shawn Zhang/Screenshot)
Es gibt Online-Ausstellungen, die durch ihre Aufmachung und technischen Spielereien bestechen, und solche, die allein durch ihr Dasein Anerkennung verdienen. âBetter Togetherâ fĂ€llt in die zweite Kategorie: All Out, eine internationale Bewegung fĂŒr Liebe und Gleichstellung, und Shawn Zhang, ein queerer Fotograf aus Nordchina, lassen in ihrer Online-Schau Menschen zu Wort kommen, deren Geschichten in China am besten verschwiegen werden sollten.
Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen LGBT* Menschen in China. Shawn Zhang verweist in seiner Einleitung darauf, dass viele von ihnen in einem konservativen Umfeld leben, âdas sie aufgrund von Stigmatisierung und Vorurteilen dazu zwingt, sich zu versteckenâ. Der Fotograf erlebte in seiner Kindheit selbst Gewalt und Mobbing, weil er nicht dem Bild eines heterosexuellen cis-Jungen entsprach. Zum Selbstschutz lehnte er seine queere IdentitĂ€t zehn Jahre lang ab, wie er in dem Text schreibt.
In âBetter Togetherâ portrĂ€tiert er in drei Kapiteln 23 Menschen mit seiner Kamera: âAuf der Suche nach IdentitĂ€tâ, âAuf der Suche nach Liebeâ und âAuf der Suche nach Vielfaltâ. Die Inhalte sind auf Deutsch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch verfĂŒgbar. Neben den Fotos, die kunstvoll, aber nicht herausragend sind, erscheinen die Geschichten zu den Gesichtern. Sie sind in der Ich-Form geschrieben, stilistisch und inhaltlich so unterschiedlich wie die Schicksale der Personen, von denen sie erzĂ€hlen. Einige sprechen die politische Situation sowie gesellschaftliche Normen in China an.
Von WidersprĂŒchen und Idealen
Einer von ihnen ist der 28-jĂ€hrige Qing Zi aus Guangdong. âViele Menschen in China sind der Meinung, dass LGBT*-Menschen in unserem Land nicht existieren, dass es sich nur um eine importierte Ideologie aus dem Westen handelt, die abgeschafft werden sollteâ, schreibt er in seinem Text. Seine trans IdentitĂ€t und die Tatsache, dass er Chinese ist, stehen fĂŒr ihn im Widerspruch zueinander. Zi strebt nach dem Einklang seiner nationalen mit seiner geschlechtlichen IdentitĂ€t.
Von anderen WidersprĂŒchen berichtet ein schwules Paar. Fan Fan und Zhao leben in Peking. WĂ€hrend Zhao um Optimismus bemĂŒht ist, fĂŒhlt sich Fan Fan in der GroĂstadt unwohl: âDas moderne Peking hat eine Art widersprĂŒchliche Energie. Die Menschen hier prallen aufeinander und versuchen Frieden auf der Spitze einer Nadel zu finden.â Das Paar hat letztes Jahr viele Ăbergriffe auf LGBT*-Menschen erlebt.
Die lesbische Shan Shan, 25 Jahre alt und wie Qing Zi aus Guangdong, bringt ein anderes Thema zur Sprache: Schönheitsideale. Shan Shan war als Jugendliche 163 cm groĂ und wog 50 Kilogramm â âzu dickâ, wie ihr Vater fand. In ihrem Beitrag erzĂ€hlt sie von den langanhaltenden Folgen dieses Bodyshaming und dem Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung. âAls lesbische Frau in China wurden meine IdentitĂ€t, mein Körper und mein Leben von Menschen um mich herum immer wieder abgelehntâ, schreibt sie. âEgal, was ich tue, es scheint, dass ich nie gut genug bin und es nicht verdiene, geliebt zu werden, nicht einmal von mir selbst.â
Ăber Normen und AnsprĂŒche schreibt auch Ashan. Der 65-JĂ€hrige spricht vor allem die Einsamkeit und Verzweiflung an, die schwule MĂ€nner seiner Generation empfinden. âDamals haben wir uns nicht einmal getraut, das Wort âschwulâ auszusprechen, weil es zu stigmatisierend war, wir haben es einfach ganz weggelassenâ, heiĂt es in seinem Text. âAls schwuler Mensch wurde man in den 80er Jahren von der Justiz und der Medizin als âpotenzieller Kriminellerâ und âpsychisch krankâ eingestuft. Wir hatten keine gesetzlich anerkannte IdentitĂ€t (…)â. Manche Schwule seien deswegen heterosexuelle Ehen eingegangen, um dem âgesellschaftlichen Mainstreamâ zu entsprechen.
Ashan verliebte sich in einen Mann, als einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Sex in China noch unter Strafe stand. Das Verbot wurde 1997 aufgehoben. In China herrscht jedoch nach wie vor die staatlich geförderte Diskriminierung von LGBT+-Menschen, wie aus dem Bericht âState-Sponsored Homophobiaâ von Ilga-World aus dem Jahr 2020 hervorgeht: Seit 2015 ist es beispielsweise nach den General Rules for Television Series Content Production verboten, Inhalte zu verbreiten, die nicht-heterosexuelle Liebesbeziehungen thematisieren. Dasselbe gilt seit 2017 fĂŒr audiovisuelle Programme und seit 2019 fĂŒr âOnline Short Video Platformsâ. LGBT+-Menschen sind gesetzlich nicht gegen Hassverbrechen geschĂŒtzt, dĂŒrfen weder heiraten noch gemeinsam Kinder adoptieren. Der âTrans Legal Mappingâ-Bericht von Ilga-World aus dem Jahr 2019 weist auĂerdem auf die zĂ€hen Prozeduren hin, die trans Menschen zur Anpassung der Geschlechtsangabe in China durchlaufen mĂŒssen: Sie mĂŒssen sich unter anderem Operationen unterzogen haben, die ihr Geschlecht bestĂ€tigen und fĂŒr die es eines psychiatrischen Gutachtens sowie der schriftlichen Einwilligung der Familie und der Arbeitsstelle bedarf. Das psychiatrische Gutachten erhalten nur heterosexuelle trans Menschen.
âBetter Togetherâ liefert diese Hintergrundinformationen leider nicht. DarĂŒber hinaus fehlen Angaben zur Entstehung der Ausstellung, zu etwaigen Hindernissen oder Reaktionen. Es braucht also eine gewisse Neugier und ein Interesse fĂŒr die Rechte von LGBTIQA+-Menschen, um die Bedeutung dieser Ausstellung zu verstehen. Was aussieht wie ein paar SchnappschĂŒsse und SelbstportrĂ€ts, ist in Wahrheit nĂ€mlich ein mutiger Akt und ein Zeichen der Selbstbefreiung.

