Wandel im kolumbischen Medellin: Treppen, Touristen, Traumata

von | 05.02.2026

Einst beherrschten staatliche Gewalt und paramilitärische Gruppen das Viertel, nun sprühen Graffiti-Künstler bunte Motive und Tourist*innen füllen die Gassen und Souvenirläden: Der Wandel des Stadtteils Comuna 13 in Medellín ist offensichtlich. Hinter der bunten Fassade wird die Frage nach Gerechtigkeit, verschwundenen Menschen und der Rolle des Staats aufgeworfen.

Bunt und belebt: Menschenmassen, Street Art von lokalen Künstler*innen und Souvenirstände.(Foto: Johannes Stein)

„Es sind die Treppen“, beantwortet Luis seine eigene Frage, was uns denn hier in der Gegend als Erstes aufgefallen sei. Wir laufen in einer Gruppe von etwa 15 zumeist deutschen Touristen eine steile Straße hinauf. San Javier, besser bekannt als Comuna 13, ist einer der 16 Stadtteile Medellíns. Das hochgelegene Viertel im Westen der zweitgrößten Stadt Kolumbiens mit seinen etwa 160.000 Einwohner*innen hat sich innerhalb von zwölf Jahren von einer der gefährlichsten Gegenden der Welt zum Tourismusmagneten entwickelt. Und tatsächlich sieht man überall Treppen. Medellín, dessen Zentrum im Aburrá-Tal in den Anden gelegen ist, wird umschlungen von steilen Hängen.

Die dortigen Wohngegenden zu erreichen, war noch nie einfach. „Früher bedeutete es Armut, weit oben an den Hängen zu wohnen, heute entwickelt sich der Trend umgekehrt“, erzählt Luis. Die Viertel werden immer weiter erschlossen und somit auch die Comuna 13. Zuerst kamen die Treppen, dann die Freiluft-Rolltreppen und die Seilbahn der Linie J des „Metrocable“-Systems, die das Zentrum der Stadt mit den Wohngebieten an den westlichen Hügeln verbindet. Vor einigen Jahren wäre es unmöglich gewesen und noch heute raten die Reiseführer und manche Website davon ab, das Viertel ohne Guide zu besuchen, insbesondere am Abend.

In der Mittagshitze auf über 1.500 Metern ist es schwierig, in dem Gewirr aus Menschen an Luis dranzubleiben. Die Straßen sind gesäumt von Restaurants und Straßenständen. Wir biegen in eine kleinere Gasse ab. An der Ecke eines Hauses beobachtet uns eine Gruppe junger Männer von einer Treppe aus. Die meisten Wände sind voller Graffiti und Street Art. Dann gelangen wir auf schmalen Wegen und Treppen durch ein Gewirr an kleinen Häusern zu einem Platz weiter oben. Aus einem Hof gackern Hühner. Jede noch so kleine Abzweigung ist mit einem Straßenschild versehen. Luis kennt die Wege in- und auswendig.

„Stellt euch vor, früher mussten die Menschen, die hier oben lebten, über 700 Stufen laufen, um von ihrer Arbeit im Tal zu ihrem Haus zu gelangen“, sagt er. Von hier aus kann man das Viertel gut überblicken. In der wild gewachsenen Favela ist keines der zumeist aus rotem Backstein gemauerten Häuser wie das andere – von Stadtplanung keine Spur. Das Viertel ist geprägt von der Gewalt der Vergangenheit. Es gilt als einer der Hauptschauplätze der Konflikte im Bürgerkrieg zwischen Guerillagruppen wie der „Farc“ oder des „ELN“, den paramilitärischen Gruppen und den mächtigen Drogenkartellen sowie Polizei und Militär.

Tagelange Straßenkämpfe

Am 16. Oktober 2002 erfolgte unter dem damaligen ultrarechten Präsidenten Álvaro Uribe Vélez, der Anfang August wegen Bestechung und Betrugs zu zwölf Jahren Hausarrest verurteilt wurde, die „Operación Orión“. Vier Tage kreisten die Militärhubschrauber in der ersten Phase dieser brutalen Militäraktion über dem Viertel, mit dem Ziel, die städtischen Netzwerke der Farc und des ELN zu zerschlagen. Vier Tage lang gab es Straßenkämpfe, Häuser wurden durchsucht, Menschen verschleppt. Zuvor hatten bereits weniger umfangreiche militärische Eingriffe stattgefunden, die „Operación Mariscal“ am 29. Mai und „Operación Antorcha“ am 15. August, die jedoch auch aufgrund der Präsenz von Medien und Menschenrechtsorganisationen abgebrochen wurden.

„Damals war ich noch ein kleiner Junge. Ich weiß noch, wie wir in diesen Tagen versucht haben, uns mit Matratzen an den Fenstern und Wänden vor den Durchschüssen zu schützen“, erinnert sich Luis, als er auf die staatliche Großrazzia angesprochen wird. Acht Panzer und über 800 Soldaten schickte die Regierung, sie agierten Seite an Seite mit paramilitärischen Kämpfern. Insgesamt marschierten, abgeschirmt vor der Öffentlichkeit, 3.000 Bewaffnete in das Viertel ein. Die Operation mündete in der Besetzung und der vollständigen Kontrolle des Gebiets durch die paramilitärische Gruppe „Bloque Cacique Nutibara“ (BCN).

Die zweite Phase der „Operación Orión“ war geprägt von gewaltsamen Entführungen und dem Verschwinden von zumeist jungen Männern. Bis heute bemühen sich die Familien der Vermissten und Menschenrechtsorganisationen um Aufklärung. Über 400 Fälle wurden bisher öffentlich angezeigt. Die meisten Verschwundenen werden in der lokalen Bauschuttdeponie „La Escombrera“ vermutet; das Areal wird als größtes Massengrab Kolumbiens bezeichnet.

Durch Geständnisse von BCN-Mitgliedern, denen 2005 im Rahmen des „Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden“ fast vollständige Straflosigkeit garantiert wurde, konnte bestätigt werden, dass die Deponie zum Verscharren genutzt worden war. Der Anführer des BCN, der Drogenbaron Diego Fernando Murillo, bekannt als „Don Berna“, der 2008 an die USA ausgeliefert wurde, räumte ein, dass sich an unterschiedlichen Stellen der Deponie nahezu 300 Leichen befänden.

Tausende Tonnen Schutt

Die Suche nach ihnen erweist sich Jahre später als überaus kompliziert. Über 25 Meter hat sich das Bodenniveau hier mancherorts angehoben. Die Leichen befinden sich unter Tausenden Tonnen darüber abgelagerten Schutts und Mülls. Erst 2019 wurde der Abwurf von Bauschutt untersagt und es wurden Ausgrabungen angeordnet, welche in großem Umfang erst 2024 begannen. Im Dezember stieß man auf die Überreste zweier Leichen. Das markierte einen Meilenstein für die „Mujeres Caminando por la Verdad“ (Frauen auf dem Weg zur Wahrheit), eine von den Müttern der Opfer ins Leben gerufene Organisation, die eine Aufklärung des gewaltsamen Verschwindenlassens fordern.

Sie bezeichneten dies als „feierlichen Moment, der ihnen Hoffnung gebe“ und beweise, dass sie weder verrückt noch auf Entschädigungen aus seien – ein weitverbreiteter Vorwurf, der den Familienmitgliedern der Opfer gemacht wird, die oft als Kriminelle und Drogenabhängige bezeichnet werden. Der rechte Bürgermeister Medellíns, Federico Gutiérrez Zuluaga, hat angekündigt, städtische Mittel für die Ausgrabungen zur Verfügung zu stellen. Er ist als entschiedener Gegner der Politik des linken Präsidenten Gustavo Petro und von dessen Umsetzung des Friedensabkommens „Paz total“ bekannt. Dieses strebt eine Demobilisierung aller bewaffneten Gruppen durch gleichzeitige Verhandlungen an, steht aber immer wieder kurz vor dem Scheitern, weil Waffenruhen gebrochen werden.

Die „Operación Orión“ sollte damals, neun Jahre nach dem Tod des berüchtigten Drogenbarons Pablo Escobar, dem Oberhaupt des Medellín-Kartells, der Kriminalität im Viertel ein Ende setzen und dem Drogenhandel und der Vorherrschaft der Stadtguerillagruppen einen Riegel vorschieben. Hierbei spielte die Comuna 13 eine wichtige Rolle: „Es ist die Straße hinter dem Berg, auf der anderen Seite“, erklärt Luis. „Wer die Comuna 13 beherrscht, beherrscht die Straße zwischen der Küste und dem Landesinneren und somit die wichtigste Handelsroute.“

Medellín galt schon immer als strategisch bedeutend im Handel mit Kokain und Waffen, auch weil hier die Route in das nördlich gelegene Panama verläuft, von wo südamerikanische Drogen in die USA gelangen. Von der Anden-Stadt aus koordinierten Escobar und die Mitglieder des Medellín-Kartells bis Ende der 1980er-Jahre 80 Prozent des weltweiten Kokainhandels. Er schaffte es damals mit einem Vermögen von 2,7 Milliarden US-Dollar auf die von der US-amerikanischen Zeitschrift „Forbes“ erstellte Liste der reichsten Menschen der Welt.

Das strukturschwache Viertel, in dem zumeist Binnenvertriebene lebten, die wegen der Armut und der Gewalt von Paramilitärs und Guerilla-gruppen aus den ländlichen Regionen wie Antioquia und Chocó entflohen sind, war zudem ein idealer Ort, um junge Menschen für den Drogenhandel als Spitzel, Schmuggler und Dealer zu rekrutieren. Als sogenannte „sicarios“ (Auftragsmörder) töteten sie hier von ihren Motorrädern aus Konkurrenten und Gegner der Kartelle. Anfang der 1990er-Jahre galt Medellín mit 381 Morden pro 100.000 Einwohner*innen als „Mordhauptstadt der Welt“. Bis 2021 sank diese Rate um nahezu 90 Prozent.

Tanzen für Geld: Eine Gruppe junger Leute präsentiert eine Breakdance-Performance .(Foto: Johannes Stein)

Musik, Lichter, Murals

Über schmale Pfade geht es weiter hinab in das Viertel. Die Straßen werden belebter, die Wände bunter und aus einigen Gassen tönt Musik. Zum Abschluss der Tour fordert Luis seine Begleitung freudig auf, die mitgebrachten Spraydosen für ein kleines Graffito auf der Wand zu nutzen. Seine Tour endet hierdurch mit einem – wie er befindet – authentischen Stück Lebensgefühl dieses Viertels, der Street Art. Hinter der nächsten Ecke findet sich ein völlig überfüllter Fußweg. Junge Menschen drängen sich zumeist in Gruppen durch die Gassen an den Hängen. Überall laute Musik, grelle Lichter und knallbunte Läden – angekommen im touristischen Zentrum.

Es reiht sich ein Souvenirladen an den nächsten. Überall sind riesige gesprayte „murales“ (Wandgemälde) zu sehen. Zahlreiche Galerien laden ein, die Werke der hiesigen Künstler – zumeist großformatige Street Art – kennenzulernen und Andenken, T-Shirts, Mützen oder Schlüsselanhänger zu kaufen, auf denen ihre Kunst gedruckt oder gestickt wurde. An jeder Ecke trinken überwiegend junge Leute bunte Cocktails vor kleinen improvisierten Bars, deren Ziel es ausnahmslos zu sein scheint, die anderen Soundsysteme zu übertönen und aus ihrer mobilen Lautsprecheranlage das Maximum herauszuholen.

Ausblick auf den Touristenspaß: Reverse-Bungee über den Dächern Medellins. (Foto: Johannes Stein)

Ein Bungee-Trampolin schleudert auf einem kleinen Plateau die Besucher*innen unter lautem Jubel der herumstehenden Menschenmengen in die Lüfte. Endlich erschließen sich die „Rolltreppen“, von denen Luis sprach. Über 384 Meter winden sich hier insgesamt sechs Freiluftrolltreppen mitten durch das Viertel, der Höhenunterschied beträgt etwa 28 Stockwerke. Auf allen Etagen reihen sich die Läden eng aneinander. Einige Meter weiter zeigt in stündlichem Abstand eine Breakdance-Gruppe ihr Können, während zahlreiche Rapper*innen und Musiker*innen die engen Gassen und terrassenartigen Wege beschallen.

Etwas unscheinbar hebt sich im unteren Teil des Viertels eine Galerie hiervon ab: das „Museo Comuna 13“. Es gibt hier keine laute Musik, nur kaltes Licht aus Neonröhren. Die Wände sind vollständig mit Zeitungsartikeln und Szenen aus der düsteren Epoche des Viertels tapeziert. Nur wenige Besucher*innen verirren sich in diesen Raum. Unzensiert zeigen die epochal angeordneten Fotos die Gewalt der vergangenen Jahre, die Atmosphäre ist bedrückend. Beim Verlassen des Museums scheint der Trubel auf der Straße noch absurder. Mit dem Beginn der Abenddämmerung verschwinden nun auch die Menschenmassen, die Straßen leeren sich nahezu schlagartig und die Läden räumen ihre Souvenirs ein.

Eine große Bewegung

Etwas abseits der Haupttouristenmeile auf dem Weg zur Busstation hat Usuga ein kleines Café eröffnet, er verkauft kolumbianischen Kaffee aus der Region um Medellín. Das Café beschreibt er als kleines Nebeneinkommen, hauptberuflich versteht er sich als Musiker, Künstler und Visionär. Seit seinem 13. Lebensjahr ist er als Musiker und Straßenkünstler tätig, damals sah er sich im Hiphop als „Teil einer sehr großen Bewegung“. Mittlerweile ist er 40 Jahre alt und seit acht Jahren Mitglied des Kollektivs „Salvajes“ (die Wilden), das er auch gegründet hat. Seine Texte handeln von Emotionen, Überzeugungen und davon, wie er seine Umgebung sieht. Die Wände um und im Gebäude sind voll mit seinen Bildern.

„Meine Werke spielen mit den Formen, Figuren und Bräuchen meiner Vorfahren. Ich möchte die alten Bräuche in unserem Viertel in einen Kontext stellen“, erläutert er und zeigt auf einen riesigen in Stein gehauenen Kopf vor dem Gebäude, der indigene Verzierungen und Schmuck trägt. In einem Keller gegenüber hat er ein kleines Film- und Tonstudio eingerichtet. Junge Menschen diskutieren mit Headsets ausgestattet an PCs. Einzelne Skulpturen säumen die sonst leeren Räume.

Kennt sein Viertel in- und auswendig: der Stadtführer Luis. (Foto: Johannes Stein)

Usuga ist in der Comuna 13 aufgewachsen. Er hat die Militäroperationen und auch die Veränderungen miterlebt und zeigt sich optimistisch, was die Abkehr von der Gewalt angeht. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre kann er jedoch nur teilweise positiv betrachten: „Die Touristen bringen Geld ins Viertel, doch nicht alle profitieren davon. Die Menschen, die hier wohnen, kommen teilweise nicht mehr zu ihren Häusern, den ganzen Tag der Lärm.“ Nicht jeder hier sei darüber glücklich.

Er weist auf die Schattenseiten des seit 13 Jahren stetig wachsenden Tourismus hin: „Er bringt uns auch Prostitution, bettelnde Menschen und Drogenabhängigkeit.“ Dieses Viertel sei wirtschaftlich und auch durch Gewalt sehr verwundbar. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Tourismus abhängig werden. Wenn dieser zu invasiv wird, vertreibt er die Menschen, die nicht davon leben können, die für dieses Viertel aber unverzichtbar sind.“ Die „Operación Orión“ bezeichnet er als einen Wendepunkt. „Nach dem großen Konflikt gab es hier einen Aufschwung, insbesondere in der Kunst und im Miteinander. Die Leute standen vor den grauen Wänden hier, also haben sie angefangen darauf zu erzählen, was sie beschäftigt, was in ihrem Leben passiert.“

Rumhängen mit Freunden: Straßenszene in der ehemaligen Kartellhochburg. (Foto: Johannes Stein)

Usuga sieht in dem Umbruch, dem Tourismus und der Abkehr von der Gewalt letztendlich eine Chance für viele, insbesondere für die Jugendlichen. Er selbst hat zwei Projekte ins Leben gerufen, die die Kreativität von Kindern aus dem Viertel fördern. Er malt mit ihnen, musiziert und diskutiert. 2010 und 2011 hat er eine Klasse für Kinder angeleitet, in denen sie sich an verschiedenen künstlerischen Medien ausprobieren konnten.

„Insbesondere die jungen Menschen ohne Bildung und Arbeit sind noch immer gefährdet, in die Hände von gewaltbereiten Gruppen und Drogenhändlern zu gelangen“, sagt er. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder in diese Spirale der Gewalt geraten.“ Einen Ausweg hierhin sieht er in der Kunst: „Das ist für viele der Jugendlichen in der Comuna 13 der einzige Weg, etwas zu erschaffen und jemand zu sein.“

Derzeit engagiert sich Usuga im Rahmen einer Studie, die mit Hilfe von Sensoren das Aufkommen von Passant*innen in den einzelnen Gassen und Plätzen untersucht, um insbesondere geführte Touristen*innengruppen durch Monitore umzuleiten, Kapazitäten zu erkennen und so die überfüllten Wege und deren Anwohner zu entlasten.

Wie immer zieht die Kreativität jedoch nicht nur Touristen, sondern auch Investoren an. Betreiber von außerhalb haben bereits einige der Läden aufgekauft, die Preise für die Grundstücke steigen. Den steilen Hang hinab laufend, beim Verlassen der Comuna 13, sieht man einen großen bunten Gebäudeblock, an dem gebaut wird. Auf Nachfrage erklärt ein Anwohner, hier werde das erste Hostel des Viertels gebaut. Es soll in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Johannes Stein arbeitet als freier Journalist.

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