Antisemitismus: Enthemmt gegen Juden

von | 27.03.2026

Attentate, körperliche Übergriffe, Dämonisierung, Beleidigungen – die Welle des Antisemitismus, die weltweit verzeichnet wird, nimmt immer bedrohlichere Dimensionen an. Doch statt für Empörung zu sorgen, wird der Judenhass bis weit ins bürgerliche und linke Lager hinein hingenommen, geleugnet oder bagatellisiert.

Pappschilder auf einer Demonstration gegen Antisemitismus im Dezember 2023 in Brüssel. (Foto: EPA/OLIVIER MATTHYS)

Zweiter und 7. März: Drei Synagogen werden im kanadischen Toronto von Gewehrsalven getroffen. 9. März: Ein Sprengsatz beschädigt den Eingangsbereich der Synagoge im belgischen Lüttich. 12. März: Ein Mann rammt seinen Lastwagen in eine Synagoge in West Bloomfield nahe Detroit. 13. März: Vor einer Synagoge in Rotterdam wird Feuer gelegt. 14. März: Vor einer jüdischen Schule in Amsterdam kommt es zu einer Explosion. 23. März: Bei einem Brandanschlag auf einen jüdischen Rettungsdienst im Norden Londons werden vier Krankenwagen zerstört.

Bei diesem unvollständigen Überblick jüngster antisemitischer Anschläge wurde wie durch ein Wunder niemand getötet – anders als bei den Attentaten in Sydney, Washington, Manchester und andernorts im vergangenen Jahr. Hinzu kommen die zahllosen körperlichen Übergriffe und Beleidigungen, von denen Jüdinnen und Juden allwöchentlich betroffen sind.

Was hat es mit diesen Vorfällen auf sich, wie lässt sich diese Dynamik erklären? Die Medien geben Auskunft: „Es wurden Befürchtungen laut, dass sich die Gewalt gegen jüdische Gemeinschaften weltweit durch die US-amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran verschärfen könnte“, so etwa die britische BBC angesichts eines geplanten und von der Polizei jüngst vereitelten antisemitisch motivierten Anschlags in Frankreich.

Vielen reichen derlei Erklärungen offenbar aus, um sich nicht weiter viele Fragen zu stellen oder gar in Empörung zu geraten. Kein Aufschrei, nicht ein Bruchteil der Vielzahl an öffentlichen Verlautbarungen von Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die bei anderen Gelegenheiten die Zeitungsredaktionen erreichen. Starke Reaktionen und Appelle gibt es angesichts der mörderischen Welle des Antisemitismus, die seit Jahren an Kraft gewinnt, kaum. Achselzuckend und weitgehend gleichgültig wird hingenommen, was vielen offenbar nahezu zwangsläufig erscheint.

Stattdessen wird immer wieder gemahnt, Kritik an Israel müsse legitim bleiben, dürfe nicht als Antisemitismus diffamiert werden. Ganz anders geht man indessen mit der Kritik am Antisemitismus um: Sie wird nur als legitim erachtet, solange Juden sich in den Augen der Nicht-Juden nicht allzu viel zuschulden kommen lassen. Ansonsten heißt es wieder einmal: So was kommt von so was … Wann Antisemitismus der Kritik wert sei, beurteilen die Nicht-Juden also höchst flexibel; als Urteil, das jedenfalls ihnen, nicht den jüdischen Betroffenen obliegt.

Zunehmend wird nicht das offene Auftreten von Antisemitismus als Skandal betrachtet, sondern antisemitische Taten und Äußerungen als solche zu benennen.

Nichts mehr zu diskutieren gibt es offenbar insbesondere, seit Israel Krieg gegen die Hamas, die Hisbollah und jetzt auch gegen das Regime im Iran führt. In den Augen vieler ist es angesichts der israelischen Kriegsführung gänzlich obsolet, über den 7. Oktober 2023, den infolge grassierenden Judenhass und über die antisemitische Vernichtungsdrohung, die von den genannten Akteuren ausgeht, auch nur zu diskutieren. Angesichts des palästinensischen Leids werde er „so wütend, dass ich jedem Juden, dem ich begegne, ein spitzes Messer in die Kehle rammen möchte“, schrieb der belgische Schriftsteller Herman Brusselmans während des Gaza-Krieges. Verschiedene jüdische Organisationen klagten daraufhin erfolglos wegen Anstiftung zu Hass und Mord. Wer Aussagen wie die von Brusselmans zu kriminalisieren versuche, wolle nur erreichen, „dass nichts mehr über Juden, Israel und Gaza geschrieben wird“, meinte sein Anwalt dazu. Dieses Argument bekommt inzwischen gewohnheitsmäßig zu hören, wer Antisemitismus kritisiert. Wenn es darum geht, den jüdischen Staat daran zu hindern, das ihm unterstellte Menschheitsverbrechen zu begehen, scheint mittlerweile alles erlaubt. Dabei geht es nicht allein um Gerichtsurteile, sondern um die ausbleibende gesellschaftliche Ächtung dieser neuesten, „israelbezogenen“ Legitimationsstrategie von blankem Judenhass.

Ohnehin, so heißt es, werde der Antisemitismus-Vorwurf inflationär geäußert, obschon es sich dabei doch um eine höchst umstrittene Angelegenheit handle, die erstmal eindeutig zu belegen sei. Da viele sich selbst nie groß damit beschäftigt haben, was Antisemitismus ist, gelingt es umso leichter, entsprechende Vorwürfe als haltlos abzustreifen. Zunehmend wird nicht das offene Auftreten von Antisemitismus als Skandal betrachtet, sondern antisemitische Taten und Äußerungen als solche zu benennen. Um sich greifende Indifferenz und die althergebrachte gesellschaftliche Verankerung des Antisemitismus bilden ein immer verhängnisvolleres Gemisch.

Begünstigt wird dies durch die Struktur des Antisemitismus selbst, die sich eher als komplexe Denkform, denn als bloßes Set von Stereotypen begreifen lässt. Das beinhaltet auch den sprachlichen Rückgriff auf tradierte kulturelle Codes, die unbewusst erlernte, virtuose Art, zwischen Gesagtem und Gemeintem zu changieren, das augenzwinkernde „mir verstinn eis“. All das macht es Kritiker*innen oft unmöglich, antisemitische Bedeutungsgehalte kurz und bündig zu dechiffrieren.

Und so wird weiter über Antisemitismusdefinitionen und den „Kontext“ antisemitischer Aussagen diskutiert, wird geleugnet, abgewiegelt und bagatellisiert, während man in den Straßen Europas und andernorts Jüdinnen und Juden beleidigt, schlägt und bespuckt, ihre Einrichtungen angreift und sie selbst sogar zu töten versucht. Der „Schutz jüdischen Lebens“, wie es oft in einer seltsam sterilen Formulierung heißt, wo es doch eigentlich um Bürger*innen der Gesellschaft geht, ist, so zeigt sich längst in aller Deutlichkeit, in Wahrheit einer unter Vorbehalt.

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