Am Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) kommt man nicht mehr vorbei, weil es alle gesellschaftlichen Bereiche berührt. Auch der Radiosektor ist davon nicht ausgenommen. Integrieren hiesige Sender bereits KI-Songs in ihre Playlists? Und was sagt die Verwertungsgesellschaft Sacem zum Aufstieg von KI-Musik? Die woxx hat nachgefragt.

Menschengemachte Musik? Heute keine Selbstverständlichkeit mehr, denn KI-Songs finden immer mehr Verbreitung. (Foto: Unplash)
Die Streamingplattform Deezer hat im vergangenen April bekanntgegeben, dass mittlerweile 75.000 KI-generierte Songs pro Tag dort hochgeladen werden, was ungefähr 44 Prozent des täglichen Gesamtvolumens entspricht. Auch wenn es verlockend ist, diese Produktionen als KI-Slop ohne künstlerischen Wert abzutun, stellt sich angesichts dieser gigantischen Menge doch die Frage: Wie groß ist der Fingerabdruck, den die künstliche Intelligenz bereits heute auf der Musik- und Klangwelt hinterlässt? Dabei geht es nicht eigentlich um die schiere Masse an veröffentlichten KI-Tracks allein, sondern auch um deren Erfolg: Vergangenes Jahr erst erlebte eine Fake-Band namens „The Velvet Sundown“ einen rasanten Aufstieg, ihre Lieder wurden millionenfach auf Spotify gestreamt (siehe woxx 1871; Warum David Bowie Recht hatte).
Ende 2025 wurde dann zum ersten Mal ein Song mit beträchtlichen KI-Anteilen zum Radio-Hit: Die Afro-Soul-Coverversion von „Papaoutai“, einem aus dem Jahr 2013 stammenden Popsong des belgischen Musikproduzenten Stromae. Lange war unklar, wie viel KI eigentlich in dem Cover steckte; viele aus dem Musikbusiness gingen davon aus, dass es sich um eine rein maschinell erzeugte Produktion handle. Die Konsequenz: Verschiedene Hitradios, darunter auch RTL Lëtzebuerg, entschieden sich dazu, den Song trotz seines massiven Erfolgs nicht zu spielen.
Ende April beteuerte der sich hinter dem Künstlernamen „mikeeysmind“ verbergende schwedische Musik-produzent Mikael Daghighi in einem Interview mit der Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“, dass seine Interpretation von „Papaoutai“ kein reiner KI-Song sei, der Gesang jedoch computergeneriert wurde. Dass gerade dieser aber viele Hörer*innen berührt hat, zeigen Hunderte begeisterte Kommentare auf Youtube und Social Media – erstmals viral ging der Song nämlich auf TikTok. Hier wird deutlich, was einigen Skeptiker*innen durchaus Magenschmerzen bereiten könnte: KI-Musik kann nicht unbedingt als solche erkannt werden, besonders, wenn menschliche Mitarbeit und, wie in diesem Fall, menschliche Vorarbeit im Sinne eines qualitativ hochwertigen Originals eine tragende Rolle spielen.
Radiosender gehen sehr unterschiedlich mit dem KI-Musikboom um. Einige Sender in Deutschland und der Schweiz spielen mittlerweile in der Nacht KI-Musik, um Kosten zu sparen, da hier die Urheberrechtsgebühren an die Verwertungsgesellschaft entfallen. In Luxemburg ist das nicht der Fall; überhaupt ist bei den Musikredakteur*innen, mit denen die woxx Gespräche führte, Zurückhaltung zu spüren, wobei hier natürlich auch das Profil des Senders und seine Nähe zur Mainstream-Musik von Bedeutung ist.
Bigger than life
Jules Serrig, „Head of music“ beim kommerziellen Sender RTL Lëtzebuerg, sagt, dass sich das für das Musikprogramm zuständige Team vorläufig gegen eine Aufnahme von KI-Songs in die Playlists entschieden hätte. „Im Augenblick wird der Markt mit KI-Musik überschwemmt und wir wollen uns zuerst einen Überblick verschaffen.“ Serrig geht aber davon aus, dass gänzlich maschinell erzeugte Musik in Zukunft noch viel geläufiger werde. „Ich kann mir vorstellen, dass wir irgendwann nicht mehr umhin kommen, Lieder zu spielen, die KI-generiert sind.“ Und wie ist es überhaupt mit dem Problem der mangelnden Transparenz? Was passiert, wenn Songs nicht entsprechend gekennzeichnet werden – oder anders gefragt: Weiß man überhaupt, ob man KI-Musik spielt? „Das ist der Grund, warum wir vorsichtig sind“, sagt Serrig. Es brauche mehr Transparenz in dem Bereich, es müsse von Anfang an klar vermittelt werden, was KI sei und was nicht. „Wir machen natürlich Recherchen“, versichert der Musikredakteur. Das Team überprüfe, wer hinter der Produktion stehe und wer den Text geschrieben habe. „Wird das falsch angegeben, ist das natürlich ein Problem.“
Zu der Schlussfolgerung, dass es unmöglich ist herauszufinden, ob bei der Produktion eines Lieds KI benutzt wurde, kommt auch Yves Stephany, Leiter der Musikredaktion des öffentlich-rechtlichen Radiosenders 100,7. „Bewusst spielen wir keine KI-Musik, aber 100 Prozent sicher, was von einem Menschen gemacht wurde, kann man sich, glaube ich, heute nicht mehr sein.“ Wichtig sei es aber auch, hier die Nuancen zu sehen: „Ich glaube jetzt nicht, dass wenn jemand im Produktionsprozess KI benutzen würde, wir das radikal ablehnen würden.“ Komplett KI-generierte Songs spiele 100,7 aber nicht, sofern die Redaktion darüber Bescheid wisse. „Wir suchen an und für sich nach Kunst, die handgemacht ist.“
Stephany geht das Thema KI generell gelassen an: „Seit es Popmusik gibt, die in Studios aufgenommen wird, ist Musik etwas Künstliches, das mithilfe technischer Mittel ,bigger than life‘ gemacht wird.“ Zum technischen Fortschritt zählten Mikrofon, Tonband, Computer und jetzt eben auch KI. „Im Augenblick wird viel damit experimentiert und ein Hype darum gemacht – und klar, KI ist gekommen, um zu bleiben.“ Dennoch müsse man bedenken, dass auch die ausgefeilten Software-Instrumente, die es bisher gegeben habe, keine musikalische Revolution ausgelöst hätten. „Seit Jahrzehnten hängt die Musik in einem Loop und wiederholt sich, selbst wenn die Technik immer besser wird.“ Stephany geht davon aus, dass daran auch KI nicht viel ändern wird: „Ich denke, dass wir das gleiche Phänomen jetzt noch einmal erleben werden.“
Das Spielen von KI-generierten Songs kommt auch für die Radio- moderator*innen Charles Goodhew und Alex Kuzmina nicht infrage. Im Gespräch mit der woxx betonten die beiden, dass sie als Show-Hosts beim nicht-kommerziellen Gemeinschaftssender Radio Ara besonderen Wert auf Authentizität und die menschliche Komponente legten, und beides würde aber durch KI beeinträchtigt werden. „Wir mögen die Unvollkommenheiten in den Tracks, die wir spielen“, sagt Kuzmina. „Ich finde es schön, wenn man vielleicht einen kleinen Fehler in dem Gitarrensolo hört oder die Gitarre nicht ganz richtig gestimmt ist, und ich glaube, wenn der Zuhörer das auch wahrnimmt, fühlt er sich der Musik näher, als wenn sie wirklich perfekt wäre – sei es durch Remastering oder sogar durch den Einsatz von KI im Track.“
Goodhew greift noch einen anderen Punkt auf: „Bei Radio Ara geht es viel um menschliche Interaktion und das Schaffen einer Gemeinschaft. Ich denke deshalb, dass es absurd wäre, Stücken eine Plattform zu bieten, die die menschliche Interaktion unterlaufen.“ Kuzmina pflichtet ihm bei: „Bei der Breakfast Show interviewen wir zum Beispiel lokale Bands. Wir haben eine Do-it-yourself-Mentalität hier und möchten hiesige Szenen unterstützen. Es wäre in meinen Augen deswegen respektlos, KI-Musik zu spielen, wenn wir doch Talente von hier ins Schaufenster stellen möchten.“ Ihr Publikum hege auch nicht den Wunsch, KI-Musik zu hören, unterstreichen die Radiomoderator*innen, die beide ebenfalls als Musiker*innen tätig sind. Nach seiner persönlichen Überzeug gefragt, sagt Goodhew: „Wir sollten unsere Kreativität nicht outsourcen.“ Eine Aussage, die bei seiner Kollegin auf Zustimmung trifft: „KI nimmt dir die Möglichkeit, deine Talente zu zeigen.“
Unlauterer Wettbewerb
Für den Schutz dieser Talente und des künstlerischen Outputs durch die Wahrung von Urheberrechten engagiert sich die Sacem („Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique“), Verwertungsgesellschaft für Musikrechte, die die woxx ebenfalls zu dem Thema befragt hat. Die Sacem zieht Urheberrechtsgebühren für die öffentliche Wiedergabe von Songs ein und zahlt diese Gelder an die betreffenden Künstler*innen und Musikverleger*innen aus. Manager Marc Nickts erzählt von dem Kampf der Verwertungsgesellschaften gegen die großen Tech-Konzerne. „Da die KI-Dienste mit präexistierenden Werken aus dem Weltrepertoire, das wir repräsentieren, trainiert wurden, pochen wir darauf, dass wir mit ihnen Lizenzdeals aushandeln.“ Viele KI-Unternehmen haben sich bisher jedoch nicht verhandlungsbereit gezeigt, was bereits rechtliche Konsequenzen nach sich zog: Die GEMA verklagte OpenAI wegen der Nutzung urheberrechtlich geschützter Songtexte und bekam Ende 2025 vor dem Landgericht München Recht.
Die Luxemburger Sacem führte vor vier Jahren ein Opt-Out durch, was bedeutet, dass sie die Verwendung ihrer Daten zu Trainingszwecken von KI-Modellen ohne Autorisation offiziell ablehnt. Leider aber sei dieses Opt-Out real nicht umgesetzt worden, sagt Nickts. Der Grund: Der Sitz der wichtigsten KI-Anbieter befindet sich nicht in Europa, was die Rechtsdurchsetzung erschwert.
Was die musikalische Produktion angehe, ständen menschliche Künstler*innen nun langsam mit KI-generierter Musik in Konkurrenz, erklärt der Manager. Diese Entwicklung wird dadurch vorangetrieben, dass, wie bereits erwähnt, bei der öffentlichen Wiedergabe von KI-Musik Gebühren an die Sacem entfallen. „Es ist eine Situation des unlauteren Wettbewerbs entstanden, mit einem massiven Datenklau vonseiten der KI-Anbieter.“
Um aber überhaupt nachvollziehen zu können, welche Daten zu Trainingszwecken benutzt wurden, brauche es in erster Linie Transparenz, gibt Nickts zu Protokoll. „So, wie wir wissen wollen, welche Inhaltsstoffe unser Essen hat, wollen wir auch wissen, was in der Musik steckt, die wir konsumieren.“ Auch rückwirkend müsse dieses Prinzip angewandt werden und zu einer Bezahlung der Kunstschaffenden und Musikverleger*innen führen; die Diskussionen darum würden intensiv geführt.
Ob die Sacem und andere Verwertungsgesellschaften sich werden durchsetzen können, ist ungewiss – ebenso wie die Frage, wie viel KI-Musik noch Verbreitung durch Streamingplattformen, Social Media und Radios rund um den Globus finden wird, ohne dass Lizenzgebühren anfallen. Ob KI-Musik bereits jetzt hierzulande im Radio gespielt wird, ist ebenfalls unklar: L’essentiel Radio und Radio Latina haben auf die Anfragen der woxx bis zuletzt nicht reagiert, Eldoradio hat ein Gespräch abgelehnt. Gründe hierfür nannte der Radiosender keine.
Sacem Luxembourg
Die Sacem Luxembourg („Société des auteurs, compositeurs et éditeurs de musique“) ist eine Verwertungsgesellschaft für Musikurheberrechte. Sie vertritt und verteidigt die Rechte von Musikschaffenden und Musikverleger*innen aus der ganzen Welt in Luxemburg. Sie erhebt Urheberrechtsgebühren, verteilt Tantiemen und erteilt Lizenzen. Sie ist mit ausländischen Verwertungsgesellschaften vernetzt und sorgt so dafür, dass luxemburgische Künstler*innen international vergütet werden und umgekehrt ausländische Musik im Großherzogtum korrekt lizenziert wird.

