Gentech-Soja von Monsanto enthält mehr verändertes Erbgut als in den Zulassungsdossiers beschrieben. Was das bedeutet, weiß niemand genau. Klar ist: Im Futter geht es auch ohne Gentechnik. Und die Luxemburger Futtermittelhersteller scheinen bereit zu sein, auf GMO-Ware zu verzichten.

Heu allein ist nicht genug. Mit der täglichen Kraftfutter-Ration drohen auch genmanipulierte Organismen im Trog zu landen.
Foto: Christian Mosar
„Dies sind keine wissenschaftliche Daten, vor denen man Angst haben mĂĽsste.“ Dr. Marc de Loose vom Agrarforschungszentrum im belgischen Melle ist nicht beunruhigt. Dabei waren es seine zufälligen Entdeckungen ĂĽber die Zusammensetzung des Erbguts einer genetisch manipulierten Sojabohne, die zurzeit europaweit fĂĽr Aufregung sorgen. Vergangenen Mittwoch veröffentlichte die Zeitschrift „European Food Research and Technology“ de Looses Fund: ein bislang unbekannter DNA-Abschnitt in der RoundupReady-Sojabohne, der weltweit am meisten angebauten genetisch modifizierten Feldfrucht.
Damit die neu geschaffene Sojapflanze immun gegenĂĽber Herbiziden wie „Roundup“ wird, wurde ihm ein entsprechendes Gen zugefĂĽgt. Im Jahr 1994 wurde sie in den USA erstmals fĂĽr den Anbau auf freier Flur zugelassen, zwei Jahre später durfte die RR-Sojabohne in die EU importiert werden. Die EU-Zulassung sah vor, dass diese Soja-Sorte eine einzelne Kopie eines eingefĂĽhrten Gen enthalten darf. Bereits im August 2000 hatte de Loose jedoch darĂĽber hinaus zusätzliche unbekannte Erbinformationen gefunden. Zufällig – der belgische Forscher war eigentlich dabei, eine neue Methode, um Genetisch Modifizierte Organismen (GMO) in Pflanzen schnell nachzuweisen, zu entwickeln.
Zulassung aufgrund falscher Annahmen?
Es sei unwahrscheinlich, dass die Fragmente irgendeine Funktion hätten und deshalb wahrscheinlich, dass sie keinerlei Probleme darstellten, so die lapidare Erklärung der Monsanto-Wissenschaftler. „Die genetische Struktur der Soja, die zur Zeit in die EU importiert wird, unterscheidet sich von der Struktur derjenigen Soja, die 1996 eine EU-Zulassung bekam“, sagt jedoch Martina Holbach von Greenpeace-Luxemburg. Der jetzt ebenfalls von de Loose entdeckte DNA-Abschnitt, der 534 Basenpaare umfasst, sei nicht identifiziert und demnach wie das bereits vorher gefundene Material nicht geprĂĽft. FĂĽr Greenpeace ist deshalb die gesamte EU-Zulassung fĂĽr RR-Soja in Frage gestellt.
Die neue Methode sei präziser und ermögliche es, die DNA-Zusammensetzung detaillierter zu analysieren, so de Looses Erklärung fĂĽr die Ungereimtheiten. Die Wissenschaftler vermuten, dass das unbekannte Erbgut entweder „durcheinander gebrachte“ Pflanzen-DNA oder ein bei der Einlagerung des neuen Gens gebildetes StĂĽck DNA ist. „Diese Sequenzen sind nicht unnormal, sie sind einfach da“, so de Loose.
Dennoch steht fest: Die Funktionen des DNA-Abschnittes sind ebenso unbekannt wie seine Herkunft. Inwieweit sie die Funktion der Pflanze beeinflussen, ist unklar. „Theoretisch könnten neue Proteine gebildet werden“, so Martina Holbach. Welche Auswirkungen diese EiweiĂźe auf die tierische und später auf die menschliche Ernährung haben, ist ebenfalls unbekannt.
Entwarnung kommt jedoch auch von den britischen Behörden, die fĂĽr die Zulassung zuständig waren. Bislang gaben sie sich mit den Zusatzerklärungen von Monsanto zufrieden. Die Resultate der ursprĂĽnglichen Sicherheitstest seien weiterhin gĂĽltig. „Das ist jetzt Sache der EU-Kommission“, sagt Marcel Brouch vom Luxemburger Gesundheitsministerium. „Sie muss herausfinden, ob ein Risiko fĂĽr Mensch und Umwelt besteht.“
Ein Risiko, das VerbraucherInnen immer skeptischer macht. Und diese Sorge überträgt sich, wenn auch langsam, auf die Produzenten. Hauptsächlich Brasilien beliefert derzeit den europäischen Markt mit Sojabohnen, die nicht genmanipuliert wurden. Der Konkurrenzdruck auf die gentechfreien Hersteller wächst. Argentinien und vor allem die USA bieten billigeres, genmodifiziertes Soja auf dem Weltmarkt an. Nach Luxemburg werden laut Schätzungen des Landwirtschaftsministerium rund 15.000 Tonnen Sojaschrot importiert. Der größte Teil stammt aus den USA. Und enthält demnach auch besagte RR-Soja, die einzige in der EU zugelassene Gentech-Soja.
Es geht auch ohne – aber wie lange?
„Wir sind dafĂĽr, dass keinerlei Produkte, die genetisch veränderte Organismen enthalten, in der Milchproduktion verwendet werden“, betont Nic Mousel, Leiter der Luxlait gegenĂĽber der WOXX. Das Molkereiunternehmen gab eine entsprechende Empfehlung an die hauseigenen Produzenten heraus. Die Bedingung, gänzlich auf Gentech-Futtermittel zu verzichten, will Mousel seinen Vertragspartnern jedoch nicht stellen. „Praktisch geht das nicht“, so Mousel, „es ist sowohl fĂĽr die Bauern als auch fĂĽr die Futtermittelhersteller schwer, kontinuierlich Ware zu bekommen, die nachweislich GMO-frei ist.“
Ein Zertifikat, das „hundert Prozent frei von genetisch manipulierten Organismen“ bescheinigt, gibt es in der Tat nicht. Ware, die garantiert unter einem Prozent GMO enthält, ist jedoch seit kurzem auf dem internationalen Markt erhältlich. Zumindest momentan, wie Piet van Luijk, Futtermittelhersteller in Consdorf, betont: „Im Moment haben wir kein Problem, GMO-freie Ware zu bekommen“, sagt van Luijk, „ab September könnte das jedoch anders sein.“ Wie er wollen auch andere Hersteller insgesamt auf GMO-freie Ware umsteigen, eine enstprechende gemeinsame Erklärung liegt bereits fertig geschrieben in der Schublade. „Wir trauen uns nicht, schon jetzt damit an die Ă–ffentlichkeit zu gehen, weil wir nicht wissen, ob wir dieses Versprechen langfristig halten können“, so van Luijk.
„Sobald wir garantieren können, dass wir die GMO-freie Ware das ganze Jahr ĂĽber liefern können, werden wir umsteigen“, sagt auch Jos Jungen vom größten luxemburgischen Futtermittelhersteller, dem „Verband“. Bereits im Oktober könnten jedoch Lieferschwierigkeiten auftreten. Dann nämlich sind voraussichtlich die Bestände der letzten Ernte aus Brasilien bei den groĂźen Produzenten der Futter-Komponenten aufgebraucht.
„Die Entwicklungen auf dem Markt sind zurzeit schwer vorherzusehen“, bedauert Jungen. Das bestätigten auch die GroĂźanbieter. Zwar hat sich in den letzten Jahren viel getan, ein Grund dafĂĽr ist die steigende Nachfrage nach GMO-freien Komponenten. „Wir können auf jeden Fall bis Ende des Jahres liefern, wie es danach aussieht, wissen wir noch nicht“, so eine Mitarbeiterin des internationalen Cargill-Konzerns im belgischen Izegem gegenĂĽber der WOXX. Zum Beispiel dann, wenn Brasilien im nächsten Jahr den Anbau von Gentechbohnen erlauben wĂĽrde. „Dann werden möglicherweise alle Lieferanten wieder auf Standard-Qualität umsteigen“, so die Cargill-Sprecherin. Das heiĂźt: Zertifiziertes Sojaschrot, das weniger als ein Prozent GMO enthält, wird es dann nicht mehr geben.
Was die aktuelle Entwicklung in Bezug auf die Monsanto-Sojabohne betrifft, so fordert Greenpeace-Luxemburg den Gesundheitsminister Carlo Wagner auf, einen sofortigen Importstopp zu verhängen. Ob sich Luxemburg so weit vorwagen wird, ist noch ungewiss, da Wagner erst Anfang September aus den Sommerferien zurück sein wird.

