ACEL: „O Josi“, wir haben ein Problem

Rassismus, Sexismus und Vergewaltigung: Das „Lidderbuch 2020“ der luxemburgischen Studierendenvertretung ACEL ist mit problematischen Liedern durchsetzt. Die ACEL ringt um plausible Erklärungen.

Die Studierendenvertretung ACEL gibt zu, dass ihr Liederbuch schwer vertretbare Texte beinhaltet, doch die Überarbeitung geht nur schleppend voran. (Screenshot/ACEL)

„ACEL, are you ok?“, fragte Mara Stieber die Studierendenvertretung ACEL vor wenigen Tagen in einem Beitrag auf dem sozialen Netzwerk Instagram. Damit erkundigte sie sich nicht nach dem Wohlbefinden der Mitglieder, sondern zweifelte die Werte der traditionsreichen Organisation an: In deren „Lidderbuch 2020“, einer Ansammlung von Volksliedern aus verschiedenen Ländern, tauchen rassistische, sexistische und Vergewaltigung verherrlichende Lieder auf. Die ACEL versucht sich sowohl unter dem Instagram-Beitrag als auch auf Nachfrage der woxx mit dem Hinweis auf technische Komplikationen und einem hohen Arbeitspensum durch die Corona-Pandemie herauszureden.

Das Komitee tritt die Verantwortung darüber, wie die Lieder in das Buch gelangt sind, an Vorgänger*innen ab: „Warum diese Lieder ursprünglich in das Buch aufgenommen wurden und wer sie ausgesucht hat, ist für unser aktuelles Komitee leider nicht mehr nachvollziehbar. Die Wahl wurde vor einigen Jahren getroffen, als noch kein Mitglied des jetzigen Komitees studiert hat.“ Das Komitee zählt zurzeit neun männlich und acht weiblich lesbare Personen. Die ACEL vertritt über vierzig luxemburgische Studierendenvereinigungen sowie über 10.000 Student*innen und gilt somit als größte Studierendenvertretung des Landes.

Stiebers Vorwürfe empfindet die ACEL als berechtigt und stimmt ihr zu, dass die entsprechenden Lieder nichts in dem „Lidderbuch“, das online als PDF oder als App heruntergeladen werden kann, verloren haben. 2020 habe die ACEL deswegen eine interne Arbeitsgruppe gegründet, die sich damit befasse, frauenfeindliche und rassistische Lieder sowie Lieder, die zu Gewalt aufrufen, herauszufiltern und aus der Sammlung zu streichen. „Als Organisation sind wir uns bewusst, dass solche Lieder, die vor längerer Zeit in einem anderen geschichtlichen Kontext herausgebracht wurden, nichts mehr in einem Liederbuch und auch nirgendwo sonst etwas verloren haben“, sagt die ACEL.

Inzwischen wurden Textstellen, in denen das N-Wort fällt („De Jangeli“) und Lieder, in denen explizit die Vergewaltigung einer Frau zelebriert wird („An engem Puff zu Zolwer“) bereits aus der PDF-Datei gestrichen. In der App sind sie nach wie vor abrufbar (Stand: 1. Dezember). Das sei aus „technischen und informatischen Problemen“ noch nicht passiert, heißt es vonseiten der ACEL. „Diese [Probleme] sind – auch aufgrund des hohen Arbeitspensums während der Pandemie – nicht so schnell zu lösen, wie wir uns das wünschen“, ergänzt die Organisation. Der Informatiker und das Komitee würden jedoch unter Hochdruck daran arbeiten.

Halbherzige Lösungsversuche

Ein Blick in den Versionsverlauf der Apps für Android und iOS verrät, dass es für beide Betriebssysteme seit 2018 kein Update mehr gab. In der PDF-Version tummeln sich unter den 97 Liedern ebenfalls immer noch grenzwertige Texte, die weder in „einem anderen historischen Kontext“ noch zu heutigen Zeiten kommentarlos geduldet werden können. „De Fotzebiischter“, „Wann se moies buppe ginn“ oder „O Josi“ sind allesamt Lieder, die Frauen zum Sexobjekt für notgeile Männer degradieren.

Die ACEL kann noch so oft beteuern, die Angelegenheit ernst zu nehmen und die Meinung der Kritiker*innen zu teilen – ihr halbherziges Vorgehen schwächt ihre Glaubwürdigkeit. Ähnlich lasch fällt ihre Antwort auf die Frage der woxx aus, inwiefern sich die Studierendenvertretung denn für Gleichberechtigung und gegen Rassismus einsetze: „Die ACEL setzt sich durch ihre alltägliche Arbeit für Gleichberechtigung ein. Bei unseren sowie bei den Events unserer Vereinigungen ist jeder Mensch willkommen. Jeder, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Geschlecht oder seiner sexuellen Orientierung kann und soll sich in unseren Vereinigungen und bei der ACEL engagieren, um die Diversität, die Luxemburg ausmacht, auch in der Gemeinschaft der Studierenden zum Ausdruck zu bringen.“ Darüber hinaus mache die ACEL sich für eine gendergerechte Sprache stark und würde in dem Sinne „nach und nach“ ihre Publikationen überarbeiten.

Für Mara Stieber, die auf das „Lidderbuch“ aufmerksam machte, reicht es jedenfalls nicht aus, die Lieder aus dem Verkehr zu ziehen. „Misogynie, Rassismus und eine nicht aufgearbeitete Kolonialvergangenheit sind ein großes Leid und Teil der luxemburgischen Kultur. Wenn wir solche Sachen, die diese Fakten dokumentieren, wie zum Beispiel diese Lieder, einfach löschen, ohne eine größere Debatte darüber zu führen, ändert sich nichts“, schreibt sie. „Die misogynen und rassistischen Ideen, die normalisiert waren und sind, bleiben dann, auch wenn die Lieder verschwinden.“

Anmerkung der Autorin: Mara Stieber wurde in einer früheren Version dieses Textes sowie in der Print-Ausgabe der woxx (1661) nicht namentlich genannt, sondern als „Instagram-Nutzerin“ vorgestellt.


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