In ihrem Debütroman „Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in“ erzählt Angelina Maccarone in verschiedenen Strängen die Geschichte von Giuseppina Rigatoni, die als Tochter eines italienischen Gastarbeiters in Deutschland aufwächst und später Regisseurin wird. Im Mittelpunkt stehen Giuseppinas Kindheitserfahrungen, ihre Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, ebenso wie die Herausforderungen ihres Erwachsenenlebens. Sie bemüht sich um eine Filmförderung – in einer Branche, die fast nur Platz für heteronormative Erzählungen lässt. Maccarone verbindet Fragen von Herkunft, Akzeptanz und Identität mit einem feinen Sinn für Humor und legt dabei die Machtdynamiken der Filmbranche offen.

Bevor sie sich einen Namen als Drehbuchautorin und Regisseurin machte, schrieb Angelina Maccarone Songtexte – unter anderem für Udo Lindenberg. Zudem arbeitete sie als Professorin für Regie. (Foto: © Nane Diehl)
SUBVERSIV.
»Man darf sich schon fragen, warum Sie mit Ihrem Namen keine Pizzeria aufmachen«, sagte der Mann mit der Macht.
Ich hatte es geschafft, ich saß im Allerheiligsten der regionalen Filmförderung, wild entschlossen, den Machtmann und sein Gremium davon zu überzeugen, meinen ersten Film finanziell zu unterstützen.
Anfang der 90er war ich nicht die Einzige, die endlich ein lesbisches Happy End sehen wollte. Wir waren viele. Und so hip, dass Madonna meinte, sich mit ihren Frauengeschichten brüsten zu müssen und sogar die heimische Mutter der Nation Inge Meysel in einer Talkshow bekannte, dass sie Affären mit Geschlechtsgenossinnen gehabt hatte. Aber wo waren wir, wo waren die lesbischen Lovestorys im Film? Den tragisch Veranlagten, die sich mit dem Strick selbst erlösten oder denen mit umstürzenden Bäumen und anderem phallischen Gedöns ein Ende bereitet wurde, wollte ich etwas entgegensetzen, eine echte Heldin, eine Rächerin der Blaustrümpfe und Mannweiber.
Die Kommission war mir zugewandt, zumindest physisch, denn ihre sieben Tische standen in einem Halbkreis meinem Einzelplatz gegenüber. Den Termin vor meinem hatten sie überzogen. Ihr Gelächter drang zu mir nach draußen, wo ich vor der schweren Holztür in Panik verfiel, weil ich für die Stichwörter auf den pastellfarbenen Karteikarten offenbar eine unerforschte Keilschrift benutzt hatte. Aber vielleicht waren meine Notizen gar nicht wichtig, vielleicht sollte ich mich locker machen, vielleicht wollten sie es einfach weiterhin so lustig haben wie mit meinem Vorgänger. Kein Problem, mein Film war eine Komödie.
»Es geht mir darum, die Absurdität der Norm zu entlarven. Also der Heteronormativität … Weil, bei genauerer Betrachtung ist das eigentlich auch witzig, absurd eben …«
Vielleicht hätte ich es doch lieber unterhaltsam umschreiben sollen, statt diesen sperrigen Begriff in den Mund zu nehmen. He-te-ro-nor-ma-ti-vi-tät. Aber bevor es ihn gab, war das damit Benannte nicht greifbar, dieser kantige Achtsilber wirkte wie ein Kontrastmittel für das vorher unsichtbare Gebot. Warum kam er mir vor diesen glorreichen Sieben geäußert plötzlich so schäbig vor? Ich lächelte gegen ihr Schweigen an und sollte das nicht persönlich nehmen, denn es war spät, und ich war die Letzte, die nach einem langen Tag hier auf diesem Stuhl vor ihnen saß.
Müssten sie jetzt nicht trotzdem etwas sagen oder zumindest eine Frage stellen? Vielleicht war das ihr Prinzip: Einfach so tun, als wäre ich gar nicht da, bis ich von selbst verschwände, mich für sie in Luft auflöste. Ghosteten sie mich?
Selbstmitleid bringt dich nicht weiter!, hörte ich eine Stimme in mir sagen. Und sie hatte recht: Ich selbst hatte ja um den Termin gebeten, weil ich fürchtete, im Stapel von dröger Antragsprosa unterzugehen. Ich war hier, um sie zu überzeugen, sie mitzureißen.
Dann kam der Pizzeriaspruch. Bämm.
Weiteratmen, einfach weiteratmen. Jetzt bloß nicht heulen hier vor der Kommission!, mahnte meine innere Stimme, die sich inzwischen zu einem Chor vervielfacht hatte. Genau, das wäre unklug, als Regisseurin musste ich auf jeden Fall die Nerven behalten. Film war so teuer, selbst eine Million D-Mark galten als low budget. Mir wurde schwindelig. Vielleicht war das ein Eignungstest, eine Art Flugsimulator für den Regieberuf? Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in?

(© Verbrecher Verlag)
Ich sammelte mich und trug ihnen mein Konzept vor: Komödie als subversive Form für eine Coming-out-Geschichte. Die Notwendigkeit, von deinen Eltern Absolution erbitten zu müssen, um ohne Schuldgefühl mit einer Person desselben Geschlechts ins Bett zu gehen, war doch zum Brüllen.
Meine Leidenschaft für das, was ich vorhatte, trug mich. Der Mann mit der Macht wippte auf dem Stuhl und schaute auf die Tischplatte, dahin, wo heutzutage das Smartphone läge. Damals lag da noch nichts, aber das schien ihn dennoch mehr zu fesseln als mein Filmprojekt.
Er langweilt sich! Tu was!, kreischte es in mir. Ich sprach schneller, um zu der Pointe mit Inge Meysel zu kommen. Zum Glück war sie mir noch eingefallen. Doch hier trudelte sie ohne jeglichen Esprit durch den Raum wie ein vom Tageslicht geblendeter Nachtfalter auf der Suche nach einem Landeplatz. Ich fühlte Scham in mir aufsteigen. Besonders die Kollegin, die eine ganze Batterie homöopathischer Mittel vor sich aufgebaut und sich offenbar tapfer trotz Grippe hergeschleppt hatte, hätte Besseres verdient. Jetzt drückte sie den Gummisauger einer Pipette und ließ in die Stille hinein ein paar Tropfen Tinktur auf ihre belegte Zunge fallen. Mein innerer Chor skandierte: Mach weiter! Einfach weitersprechen!, und ich schaffte es tatsächlich, meinen Vortrag zu beenden, ohne mich erneut zu verhaspeln. Super. »Ja, also, das war’s. Danke.«
Die Pipettenfrau schaute mich an. Sie war die Einzige in der Runde, die meinen Blick suchte. »Nach Ihren Darlegungen wissen wir ja jetzt gar nicht, warum wir Ihnen das Geld nicht geben sollten.«
»Nein? Ja?«, freute ich mich vorsichtig.
»Will sagen, Sie lassen gar keinen Raum für uns und unsere Entscheidung.«
Wie meinte sie das? War das jetzt gut? Hieß das, ich hatte sie überzeugt?
Sag was!, verlangte der Chor in mir. Aber was?!
»Wo sind denn Ihre Zweifel?«
Sag endlich was!, mein innerer Chor brüllte inzwischen, aber die Frage meiner grippegeplagten Verbündeten brachte etwas in meinem Hirn zum Tillen. Meine Bemühungen waren doch darauf ausgerichtet, Sicherheit auszustrahlen, damit sie mir zutrauten, ein solches Millionenprojekt stemmen zu können. War das eine Fangfrage? Warum fragten sie nicht inhaltlich nach dem, was ich ihnen dargelegt hatte?
»Sie haben doch noch nie einen Film gemacht. Haben Sie keine Angst?«
»Doch klar, aber das gehört doch jetzt hier nicht hin. Ich bin ja hergekommen, um Ihnen zu erklären, was meine Intention …«
»Rigatoni«, unterbrach mich eine sonore Stimme, die unmöglich dem greisenhaften Herrn gehören konnte, aus dessen Richtung sie kam.
»Ist das eigentlich Ihr richtiger Name?«
»Äh, ja.«
»Dann sind Sie also Italienerin!«, schallte es durch den Raum.
Die voluminöse Stimme strömte tatsächlich aus seinem winzigen Klangkörper.
»Mein Vater ist Italiener.«
»Eine Migrantin«, schlussfolgerte er.
Meine fiebrige Verbündete lächelte mir aufmunternd zu. Die anderen nickten wissend. Wieso Migrantin? Wo war ich denn nach meiner Geburt in Köln hin migriert?
Auszug aus: Angelina Maccarone: Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in. Verbrecher Verlag, August 2026. 256 Seiten.

