Artenschwund: Auf der Strecke

von | 03.04.2026

Trotz einiger Lichtblicke sinken die Bestände wandernder Tierarten weiterhin. Um dem Massenaussterben entgegenzuwirken, stellte die diesjährige UN-Artenschutzkonferenz vergangene Woche vierzig weitere wandernde Arten unter Schutz.

Kopfansicht eines auf dem Seegrund liegenden Aals, mit violetten Augen, schaut in die Kamera.

Steht auf der UN-Liste der internationalen Konvention zum Schutz der wandernden Arten: der europäische Aal, dessen Bestände weiterhin schwinden. (© Lorenz Seebauer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

In regnerischen Nächten machen sie sich aus winzigen Gräben und Bächen auf den Weg, schaffen es über Mündungen in den Rhein, und schwimmen von dort aus immer weiter, bis sie ihr Ziel endlich erreichen: den offenen Atlantik. In über zwölf Monaten legt der europäische Aal die komplizierteste Wanderung für Fische seiner Art zurück, denn das vom Aussterben bedrohte Tier laicht in der salzigen Sargassosee, östlich der nordamerikanischen Küste Floridas.

„Einige der langwierigsten und bedeutendsten Artenwanderungen auf der Erde finden unter der Oberfläche der Flüsse statt”, erläutert eine neue Studie über Wanderfische, die zum Auftakt der 15. UN-Konferenz (COP15) des Übereinkommens zur Erhaltung der wandernden Tierarten (CMS) veröffentlicht wurde. Die fand vergangene Woche im brasilianischen Campo Grande statt. Obschon sie weniger bekannt ist als die internationale Klimakonferenz, bieten die COPs der CMS den einzigen internationalen Rechtsrahmen für Arten, die regelmäßig Tausende von Kilometern und etliche Landesgrenzen überqueren.

Großer Vogel mit ausgebreiteten Flügeln fliegt im blauen Himmel. 

Ein Rotmilan im Flug. Der wandernde Greifvogel sei „ein echter Europäer“ sagt Patric Lorgé von natur&ëmwelt. Die Art kommt nur in Europa vor: „Den Winter verbringt der Zugvogel in Spanien und Portugal, im Frühjahr zieht er zurück in seine mitteleuropäischen Brutgebiete.“ In den vergangenen Jahren haben sich die Migrationsstrecken vieler Arten jedoch verkürzt. (© Patric Lorgé)

Weltweit sind mehr als 48.000 Arten vom Aussterben bedroht, rund 28 Prozent aller bekannten Arten. Bei den Langstreckentieren sind die Zahlen ähnlich, stellt ein weiterer neuer UN-Bericht fest: Zwar haben sich einige in den letzten Jahren erholt, die große Mehrheit verzeichnet allerdings dramatische Rückgänge. Unter diesen befinden sich Fisch- und Zugvogelarten, doch auch Säugetiere wie Wale, Meeresschildkröten, Haie, Rochen, Insekten … Allein im Großherzogtum leben aktuell 328 wilde Vogelarten, sagt der Vogelexperte Patric Lorgé der „Centrale ornithologique“ der Naturschutz-NGO „natur&ëmwelt“. Davon zählen rund zwei Drittel zu den wandernden Arten, die entweder in Luxemburg brüten oder von hier aus weiterziehen. Fledermäuse, Aale, gar Wölfe die zwar zu keiner bestimmten Jahreszeit migrieren, dennoch aber zu den wandernden Arten gezählt werden: Als Bindeglieder spielen sie eine Schlüsselrolle in gesunden Lebensräumen, der Blütenbestäubung, Samenverbreitung oder Schädlings- und Krankheitsbekämpfung, und sind für den Menschen unersetzlich.

Bis 2032 sollen sich alle Bestände dieser Arten wieder erholt haben, so das Ziel der CMS. Dafür müssen sowohl Lebensräume, als auch spezifische Arten unter Schutz gestellt werden. Auf der COP15 beschlossen Vertragsstaaten deshalb, vierzig zusätzliche Wanderarten auf die Liste der besonders gefährdeten Spezies der CMS zu setzen. Konferenz nach Konferenz wird diese Liste länger: Insgesamt werden bereits über 1200 Arten genannt. Rund ein Viertel davon ist vom Aussterben bedroht, 49 Prozent zeigen schrumpfende Bestände auf.

Fledermaus mit dunklem Kopf und Rücken und heller Brust und Bauch; klammert sich an Menschenfinger fest. Ihr Mund ist offen, kleine spitze Zähnchen.

Zugvögel sind am bekanntesten, doch auch viele Fledermäuse, Fische und andere Arten ziehen um die halbe Welt. Während ihrer Migration kann man die Zweifarbfledermaus auch in Luxemburg erspähen. (Copyright: Patric Lorgé)

Reiserouten betroffen

Wanderfische wie der Aal sind im Durchschnitt am meisten betroffen: Seit 1970 sind ganze 81 Prozent der Bestände verschwunden, vor allem in Europa gibt es einen starken regionale Rückgang. Auch schrumpft die Population der Wiesenvögel stark. Dies aufgrund von Bedrohungen wie Licht-, Lärm- und Plastikverschmutzung, dem Ausbreiten invasiver Arten und dem Verlust von Lebensräumen. Unter Wasser kommen für die wandernden Tiere die Folgen von Überfischung und in Zukunft möglicherweise auch von Tiefseebergbau hinzu, fügen die UN-Berichte hinzu. Direkte Hindernisse wie Staudämme, Kraftwerke und Straßen, die häufig Wanderrouten durchqueren, setzen den Spezies weiter zu. In der EU ist Luxemburg das Land mit dem höchsten Grad an Zersiedelung.

Eine weitere spürbare Bedrohung ist die Klimakrise: „Der Klimawandel bringt jetzt schon die Verringerung von Lebensraum und längere Dürren mit sich, sodass auch in Herbst und Frühling viele Feuchtgebiete trocken liegen“, so Lorgé, Mitglied des Wissenschaftsrats der UN-Konvention CMS, gegenüber der woxx. Denn ob sie in Luxemburg brüten oder weiterziehen, auf ihrem langen Weg brauchen Arten wie Zugvögel und Fledermäuse gesunde Ökosysteme, etwa offene Gewässer und Feuchtgebiete, die als notwendige Raststätten, Brut- oder Winterquartiere dienen. Hinzu kommt die Biodiversitätskrise, die wiederum zu Engpässen bei den Nahrungsquellen führt: „Weil die Winter weniger kalt und weniger lang sind, schwärmen viele Insekten früher aus, doch, wenn es dann wieder mal wie jetzt im März kälter wird, sterben sie frühzeitig, gerade wenn etwa die Schwalben zurückkommen. Das ganze Ökosystem läuft aus dem Ruder“, so Lorgé.

Einige Arten passen sich indessen an. „Bei fast einem Drittel der Arten treten zunehmend sesshafte Individuen auf“, stellte eine dänische Studie von 2022 fest, die den historischen Trend von Zugvögeln in den letzten hundert Jahren untersuchte. Fazit: Die meisten Arten legen kürzere Migrationsstrecken zurück. So auch der Schwarzstorch, gibt Lorgé an. Früher verließ dieser den europäischen Kontinent, um die frostigen Monate in Senegal oder Mali zu verbringen – eine Route, die die Spezies im Durchschnitt in 25 Tage bewältigte. „Nun sparen sich viele einige Tausend Kilometer und überwintern in Südspanien, etwa im Doñana-Park“, einem Feuchtgebiet, das trotz der vielen Fehlverwaltungen und Dürren weiterhin als eins der wichtigsten Europas gilt. Auch der Rotmilan scheint sich angepasst zu haben: „Mittlerweile ist er in Luxemburg wieder relativ gut verbreitet, vielleicht hat er aber zugenommen, weil sich die Populationen aus Südeuropa wegen den dort häufiger vorkommenden Dürren hier ansiedeln“, sagt Lorgé.

Dennoch schreitet die Klimakrise für die meisten Arten viel zu schnell voran. So seien die Bestände des europäischen Aals trotz des besonderen Schutzes unter dem CMS-Abkommen nicht gestiegen – auch wenn einige Individuen weiterhin in luxemburgischen Gewässern aufzufinden seien, so Lorgé. Die Folgen seien sowohl in den südlichen Ländern als auch hier zu spüren: „In den Feuchtgebieten nimmt die Anzahl von Tiger- und anderer Stechmücken immer weiter zu.“

Eine Hand hält einen kleinen zotteligen Jungvogel fest, ihr rechtes Bein ist beringt, im Hintergrund ein See.

Eine junge Flussseeschwalbe wird beringt, um ihre Migrationsroute erforschen zu können. Die Art brütet erst seit 2017 in Luxemburg, erklärt der Ornithologe Patric Lorgé. Über 11.400 Individuen hat natur&ëmwelt vergangenes Jahr auf ihren zwei Stationen „Schlammwiss-Brill“ und „Schifflange-Brill“ beringt. (Copyright: Patric Lorgé)

Schutzmaßnahmen wie Wiederherstellungsprojekte, Wildtierbrücken und das Ausweiten von Naturschutzgebieten müssen konsequenter umgesetzt werden. Bei einigen Infrastrukturen werden jetzt schon die Folgen auf Wildtiere abgefedert, etwa bei Windkraftanlagen, die nachts „im August und im September abgeschaltet werden, damit sie für wandernde Fledermäuse kein Risiko darstellen“, sagt Lorgé. Bis zum September dieses Jahres müssen alle EU-Mitgliedstaaten einen Entwurf für einen Plan zur Wiederherstellung der Natur vorstellen. Momentan läuft die öffentliche Befragung dazu unter www.zesumme-vereinfachen.lu. Vor Ende dieses Jahres soll auch eine erste Bewertung der Maßnahmen des dritten Naturschutzplans vorliegen, wie CSV-Umweltminister Serge Wilmes am 30. März in Antwort auf eine parlamentarische Frage bestätigte.

Unterdessen sieht die Regierung eine scharf kritisierte Reform des Naturschutzgesetzes vor, Umweltschutz-NGOs befürchten, sie werde bestehende Schutzstandards untergraben (woxx 1827, „Reform des Naturschutzgesetzes: Salamitaktik“). Laut Aussagen der NGO Mouvement écologique, zeigte sich Minister Wilmes noch während eines Treffens Anfang dieses Jahres „von den Reformansätzen überzeugt“. Doch Patric Lorgé ist optimistischer: Das Umweltministerium käme aus seiner zurückhaltenden Haltung heraus, gibt der Vogelexperte an. Eine „positivere Dynamik“ sei auf jeden Fall begrüßenswert.

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