Auf AppleTV+: Palmer

Der Langspielfilm „Palmer”, eine Eigenproduktion des Streamingdienstes Apple TV+, ist ein modernes Märchen über Vergebung, Vergeltung und zweite Chancen.

Raue Schale, weicher Kern: Als er sich unverhofft um den Nachbarsjungen Sam (Ryder Allen) kümmern muss, findet Ex-Sträfling Palmer (Justin Timberlake) seine Lebensaufgabe. (Foto: Apple TV+)

Gerade aus dem Gefängnis entlassen, taucht Eddie Palmer (Justin Timberlake) wieder in seiner (fiktiven) Heimatstadt Sylvain in Louisiana auf. Er findet Unterschlupf bei seiner Großmutter (June Squibb) und begegnet Sam (Ryder Allen), dem Kind der Nachbarin. Sam liebt es, mit Puppen zu spielen, und sieht sich am liebsten „Penelope, the Flying Princess” an. „You know you’re a boy, right?”, fragt Palmer, „boys don’t play with dolls.” „Well, I’m a boy and I do”, antwortet Sam. Nachdem dessen drogenabhängige Mutter (Juno Temple) plötzlich verschwindet und Palmers Großmutter stirbt, muss sich Palmer um den Kleinen kümmern und aus der Zweckgemeinschaft wird, wenig überraschend, eine Art Ersatzfamilie. Immer stärker setzt sich Palmer für den Jungen ein, als der wegen seines Verhaltens gemobbt wird, und bringt sich schließlich selbst in Bedrängnis.

Rasch stellt sich beim Zuschauen das Gefühl ein, diesen Film so oder so ähnlich bereits gesehen zu haben. Justin Timberlake liefert eine solide Leistung ab, spielt den wortkargen Palmer mit minimalem Einsatz; der junge Ryder Allen verkörpert seine Rolle mit Frische und Unbeschwertheit. Eine der Stärken des Drehbuchs von Cheryl Guerriero ist, dass es Sam keinen Stempel aufdrückt: Er definiert sich selbst nicht und der Film versucht, dies auch nicht zu tun. Ansonsten beschränkt sich „Palmer” jedoch auf das Wesentliche.

Die Wendungen sind vorhersehbar, die meisten Nebenfiguren nur schwach entwickelt. Die Bösen sind sehr, sehr böse, wie zum Beispiel Sams prügelnder Stiefvater oder der üble Polizeichef, der dem geläuterten Ex-Sträfling keine zweite Chance zugestehen will. Wirklich begeistern kann lediglich Juno Temple, die bereits in Apples Überraschungserfolg „Ted Lasso” glänzte. Während in dem zurzeit noch in den Kinos laufenden „Never Rarely Sometimes Always”, der in einem ähnlichen Milieu spielt, viel zwischen den Zeilen erzählt wird, begnügt sich „Palmer” sowohl bei der Zeichnung seiner Charaktere als auch bei der Handlung mit Schlagwörtern. Alle Schattierungen werden weggewischt, bis lediglich die Konturen bleiben.

Manche Wendungen sorgen für Verwunderung: Wie kommt es, dass ein kleiner Junge, wenn seine Mutter plötzlich verschwindet, einfach alleine bei einem fremden Mann leben darf, ohne dass jemand Fragen stellt? Auch nicht die Lehrerin, die stattdessen eine Affäre mit Palmer beginnt. Sam träumt sich in die Welt der Feen und es ist in der Tat Feenstaub, der hier die meisten Konflikte wie von Zauberhand löst. Sogar als der Film schließlich vorbei ist, fühlen sich die Macher*innen verpflichtet „The End” einzublenden, als könnte man sich nicht denken, dass ein Film vorbei ist, wenn der Abspann läuft.

Und doch geht „Palmer” ein Risiko ein, indem der Film sich durch seine Machart an ein Publikum richtet, das der vermittelten Botschaft von Toleranz und Akzeptanz unter Umständen nicht so aufgeschlossen gegenübersteht. Der Film ist immer auf der Seite seiner Figuren, nimmt Anteil an ihrem Schicksal und instrumentalisiert sie nicht. Die Website Indiewire schreibt, dass ein gewisses Talent dazu gehört, eine solch vorhersehbare Geschichte doch mit so viel Ehrlichkeit zu erzählen, und das trifft es im Kern sehr gut. Natürlich wurden ähnliche Geschichten schon wesentlich ansprechender und filigraner erzählt, und wer ein vielschichtiges Sozialdrama erwartet, wird enttäuscht. Wer den Film jedoch als modernes Märchen mit besten Absichten lesen möchte, mit allen Verkürzungen, die dies mit sich bringt, kann sich trotzdem darauf einlassen.

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