Auf Netflix: Crip Camp – A Disability Revolution

Eine anregende Netflix-Doku widmet sich einer Gruppe von Freund*innen, die in den 1970er-Jahre zur treibenden Kraft der US-amerikanischen Behindertenrechtsbewegung wurden.

Camp Jened gab einen Vorgeschmack darauf, wie sich eine Welt ohne Behindertenfeindlichkeit anfühlen könnte. (Fotos: Netflix)

„If I have to be thankful for an accessible bathroom, when am I going to feel equal in this community?“ Über 40 Jahre ist es her, dass die an Kinderlähmung erkrankte Aktivistin Judith Heumann diesen Satz sprach. Seither ist in puncto Inklusion zwar viel passiert, barrierefreie Toiletten sind aber immer noch keine Selbstverständlichkeit. Eine kürzlich erschienene Netflix-Doku widmet sich einer Gruppe von Menschen, die in der US-amerikanischen Behindertenbewegung der 1970er-Jahre eine zentrale Rolle spielten. Der Titel „Crip Camp“ ist irreführend, suggeriert er doch, dass es im Film in erster Linie um das sogenannte Camp Jened geht, das zwischen 1952 und 1977 für Kinder mit Behinderung organisiert wurde. Dieses ist für den Verlauf der historischen Entwicklung zwar ausschlaggebend, nimmt jedoch nur ein Drittel des 106-minütigen Films ein.

Wie die Doku zeigt, bot Camp Jened vielen betroffenen Kindern erstmalig Gelegenheit, Zeit unabhängig von ihren Eltern oder anderen Pflegepersonen zu verbringen. Einige sammelten dort erste Datingerfahrungen oder nahmen zum ersten Mal an Mannschaftssport teil. Es war, wie eine Figur es an einer Stelle formuliert, „a place where teenagers could be teenagers without all the stereotypes and the labels“. Anhand von Archivmaterial bekommen wir einen Einblick in den Camp-Alltag. Vereinzelte Interviews zeigen, was die Jugendlichen beschäftigte. So beklagten sich etwa manche über mangelnde Privatsphäre, fehlende Unabhängigkeit und gesellschaftlichen Ausschluss. Ihr Leben lang würde ihnen immer nur gesagt, was sie aufgrund ihrer Behinderung alles nicht tun könnten. Zu dieser Zeit verfügten die USA noch nicht über ein Antidiskriminierungsgesetz, Menschen mit Behinderung durften nicht am Regelunterricht teilnehmen und von Barrierefreiheit konnte keine Rede sein.

Das Camp war für die meisten von ihnen der Ort, an dem sie zum ersten Mal zunächst als Mensch und dann als behindert wahrgenommen wurden. Umso härter war die anschließende Rückkehr in den regulären Alltag. Wie eine Reise in die Vergangenheit habe sich dies angefühlt, schildert eine*r der Camper*innen. Bei einigen hatte aber ein Umdenken stattgefunden, denn plötzlich erschien ihnen eine inklusive Gesellschaft nicht mehr völlig außer Reichweite. Die Gruppe, die die Doku ins Zentrum rückt, hatte das Gefühl von der Bürgerrechtsbewegung der 1960er- und 70er-Jahre vergessen worden zu sein. Allen voran fasste Judith Heumann den Entschluss, den Status quo nicht weiter hinzunehmen und aktiv für eine Besserung der Lebensumstände von Menschen mit Behinderung einzutreten. Als Präsidentin von Disabled in Action trat sie unter anderem gegen das Wegsperren von Menschen mit Behinderung ein.

Eine solche Institution war die Willowbrook State School in New York. Archivbilder zeigen zusammengepferchte, vernachlässigte, größtenteils nackte, abgemagerte Menschen. Grauenhaft anzusehen, führen sie jedoch den Handlungsbedarf eindringlich vor Augen. Diese und viele weitere Archivaufnahmen versetzen die Zuschauer*innen unmittelbar ins Amerika der 1970er-Jahre. Wir sehen die Meetings, Straßenblockaden, Hausbesetzungen, politischen Unterredungen, Fernsehreportagen, die Inbetriebnahme des Center for Independent Living und die verstärkte Visibilität, den die Bewegung durch Vietnamkriegsveteranen mit Behinderung erfuhr. Kontextualisiert und kommentiert wird das Ganze durch Interviews noch lebender Crip-Camp-Teilnehmer*innen. Der Film lässt sowohl Raum für die strukturellen Probleme als auch für die individuellen Freuden und Hürden im Leben der zur Sprache kommenden Betroffenen.

Crip Camp zeigt implizit auch den Ausschluss, den Menschen mit Behinderung in der Geschichtsschreibung und -vermittlung erfahren, werden sie doch bei der Thematisierung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1970er-Jahre gemeinhin ausgeklammert. Der von Michelle und Barack Obama produzierte Dokumentarfilm nimmt einen radikalen Perspektivenwechsel vor und wird viele wohl zum ersten Mal mit diesem überaus wichtigen historischen Ereignis konfrontieren, das den Weg für viele weitere Schritte hin zu einer verstärkten gesellschaftlichen Inklusion ebnete.

Auf Netflix.

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