Backcover: Giulia Thinnes

Sie schmeißt seit Kurzem nicht nur das Sekretariat der woxx, sondern ist auch Fotografin: Giulia Thinnes gestaltet zum zweiten Mal eine Backcover-Serie und entführt zum Jahresbeginn nach Berlin.

Die Fotografin Giulia Thinnes fasziniert vor allem die Vielseitigkeit des Tempelhofer Feldes: Inmitten von Berlin finden sich dort unter anderem Ruheoasen wie diese. (COPYRIGHT: Giulia Thinnes)

woxx: Giulia, in Ihrer ersten Serie für die woxx ging es um Ihre persönliche Geschichte; jetzt setzen Sie das Tempelhofer Feld in den Mittelpunkt Ihrer Fotoreihe. Was steckt hinter dem Projekt?

Giulia Thinnes: Die Idee für die Serie entstand während eines Fotoworkshops in Frankreich. Die Porträts, die dort entstanden sind, haben mir gut gefallen. Das hat mich dazu motiviert, eine Porträt-Reihe zu machen. Mir war wichtig, das Projekt in meiner damaligen Heimatstadt Berlin zu verwirklichen. Das Tempelhofer Feld, in Berlin auch kurz Feld genannt, als Kulisse zu benutzen, bot sich an.

Erklären Sie das einer Person wie mir, die das Feld noch nie besucht hat.

Auf dem Feld sind immer Menschen anzutreffen, noch dazu völlig unterschiedliche Charaktere. Ich finde das spannend: Es halten sich sowohl Kinder als auch junge Menschen und Senior*innen dort auf. Manche gehen spazieren, andere laufen oder machen Kitesurfing; wieder andere spielen Golf oder fahren mit Rollschuhen und Skateboards. Menschen feiern ihren Geburtstag auf dem Feld, lassen riesige Drachen steigen oder veranstalten Techno-Partys mit 100, 200 Gäst*innen. Ab und zu gibt es auch kleine, private Konzerte oder du entdeckst Musiker*innen, die an einem abgelegenen Ort proben.

Fasziniert Sie diese Diversität?

Nicht nur, denn der Ort an sich ist toll, schon allein wegen seiner Geschichte: Auf dem Gelände befand sich früher der Flughafen Berlin-Tempelhof, der zwei Jahre nach seiner Schließung 2008 der Öffentlichkeit als Freizeitort zugänglich wurde. Es ist ein riesiges Feld – die Besucher*innen können sich wunderbar aus dem Weg gehen. Solche Orte sind selten in Großstädten. Es ist ein Ort der Freiheit. Es gab in der Vergangenheit mehrere politische Parteien, die den Platz für Wohnungsbau nutzen wollten. Bei einem Volksentscheid 2014 sprach sich die Mehrheit der Bürger*innen jedoch gegen eine Bebauung aus.

„Es ist ein riesiges Feld – die Besucher*innen können sich wunderbar aus dem Weg gehen. Solche Orte sind selten in Großstädten. Es ist ein Ort der Freiheit.“

Waren Sie oft auf dem Feld, bevor er zum Star Ihrer Reihe wurde?

Eher unregelmäßig. Das Feld liegt zwischen den Vierteln Neukölln und Schöneberg. Ich musste eine Dreiviertelstunde Bahn fahren, um dorthin zu gelangen. Später, als ich näher am Feld gewohnt und Freund*innen in der Gegend besucht habe, war ich öfter da. Generell gilt das Feld als beliebter Treffpunkt und spielte als solcher auch in meinem Leben eine Rolle.

Auf Ihren Fotos wirkt das Feld verlassen, wie ein Ort ohne jegliche Infrastruktur.

Der Eindruck täuscht, denn es gibt ein paar Kioske, Toiletten, Bänke und sogar einen kleinen Biergarten. Am Rande des Felds befinden sich außerdem ein Zirkus, ein Skatepark sowie Basketball- und Beachball-Felder. Ich habe diese Bereiche kaum fotografiert, weil sie für mich nicht zum offenen Feld gehören. Sie machen nur einen kleinen Bereich aus, der Großteil ist echt nur Wiese.

Das klingt fast nach einem Natur- erlebnis inmitten der Großstadt, oder?

Das kann ein Besuch auf dem Feld durchaus sein. Es gibt dort sogar eingezäunte Wiesenabschnitte, auf denen Schafe grasen. Auf dem Feld gibt es außerdem Schrebergärten, die eine Bürger*inneninitiative aus Neukölln ins Leben gerufen haben. Die Stadtbewohner*innen haben an der Stelle ihre Gartenhäuschen aufgestellt, genauso wie selbst gezimmerte Sitzgelegenheiten und Hochbeete. Es ist ein Genuss, durch diese kleine Siedlung zu laufen. Auch, weil es ein ruhiger Ort ist, an den sich die Besucher*innen des Felds zurückziehen können. Dasselbe gilt für einen anderen Bereich, an dem Gebüsche und Bäume wachsen. Das ist der wohl ruhigste Teil des Geländes, an dem sich im Sommer manche sonnen oder sich zum Lesen zurückziehen.

(COPYRIGHT: Giulia Thinnes)

Passt sich das Treiben auf dem Feld den Jahreszeiten an?

Im Winter 2020/2021 lag viel Schnee in Berlin, was selten vorkommt. Es müssen zehn, fünfzehn Zentimeter gewesen sein. Damals habe ich zwei, drei Tage auf dem Feld verbracht. Es war eiskalt – und trotzdem hat es die Menschen dorthin verschlagen, einige sogar zum Langlauf. An manchen Stellen konnte man Schlitten fahren, weil es am Eingang Neukölln einen kleinen Hügel gibt. An verregneten Herbsttagen ist weniger los, doch sobald sich das Wetter bessert, ändert sich das. Die Aktivitäten variieren, wie eingangs schon erwähnt, vom Joggen bis hin zum Kitesurfen. Besonders bekannt ist das Feld auch für seine Skater*innen, die mit ausgefallenen Rollschuhen und Brettern dort auftauchen. Nicht zu vergessen sind auch die Rennradprofis, die ihre Runden um das Feld drehen. Die sind bisher immer so schnell an mir vorbeigerast, dass ich es nie geschafft habe, sie zu fotografieren. Das ganze Jahr über wird das Feld auch als Abkürzung genutzt, um von einem Viertel ins nächste zu laufen.

Unterscheidet sich die Nutzung des öffentlichen Raums in Berlin von der in Luxemburg?

Ja, schon. Ich glaube in Berlin werden solche Flächen stärker von der Öffentlichkeit genutzt, als in Luxemburg. Das mag auch daran liegen, dass Berlin eine Großstadt ist und Menschen auf der Suche nach Grünflächen sind. In Luxemburg fällt mir allerdings auch keine Fläche ein, die mit dem Feld vergleichbar wäre. Vielleicht die Baggerweiher in Remerschen? Der Glacis hätte auch Potenzial, wäre es kein Parkplatz und gäbe es dort ein bisschen Grünzeug …

Parkanlagen sind hierzulande weniger beliebt als in Deutschland, oder?

Ich wohne nicht in Luxemburg-Stadt, sondern im ländlichen Raum. Wenn ich durch die Hauptstadt laufe, sind die Parks aber in der Regel leer, abgesehen von den Spielplätzen. Das mag daran liegen, dass viele Menschen, wie ich, nicht in den Städten leben. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass es hier keine Park-Kultur gibt, wie etwa in Deutschland. Während es in Berlin normal ist, sich nach der Arbeit auf ein Bier im Park oder auf dem Feld zu treffen beziehungsweise seine Freizeit an öffentlichen Orten zu verbringen, stellt das in Luxemburg meiner Erfahrung nach eher eine Seltenheit dar. Dasselbe gilt für Bräuche wie das Vorglühen: In Deutschland habe ich oft erlebt, dass sich Freund*innen vor dem Gang in die Bar zuerst im öffentlichen Raum oder bei jemandem zu Hause treffen, um etwas zu trinken. Hier geht es gleich in das ausgewählte Lokal.

Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Es ist schwer, einen konkreten Grund auszumachen. Ich denke, das ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Zum einen haben viele Menschen in Luxemburg höhere finanzielle Mittel als beispielsweise in Deutschland. Das ermöglicht ihnen, Geld für Drinks und Freizeitaktivitäten auszugeben, das anderen fehlt. Zum anderen leben in Großstädten wie Berlin schlichtweg mehr Menschen. Diejenigen, die nicht in den Parks oder auf dem Feld abhängen – und die gibt es natürlich auch – fallen dadurch weniger auf.

Zieht es Sie zurück zum Tempelhofer Feld?

Jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, versuche ich, das Feld zu besuchen. Abgeschlossen ist die Serie jedenfalls noch nicht.

Giulia Thinnes arbeitet seit 2023 bei der woxx; ab Januar ist sie hier für das Sekretariat verantwortlich und als Fotografin tätig. Seit 2016 ist sie zudem Teil des Luxembourg Streetphoto Collective. Letztes Jahr schloss sie ihr Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin ab.


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