Bauen auf Altlasten: Behörden ohne Kompetenz

Im Falle der Casa-Deponie in Beggen lassen Umweltverwaltung und kommunale Dienste zukünftige Eigen- heimbesitzer*innen in Unkenntnis.

Der Originalstandort der Residenz „Livia“ liegt leider weder an der Mosel, noch dient der dahinter gelegene Hang dem Weinbau, sondern der Lagerung verseuchter Industrieabfälle. (Quelle: costantini.eu)

Bis in die 1980er-Jahre hinein produzierte die Continental Alloys S.A. (Casa) auf dem Gelände des ehemaligen Arbed-Werkes „veredelte“ Stahle. In dem Produktionsprozess entstanden mit Schwermetallen und radioaktivem Material verseuchte Abfälle. Dass eine solch gefährliche Produktionsstätte überhaupt so lange mitten in einem Wohngebiet operieren durfte, war aber nur der Anfang einer Skandalstory, die schon den woxx-Vorgänger „GréngeSpoun“ vielfach beschäftigte. Der „Casa-Schock“ entwickelte sich zu einer unendlichen Geschichte. Erst auf Drängen der betroffenen Bürger*innen wurde das Problem zunächst einmal eingezäunt und ab 1991 zur nicht minder skandalträchtigen Deponie „Monkeler“ nach Monnerich „verlagert“.

Doch dabei wurden längst nicht alle Altlasten entfernt. Alle paar Jahre ließen parlamentarische Anfragen erkennen, dass der frühere Abfallhort immer noch stark vergiftet ist. Doch eine kämpferische Bürger*inneninitiative wie in den 1980er-Jahren gibt es heute nicht mehr. Dass die Gegend um das ehemalige Stahlwerk verseucht ist, hat sich im Bewusstsein der nachfolgenden Generationen kaum erhalten.

Kürzlich erhielt die Casa-Deponie neue Aufmerksamkeit, weil eine darunter befindliche Villa und ein älteres Haus zum Abriss freigeben wurden, was nur möglich ist, wenn eine Baugenehmigung für ein neues Haus vorliegt. Einige, eigentlich am Erhalt alter Bausubstanz interessierte Denkmalschützer*innen waren hellhörig geworden und wunderten sich, wieso an dem umstrittenen Standort Wohnhäuser errichtet werden dürfen.

Beggen an der Mosel

Die Anzeige des Promoteurs der neuen Wohnanlage war schnell gefunden, obwohl die schmucke Residenz „Livia“ auf dessen Homepage an einen Hang unmittelbar an der Mosel verpflanzt wurde – ob ein marketingträchtiger Trick oder ein layouttechnischer Fehler, sei dahingestellt. Wie bei solchen Vorhaben üblich, wird das Projekt beworben, bis sich genügend Käufer*innen gefunden haben, um mit der Umsetzung beginnen zu können. Bei Redaktionsschluss waren tatsächlich nur noch zwei von insgesamt 18 Appartements zu vergeben.

Die Interessent*innen kaufen nach einem „cahier des charges“, der die Ausstattung der Wohnungen beschreibt. Über das Umfeld der zukünftigen Wohnung erfahren sie allerdings nichts. Ein Blick auf den städtischen Bebauungsplan reicht dafür – leider – nicht. Dort ist die betroffene Baustelle als bebau- und damit bewohnbar eingestuft. Wer die Vorgeschichte der Casa nicht kennt und keine detektivischen Methoden zur Erkundung der unmittelbaren Umgegend anwendet, erfährt jedenfalls nicht, auf welchen Altlasten das zukünftige Heim eigentlich entsteht.

Dass die auf dem Gelände der ehemaligen Casa-Deponie gemessenen Schadstoffwerte weiterhin bedenklich sind, wurde zwar in der Folge der Schließung immer wieder behördlich festgestellt – zuletzt wohl vor etwa fünf Jahren.

Eine private Probenentnahme Ende Oktober 2020, die Anfang November von einem deutschen Umweltlaboratorium ausgewertet wurde, ergab immer noch höchst bedenkliche Werte. Zum Beispiel für Molybdän: 360 mg pro kg wurden gemessen, während der einzuhaltende Grenzwert für uneingeschränkt bewohnbare Grundstücke in Rheinland-Pfalz bei 20 mg pro kg liegt, wie Christian Küppers vom Oeko-Institut Darmstadt der woxx gegenüber bestätigte.

Leider scheint es aber so zu sein, dass weder der Zustand der Deponie noch die sich daraus ergebenden Gefahren behördlicherseits eine besondere Beachtung wert sind. In einer Antwort auf eine Anfrage des linken Gemeinderats Guy Foetz sprach Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) der Stadt gar jegliche Kompetenz in dem beschriebenen Fall ab und verwies auf die Pflicht des Promoteurs, Messungen vorzunehmen und gegebenenfalls mit der nationalen Umweltverwaltung in Kontakt zu treten.

Erstaunlicherweise gab Lydie Polfer zudem an, keine Kenntnis von einem von Luxcontrol im Jahre 2013 erstellten Bericht zu haben. Luxcontrol schlug damals vor, um Probleme zu vermeiden nicht tiefer als 2,5 Meter ins Erdreich zu bauen – für die Residenz „Livia“ ist eine doppelstöckige Tiefgarage geplant.


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