Bildungspolitik: „Wir sind Pädagogen, keine Redner“

Wir haben mit Joëlle Damé, Grundschullehrerin und neue Präsidentin der Lehrer*innengewerkschaft SEW-OGBL über Qualitätsmessung, Digitalisierung und die Lehrer*innen-ausbildung gesprochen.

„Glauben Sie, man könne das Einmaleins auf TikTok lernen?“ – Für die Präsidentin des SEW-OGBL steht Social Media als Wissensquelle nicht mit der Schule in Konkurrenz. (CC BY 3.0)

woxx: Die Épreuves standardisées, die jedes Jahr unter anderem in der Grundschule durchgeführt werden, legen immer wieder flagrante Bildungsunterschiede zwischen den Schüler*innen offen. Ist dieser Test in Ihren Augen aussagekräftig und wird adäquat auf die Befunde reagiert?

Joëlle Damé: Die Épreuves standardisées zeigen jedes Jahr, dass die Schüler im Zyklus 2.1. über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um alphabetisiert werden zu können. Im Zyklus 3.1. werden dann aber signifikante Unterschiede festgestellt. Hier merkt man, dass solche Erhebungsmethoden zu kurz greifen. Sie können nur grob erfassen, wie groß der Wortschatz oder wie differenziert der Ausdruck ist. Motorische Fähigkeiten, die Beherrschung der Erstsprache oder die Konzentrationsfähigkeit werden nicht getestet. Die Aussagekraft ist also eingeschränkt. Die praktische Realität ist zu komplex, als dass sie mithilfe eines solchen Messinstruments erfasst werden könnte.

Werden denn die nötigen Konsequenzen aus diesen Ergebnissen gezogen?

Eine Konsequenz, die das Bildungsministerium gezogen hat, ist ja die Alphabetisierung in Französisch. Das reicht aber nicht aus. Zurzeit wird der Plan d’études überarbeitet. Wir hoffen, dass die nötigen Anpassungen vorgenommen werden. Vor allem in den unteren Zyklen sind tiefgreifende Anpassungen notwendig, um dem Problem gerecht zu werden.

„Vor allem in den unteren Zyklen sind tiefgreifende Anpassungen notwendig, um dem Problem gerecht zu werden.“

Wieso diese Skepsis gegenüber der Alphabetisierung in Französisch?

Wir sind nicht gegen die Alphabetisierung in Französisch. Es ist aber gefährlich, sie als Wundermittel gegen die großen Bildungsunterschiede zwischen den Schülern darzustellen. Die Unterschiede sind nicht nur auf die sprachlichen Anforderungen unseres Schulsystems zurückzuführen, vielmehr liegt ein strukturelles Problem vor.

Wie könnte man dieses in den Griff bekommen?

Über 60 Prozent der Kinder, die die luxemburgische Schule besuchen, sprechen zu Hause kein Luxemburgisch. Sie lernen diese Sprache also erstmals im ersten Zyklus. Es wird dann davon ausgegangen, dass sie darauf aufbauend im zweiten Zyklus Deutsch lesen, schreiben und parallel dazu verstehen und reden lernen können. Das ist nicht machbar: Man kann eine Sprache nur lesen und schrei-
ben lernen, wenn man sie bereits im Vorfeld versteht. Bevor die Kinder auf Deutsch alphabetisiert werden, müssten sie diese Sprache also in einem ersten Schritt als Fremdsprache erlernen.

Wie würde das in der Praxis aussehen?

Man könnte bereits im ersten Zyklus vorbereitende Übungen machen und so ein phonologisches Bewusstsein aufbauen, den Wortschatz erweitern. Im zweiten Zyklus müsste Deutsch dann erst einmal konsequent als Fremdsprache unterrichtet werden. Die Alphabetisierung würde dann anschließend stattfinden. Genau so wird auch beim Französischen vorgegangen: Im ersten Zyklus werden die Schüler bereits an diese Fremdsprache herangeführt.

Die Schüler müssten also schon vor dem ersten Zyklus aufgeteilt werden, je nachdem ob sie späterhin auf Deutsch oder auf Französisch alphabetisiert werden wollen?

Das wäre eine Möglichkeit. Wenn wir aber strukturell an die Problematik herantreten, also so, wie ich es eben beschrieben habe, stellt sich die Frage, ob wir die zweisprachige Alphabetisierung überhaupt noch brauchen. Es wird aber gar nicht erst abgewartet, bis diese Frage abschließend geklärt ist: Die Alphabetisierung in Französisch wird jetzt Realität. Sie müsste aber unbedingt anders angegangen werden. Wenn wir bei der französischen Alphabetisierung genauso vorgehen wie bei der deutschen, kann das nur schiefgehen.

Welche weiteren Anpassungen sind Ihrer Meinung nach nötig, um die Bildungsunterschiede zu verkleinern?

Risikoschüler müssen viel engmaschiger betreut werden. Bei Schülern, denen der Lese- und Schreiberwerb schwerfällt, fehlt es uns einfach an Ressourcen. Ebenso bei der Inklusion: Lehrkräfte müssen mit den nötigen Ressourcen ausgestattet werden, um diese umsetzen zu können. Normaler Unterricht muss immer möglich bleiben. Wenn kein Unterricht stattfinden kann, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen, leiden darunter vor allem die Schwächsten.

Während der Pandemie wurde viel über die unterlassene Digitalisierung der Schule gesprochen. Hat sich seitdem etwas getan?

Natürlich, das ist jetzt etabliert. Jede Schulklasse richtet zu Beginn des Schuljahres Microsoft-Teams-Konten ein. Das ist keine Frage, die sich stellt, wir sind ja pragmatisch. Teams ist ein Mittel, das von vielen Lehrkräften mittlerweile auch unabhängig von einer Pandemie genutzt wird. Es ist eine weitere Lehrmethode. Während der Pandemie hat sich gezeigt, inwiefern digitale Medien einen Mehrwert haben können. Es wurde klar: Für das Unterrichten sind sie nicht geeignet, zum Verschicken von Informationen und Dokumenten dagegen schon. Wenn ich mit meiner Schulklasse ein Lied durchnehme, setze ich das anschließend auf Teams, sodass die Kinder es sich auch zu Hause anhören können.

„Wenn wir bei der französischen Alphabetisierung genauso vorgehen wie bei der deutschen, kann das nur schief gehen.“

Wie ist es allgemein: Wird der Umgang mit neuen Medien zurzeit auf eine Weise in den Unterricht integriert, die der digitalisierten Welt Rechnung trägt?

Es gibt wahrscheinlich kein Kind, das nicht innerhalb einer Woche den Umgang mit einem Tablet erlernen kann. Diese Geräte funktionieren so, dass sie möglichst intuitiv genutzt werden können. Das müssen wir den Schülern nicht beibringen. Die Frage, die ich mir als Pädagogin stellen muss, ist: Hat es einen Mehrwert bei der Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenzen das Tablet einzusetzen? Und ich denke, dass die Schule diesbezüglich auch ein Gegengewicht zu den rein digitalen Erfahrungen sein muss. Etwas mit einem Stift zu schrei-
ben, aktiviert das Gehirn auf eine ganz andere Weise, als mit dem Finger über ein Tablet zu streichen.

Das Bedienen eines Gerätes ist eine Sache, die Auseinandersetzung mit dem, was man darauf sieht, hört und liest, eine andere. Und es ist eine Realität, dass auch viele Grundschüler*innen bereits über ein Smartphone oder Tablet verfügen …

Genau. Deshalb brauchen wir ihnen das nicht beizubringen, das können sie ganz alleine. Was wir jedoch machen können ist Aufklärung. Sensibilisierung für Cybermobbing etwa. BeeSecure ist ja ganz aktiv in dem Bereich.

Findet auch eine Sensibilisierung bezüglich Falschinformationen statt?

Definitiv. Da wären wir bei der Kernaufgabe der Schule. Wir brauchen mündige Bürger, die in der Lage sind, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Die fähig sind, sich an einer öffentlichen Debatte zu beteiligen, die sich artikulieren können.

Wie macht man, provokativ ausgedrückt, einem Kind den Schulunterricht denn noch schmackhaft, wenn es sich auch auf Tiktok informieren kann? 

Glauben Sie, man könne das Einmaleins auf TikTok lernen? (lacht) Heutzutage ist der Schulunterricht nicht mehr so, dass die Schüler nur der Lehrkraft zuhören. Die Lehrmethoden haben sich entwickelt, wir Lehrkräfte passen uns an. Es besteht kein Zweifel daran, dass es Kindern immer schwerer fällt, sich lange auf etwas zu konzentrieren, aber es gibt Methoden, um damit umzugehen. Wir sind Pädagogen, keine Redner.

Wie gut ist denn die Lehrkraftausbildung zurzeit?

Dazu kann ich Ihnen ehrlich gesagt nichts sagen. Uns sind jedenfalls keine Probleme zu Ohren gekommen.

Die Ausbildung wurde in den vergangenen Jahren immer wieder reformiert und da stellt sich ja die Frage: War das zum Guten? Zum Schlechten?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Da scheint ein gewisses Ungleichgewicht zu bestehen: Die Ausbildung wird überarbeitet, um den Anforderungen in den Schulen besser gerecht zu werden, aber in den Schulen ist der Effekt offenbar nicht wahrzunehmen.

Für den SEW ist die inhaltliche Ausrichtung der Lehrerausbildung kein Hauptthema. Ob die überarbeitete Ausbildung in der Schule greift, ist schwer zu beurteilen, zumal viele angehende Lehrer nicht in Luxemburg ausgebildet werden. Es gibt zurzeit eine ganze Reihe anderer Themen, die für den SEW vorrangig sind.

© SEW-OGBL

Joëlle Damé ist Grund-schullehrerin in Petingen und seit zwei Monaten die Präsidentin der Lehrer*innengewerkschaft SEW-OGBL. Sie übernimmt damit die Nachfolge von Patrick Arendt, der im März vorzeitig von seinem Posten zurückgetreten war.


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