Comics und Judentum: Superhelden sterben nie

Dass die meisten Comic-Superhelden von Juden erfunden wurden, ist sogar vielen Fans nicht bekannt. Nun widmet das Jüdische Museum in Brüssel den Figuren und ihren Schöpfer*innen eine ebenso umfassende wie vielschichtige Ausstellung.

Streit unter Brüdern: „The Thing“ gibt dem aus der jüdischen Mystik entstammenden Golem eins auf die Mütze – dem das steinerne „Ding“ allerdings selbst nachempfunden ist. (© Marvel Comics Group)

„Für Odin! Für Asgard!“ – Wenn man in einem Jüdischen Museum solche Parolen zu sehen bekommt, ist das eher irritierend. Immerhin tragen Neonazis gerne Sprüche-T-Shirts mit Referenz an die nordische Mythologie. Zeitgenossen also, denen man am liebsten mit dem Kampfruf des Comic-Helden „The Thing“ antworten möchte, den dieser ausstößt, bevor er irgendwelchen Schurken auf die Mütze gibt: „It’s clobberin’ time!“

Wer derzeit jedoch im Musée Juif de Belgique in Brüssel das Oberhaupt des nordischen Götterhimmels anruft, ist kein geringerer als der Donnergott Thor, und zwar in der Version, wie ihn der Comic-Zeichner Jack Kirby erschaffen hat. Dabei ist Thor auch in Kirbys Vorstellungswelt „so gojisch (nicht-jüdisch; Anm. d. Red.) es nur geht“, wie das sich jüdischen Themen widmende Online-Journal „Tablet“ verschmitzt feststellt. Für seinen Urheber gilt dies jedoch nicht. Der nämlich kam als Jacob Kurtzberg in der New Yorker Lower East Side zur Welt, als Kind aus Galizien eingewanderter Juden. Um seine Herkunft machte der US-Amerikaner, der sich wie viele seiner Zunft einen Künstlernamen zulegte, im Zusammenhang seines Schaffens wenig Aufhebens. Auf die Unterstellung, er wolle damit sein Judentum verschleiern, reagierte Kirby allerdings ziemlich schlecht gelaunt.

Auf ganz ähnliche Weise ließe sich auch die Bedeutung des Judentums in der Ausstellung „Superheros Never Die – Comics and Jewish Memories“ zusammenfassen: zwar verbindet es alle Schöpfer*innen der dort präsentierten Comicwelten und Figuren, spielt aber nur in den Arbeiten mancher von ihnen eine größere Rolle.

Die in Kooperation mit dem „Musée d’art et d’histoire du Judaïsme Paris“ und dem „Joods Historisch Museum Amsterdam“ konzipierte Schau wartet mit Originalausgaben, zahlreichen Covers, Probe-Andrucken, Filmen und großflächigen Reproduktionen auf. Wie die gesamte Ausstellung werden auch die erläuternden Texte ansprechend präsentiert.

Von den „comic strips“ des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, die in Zeitungen erschienen sind und mit viel Selbstironie die Irritationen und Integrationsprobleme jüdischer Immigrierter in ihrer neuen Heimat auf die Schippe nehmen, führt die chronologisch organisierte Ausstellung geradewegs zu den ersten Superhelden. Ihr Auftritt fällt kaum zufällig mit der zweiten Generation jüdischer Immigrierter in die USA und dem Erstarken von Faschismus und Nationalsozialismus in Europa zusammen.

Superman beispielsweise hat 1938 seinen ersten Auftritt, geschaffen von dem in Cleveland geborenen Jerry Siegel und seinem kanadischen Freund und Kollegen Joe Shuster. In der Folgezeit legt sich der wohl bekannteste aller Superhelden, dessen Name von Friedrich Nietzsches „Übermensch“ inspiriert ist, in mehreren Episoden mit den Nazis an. Einmal betätigt er sich am Atlantikwall als Bunkerbrecher, ein anderes Mal schleift er Hitler wegen seiner Verbrechen vor den Völkerbund; was in der realen Welt sogar im SS-Kampfblatt „Das schwarze Korps“ für wütende Reaktionen sorgte. (Diese Episoden sind in der noch bis 15. März 2020 dauernden Ausstellung „Nimm das, Adolf“ im Comic-Schauraum in Dortmund zu sehen.)

„Live fast. Love hard. 
Die with your mask on.“

Wenn es um Judentum und Comics geht, werden weniger eingefleischte Comicfans wohl zuerst an Art Spiegelman und Will Eisner und deren „Graphic Novels“ denken. Mit seinem Werk „Ein Vertrag mit Gott“ prägte Eisner diesen Begriff. Beide Autoren haben natürlich auch in der Brüsseler Ausstellung einen prominenten Platz, wobei neben Spiegelmans „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“, die der Erinnerung von dessen Vater an die Shoa gilt, von ihm auch die kurze Story „Prisoner on the Hell Planet“ ausgestellt ist. In ihr setzt sich der Zeichner mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinander, mit seiner Verzweiflung und den Schuldgefühlen, die er wegen ihres Todes hat. Die persönliche Verstricktheit der ambivalenten Mutter-Sohn-Beziehung wird dabei überschattet von der Frage, inwiefern ihr Schritt aus dem Trauma des Holocaust resultiert, den die Eltern anders als Spiegelmans älterer Bruder und viele weitere Familienmitglieder überlebten.

Auch manche der erfundenen Comic-Helden werden mit der Shoa konfrontiert. So erfährt man in der Ausstellung, dass der Mutant „Magneto“, Gegenspieler der Superheldencrew „X-Men“, in einem der Marvel Comics als Überlebender von Auschwitz präsentiert wird. Ersonnen wurde „Magneto“ von Jack Kirby und dessen Kompagnon Stan Lee (Stanley Lieber), doch es ist der Comicautor Chris Claremont, der dem Bösewicht „Magneto“ diese biographische Wendung gibt. Die Erlebnisse im Lager hätten ihm jeden Glauben an die Humanität geraubt, so der Superschurke über seinen Werdegang. Damit konterkariert er ein untergründiges Klischee, das den Überlebenden zusätzlich zu ihrem Leid noch die Konsequenz ethisch-moralischer Läuterung aufbürden will. Gleichwohl bleibt der antihumane Antiheld ambivalent und kann dann oft doch nicht anders, als sich am Kampf gegen Diskriminierung zu beteiligen.

Paul Levitz, Joe Staton, Superman, DC Special, 29, 1977 (© DC Comics)

Gestoppt wird „Magneto“ in der gezeigten Episode übrigens von „Wind-Rider“ aka „Storm“, einer Superheldin mit schwarzer Hautfarbe. In der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts eroberten im Zuge von Bürgerrechtsbewegung und Feminismus auch die entsprechenden Superheld*innen die Comic-Spalten und noch ein wenig später gesellen sich die LGBTIQ-Hero*inen hinzu. Auch diese Entwicklung wird in „Superheros Never Die“ ausführlich dargestellt.

Wurden Judentum und „Jüdisch-sein“ von den bis dahin meist männlichen Comic-Autoren wenn überhaupt eher implizit thematisiert, treten nun Fragen der Identität stärker in den Vordergrund, lässt der Begleittext zu den ausgestellten Arbeiten wissen. Geschlechtergerechtigkeit sowie ethnische oder auf sexueller Orientierung beruhende Diskriminierung sind es nun beispielsweise, die das Eingreifen der Superheld*innen erfordern. Zugleich sind sie selbst zunehmend mit einer ethnischen oder religiösen Identität ausgestattet, die vorher keine Rolle spielte.

Es war nicht zuletzt die Comic-Welt selbst, die mit der Prüderie und Homophobie schurkischer Vertreter der realen Welt zu rechnen hatte. So wurde in den 1950er-Jahren vor der homoerotischen Komponente in der Beziehung des Superheldenduos Batman und Robin gewarnt, das daher einen verderblichen Einfluss auf die Jugend habe. Umso kraftvoller dann der Ausbruch, als Mary Wings und Trina Robbins die ersten schwulen und lesbischen Charaktere in die Comics einführten. Dennoch hatte „Northstar“, ein 1979 geschaffener Superheld des den Mainstream repräsentierenden Marvel-Universums, erst 1992 sein Coming-out.

Inzwischen ist auch Platz für vielschichtige Figuren, wie die Ausstellung zeigt. So etwa mit dem von Joe Glass und Ryan Cody geschaffenen Superhelden-Team „The Pride” (nicht zu verwechseln mit der Marvel-Schurkencombo gleichen Namens). Dort kann beispielsweise eine der Figuren mit dem Konzept „Geschlecht“ nichts anfangen, einfach weil man dort, wo sie herkommt, diese Kategorie gar nicht kennt. „The Pride“ spart überdies auch nicht mit Selbstironie.

Diese ist auch zentral für Comics wie „Watchmen“ aus den 1980er-Jahren oder das aus der vergangenen Dekade stammende „The Boys“. Dort wird das Bedürfnis nach Superhelden auf den Kopf gestellt und es drängt sich die Frage auf, weshalb nahezu allmächtige Charaktere so unfehlbar dem Guten verpflichtet sein sollen und wer dieses „Gute“ überhaupt definiert. Konsequenterweise können die USA dank der „Watchmen“ daher den Vietnamkrieg gewinnen und Richard Nixon bleibt für gleich sechs Amtsperioden US-Präsident.

Wer sich hiervon nicht desillusionieren lassen will, der kann schnell zu dem Abschnitt über den „Black Panther“ weitereilen, dem ersten schwarzen Superhelden mit eigener Heftreihe, der einmal mehr von Jack Kirby kreiert worden ist. Und wer es mit „Superheroes“ eh noch nie so hatte, dem bleibt immerhin noch eine beachtliche Ansammlung von Titelblättern der Zeitschrift „MAD“.

So ist die Ausstellung im Brüsseler Jüdischen Museum eine runde Sache, die vielseitig und informativ ist und dennoch kurzweilig bleibt. Interessant ist es auch, zu sehen, wie den Kurator*innen der Spagat gelingt, auf die in ihr Thema einfließenden identitätspolitischen Aspekte einzugehen, ohne diese zur alles dominierenden Perspektive zu machen.

Superheld*innen sind letztlich alle Außenseiter, als Mutanten und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten, wie schon das geheime Hauptquartier von Superman es benennt, gefangen in einer „Festung der Einsamkeit“. Was sie verbindet, so will die Ausstellung es uns zumindest glauben machen, ist ein gemeinsames, universalistisches Ziel, die gesellschaftliche Emanzipation. Und natürlich das Motto aller Superheld*innen: „Live fast. Love hard. Die with your mask on.“

„Superheroes Never Die: Comics and Jewish Memories“. Ausstellung im Musée Juif de Belgique, Rue des Minimes 21, 
1000 Bruxelles. Noch bis 26. April 2020. www.mjb-jmb.org.

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