Covid-Schutz in der Gastronomie: Wenn schon Plastik, dann …

Im Rahmen der Covid-Schutzmaßnahmen kommt viel Kunststoff zum Einsatz. Bei Acrylplatten gibt es in Luxemburg immerhin einen Ansatz zur Kreislaufwirtschaft.

Sitting apart … together. 
Die Ausgehkultur der Zukunft? (Fotos: © Paul Schanen)

Am 16. Mai ist Wiedereröffnung. Ab kommendem Sonntag dürfen Restaurants und Cafés ihre Besu-cher*innen wieder in den Innenräumen statt nur im Außenbereich bedienen. Ist das die von vielen erhoffte Rückkehr zur Normalität? Keineswegs, denn wer „rein“ will, muss einen negativen Covid-Test vorweisen. Die Tische stehen weit auseinander, auf dem Weg dorthin muss die Maske getragen werden und wirklich sicher vor dem Virus ist man trotz all dieser Vorkehrungen nicht. Auch die Betreiber*innen stehen vor Problemen: Mit Warteschlangen und einer geringeren Sitzdichte wird der Umsatz der Zeit „davor“ nicht erreicht, sofern sich nach dem ersten Rush überhaupt genügend Interessent*innen finden für ein solches „Ausgehen mit Einschränkungen“.

Covid füllt den Mülleimer

„Man geht ins Restaurant, um zu genießen“, hält Andreja Reinert im Gespräch mit der woxx fest. Sie ist zuständig für Marketing und Produktdesign bei der Start-up E+A InCon, die Schutzplatten aus Acrylglas für die Gastronomie anbietet. Reinert hofft, dass die stylishen Acrylplatten zur Wiederherstellung des Ambiente für Genießer*innen beitragen können – anders als die meistens anzutreffenden „grottenhässlichen“ Schutzsysteme. Natürlich erfüllen die Platten auch eine Schutzfunktion – zumindest gegen die direkte Verbreitung der Viren durch Aerosole. Außerdem ist das von E+A InCon unter dem Namen coUp+ vertriebene Acrylglas qualitativ hochwertig und zugleich umweltschonend.

Letzteres stellt die Firma als Verkaufsargument in den Vordergrund: Der Infektionsschutz soll mit dem Klimaschutz in Einklang gebracht werden, heißt es in einer der Produktbroschüren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Unter dem Eindruck des medizinischen Notstandes sind im Frühjahr 2020 weltweit andere dringliche Themen in den Hintergrund gerückt. Immer noch werden massiv Einwegmasken eingesetzt, ohne dass deren Ökobilanz ernsthaft diskutiert würde – das Risiko, dass die Bekämpfung der Pandemie „mit allen Mitteln“ die Umweltzerstörung weiter beschleunigt, ist real. Bereits im Januar hatte die woxx einen Beitrag zu Trennwänden aus wiederverwertbarem Karton für die Gastronomie veröffentlicht – unter anderem als Alternative zu Acrylplatten (woxx 1614).

Der Teufel steckt im Detail: Wie damals angemerkt, wird Acrylglas häufig als recycelbar beworben, die Abfallwirtschaft aber exportiert den Großteil des Acrylmülls und die daraus hergestellten Materialien sind von minderwertiger Qualität. Dabei ist ein quasi 100-prozentiges Recycling bei Acrylglas möglich und sinnvoll, wie im Beitrag Vom Poly- zum Monomer und zurück erläutert. Die von E+A InCon angebotenen Platten sind nicht nur recycelbar, sie bestehen aus recyceltem Material – ein subtiles, aber wichtiges Alleinstellungsmerkmal.

Wie hältst du’s mit dem Recycling?

Zwölf Restaurants, meistens In-Lokale, hat die Start-up schon mit ihren Schutzplatten ausgestattet und wirbt damit auf der „coUp+“-Facebook-Seite: „Dass sich umfassender Infektionsschutz, Design und Nachhaltigkeit nicht gegenseitig aussschließen, können Sie in den nachfolgenden Restaurants gerne live erfahren.“ Reinert berichtet, dass manche bereits andere Systeme im Einsatz hatten, doch „die sahen schlecht aus, waren zerfleddert und schlecht zu säubern“. Das eigene Produkt wurde in Zusammenarbeit mit gap_architectes entwickelt, die Endverarbeitung der Platten übernimmt die Schreinerei Modulor. Das „regionale“ Produkt coUp+ stehe im Gegensatz zur Massenproduktion, ihre Firma und deren Partner könnten „punktgenau auf Kundenbedürfnisse eingehen und maßgeschneiderte Lösungen ausarbeiten“.

Viele lokale, umweltfreundliche Alternativen gibt es jedenfalls nicht. Eine schnelle Online-Recherche fördert zwei Anbieter zutage. „K&F Furniture“ bieten Schutzplatten aus Karton und durchsichtigem PET-Plastik, letzterer als 100-prozentig recycelbar ausgewiesen. Das „Atelier Öko-Konzept“ (Teil der solidarwirtschaftlichen Initiative CIGL Strassen) dagegen produziert Platten „aus Plexiglas und zu 100 Prozent recyceltem Holz“. Dass es auch zu 100 Prozent recyceltes Acrylglas gibt, scheint man dort nicht zu wissen – da hilft auch die Unterstützung des Projekts durch „Inspiring more sustainability“ (IMS), den luxemburgischen Ableger von „Corporate Social Responsability Europe“ nichts.

Klappt das Recycling auch, wenn irgendwann die Acrylplatten in den Restaurants nicht mehr benötigt werden? Reinert versichert, gegebenenfalls werde E+A InCon das Material zurücknehmen, es eventuell neuen Verwendungen zuführen oder es an den Hersteller in Italien zurückschicken. Doch eigentlich rechnet sie nicht damit: Die Restaurantbetreiber*innen würden dazu tendieren, die Schutzplatten auch nach Aufhebung der Schutzvorschriften beizubehalten. „Es wird nie wieder so sein wie vor Covid“, so ihre Überzeugung – Distanzierung und Sicherheitsbedürfnis würden auch künftig unser gesellschaftliches Leben prägen.

Die Acrylplatten als Ergänzung zu den Sicherheitsvorschriften für die Wiedereröffnung der Restaurants sind aber nur eines der von E+A InCon entwickelten Konzepte. Unter dem Namen aerO+ bietet die Firma auch eine integrierte Schutzlösung für Schulen und Büros an. Hierbei kommen Platten mit umlaufender „Aerosol-Schutzkante“ zum Einsatz. Der auf beiden Seiten im rechten Winkel zur Platte aufgesetzte Acrylrahmen ist zwar weniger diskret als die einfachen Platten, dafür soll er aber auch noch so kleine Aerosole am Überwinden des Schutzes hindern. Zusätzlich sind Raumluftreiniger der Filterklasse H14 vorgesehen, sodass man, laut Reinert, „faktisch auf Masken verzichten“ könnte. Solche Vorrichtungen seien besonders dringend in den Schulen, angesichts der erheblichen Kollateralschäden durch Maßnahmen wie den Wechselunterricht.

Design: nicht nur durchsichtig

Für ihr Konzept wirbt die Firma E+A InCon mit einer wissenschaftlichen Studie des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München und verweist auf die Sars-Cov-2-Arbeitsschutzregel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Wie auch immer man die Vertrauenswürdigkeit solcher Studien und Vorschriften einschätzt, klar ist, dass Restaurants, Klassenzimmer und Kantinen mit Schutzplatten und Luftreiniger besser sind als solche ohne – sofern die restlichen Schutzvorschriften eingehalten werden.

Außerdem: Es geht bei E+A InCon nicht nur um Technik. Neben effizientem Schutz und nachhaltiger Fertigung zählt auch die Ästhetik. Das merkt man bereits beim Durchblättern der Broschüren, und auch die Fotos der Restaurants sehen – ja, appetitlich aus. Und dabei greifen die Betreiber*innen bisher wohl noch ausschließlich auf die diskreteste Variante des Konzepts, also die durchsichtigen Platten, zurück. E+A InCon bietet auch die Möglichkeit an, Holzplatten von Künstler*innen bemalen zu lassen. Alternativ können „Smile Plastics“-Platten zum Einsatz kommen: Diese werden so aus recyceltem Kunststoff gefertigt, dass dekorative Muster entstehen, die den Ursprung des Materials erahnen lassen.

Wird die Lockerung der Schutzmaßnahmen die erhoffte Wirkung erzielen, also das Gastgewerbe wiederbeleben und der Bevölkerung eine Atempause verschaffen? Wie auch immer, die Art der „Rückkehr zur Normalität“ ist jedenfalls zum Thema geworden. Initiativen wie die von E+A InCon entwickelten Konzepte zeigen jedenfalls, dass der Versuch, Infektionsschutz, Nachhaltigkeit und Lebensqualität in Einklang zu bringen, nicht aussichtslos ist.

 

Nachtrag:

Die Firma Röhm GmbH hat auf unsere Beiträge zu Trennwänden in der Gastronomie reagiert und unterstreicht, dass „Plexiglas“ ein Markenname ist, der also zu Unrecht im allgemeinen Sprachgebrauch zur Bezeichnung von Acrylglas benutzt wird. Außerdem unterstreicht die Firma, dass nicht alle Acrylglas-Abfälle in Asien, sondern zum Teil auch in Deutschland und Europa wiederaufbereitet werden.

Hier die Reaktion im Wortlaut:

„Mit unserer Marke PLEXIGLAS® sind wir einer der führenden Acrylglas-Hersteller weltweit. Die Marke ist markenrechtlich geschützt und wurde von unserem Firmengründer Otto Röhm entwickelt. In beiden Artikeln vermitteln Sie jedoch den Eindruck, dass PLEXIGLAS® mit allen Kunststoffen/Acrylgläsern gleichzusetzen sei – was nicht korrekt ist. Als Marke stellt PLEXIGLAS® nur eine Teilmenge aller weltweiten Acrylglasmengen dar.
Ihre Ausführung in Sachen Recycling in Asien entspricht nicht den Tatsachen: Recycling-Fachunternehmen in Deutschland und Europa nehmen Acrylglas sowie Reste anderer Kunststoffe aus dem Markt zurück und bereiten sie werkstoffgerecht auf. Wir als Röhm GmbH arbeiten mit einigen dieser Fachunternehmen zusammen.“


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