Infektionsschutz in der Gastronomie: Karton statt Kunstglas

Auch während der Coronakrise sollten Umweltaspekte nicht aus dem Blick geraten. Ein Schweizer Unternehmen hat eine Alternative zu den Acryl-Schutzwänden entwickelt.

Trennend, aber trendig: Die Schutzwände aus Karton lassen sich an individuelle Kundenwünsche anpassen. (www.recyclewall.ch)

Manchmal hilft bei der Entdeckung praktischer Stoffe der Zufall kräftig mit. In den 1930er-Jahren probierte der deutsche Chemiker und Unternehmer Otto Röhm an flüssigem Methylmethacrylat herum. Eines Tages ließ er eine mit der Substanz gefüllte Flasche aus Versehen am Fenster liegen. Sonnenlicht fiel darauf, wodurch sich das Methylmethacrylat erhärtete und die Flasche sprengte. Zurück blieb ein harter, durchsichtiger Klumpen: Acrylglas, chemisch ausgedrückt Polymethylmethacrylat (PMMA). In den folgenden Jahrzehnten wurde das Zufallsprodukt, das Röhm unter der Marke Plexiglas anmeldete, zu einem industriellen Allrounder, denn es ist lichtbeständig, robust, verformbar und leichter als Glas. Ob Werbeschilder, Haltestellenüberdachungen, Duschabtrennungen oder Bilderrahmen – alles Mögliche lässt sich daraus machen.

Gute Schutzwände aus bösem Erdöl

Vor gut einem Dreivierteljahr fand der Kunststoff dann einen neuen Verwendungszweck. Nach dem ersten Corona-Lockdown durften die Restaurants wieder öffnen. Allerdings musste für ausreichenden Infektionsschutz gesorgt sein. Und da begann der Siegeszug der durchsichtigen Trennwände aus Acrylglas, welche mittlerweile allgegenwärtig sind. Sie stehen oder hängen nicht nur in gastronomischen Betrieben, sondern auch in Banken, Supermärkten, Friseurläden und Apotheken und sollen dort Tröpfcheninfektionen vermeiden helfen.

Nur handelt es sich bei Acrylglas um ein Produkt, das auf Erdöl basiert. Die ökologischere Variante bietet das Schweizer Startup RecycleWorks an: Trennwände aus Karton. Der Startup-Gründer Pirmin Giger probiert gerne Neues aus. Zuvor hatte der Schreiner und Industrial Designer schon ein eigenes E-Gitarren-Label herausgebracht. Nun also die Trennwände, die zuerst unter der Marke GastroWall erhältlich waren. Die erste aus hochwertigem, zu 100 Prozent recycelbarem Wabenkarton bestehende Trennwand. Damit ging Giger im Mai 2020 in den Markt, kurz vor dem Ende des Frühjahrslockdowns. Später im Sommer wurde die Marke RecycleWall nachgeschoben. Das Halbfabrikat, der Wabenkarton, kommt aus Schweden, genauso der Rohstoff Holz. Es gibt eine Vielzahl von Ausführungen: Wände, die platzsparend an der Decke hängen; Wände, die auf dem Tisch stehen, entweder über dessen Längs- oder Breitseite; Wände mit Sichtfenster aus PET-Folie. Inzwischen gibt es auch modulare Wände, die zusammensteckbar sind.

Giger geht es bei seinem Produkt vor allem um die Nachhaltigkeit. Die gängigen Acrylglas-Trennwände sind aus Kunststoff, seine Karton-Trennwände aus einem nachwachsenden Rohstoff, aus Holz. „Natürlich zwingt die Coronakrise dazu, schnell Lösungen zu finden“, sagt Giger. Dennoch findet er es wichtig, dass Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit nicht nur bei der Herstellung, sondern auch im Lebenszyklus und schlussendlich bei der Entsorgung von Produkten berücksichtigt werden. „Gerade während einer Krise sollten wir diesen Aspekt nicht außer Acht lassen. Tun wir das aber doch, könnte das noch verheerendere Schäden anrichten als die Krise selbst. Wir sollten trotz Corona überlegt und ökologisch rücksichtsvoll handeln.“

Zwar fehlen momentan die Mittel, um eine genaue Umweltbilanz der Trennwände zu finanzieren und so mit jener von Acrylglaswänden vergleichen zu können. Was Giger aber mit Sicherheit sagen kann: „Wabenkarton ist besonders bei der Entsorgung die nachhaltigere Variante. Denn was viele nicht wissen: Acryl- und Plexiglas ist zwar gemäß Herstellerangaben rezyklierbar, jedoch nicht in Europa.“ [siehe Nachtrag unten für eine Reaktion der Firma Röhm GmbH] Alle nach der Krise entsorgten Trennwände aus diesem Material würden tonnenweise nach Asien zur Wiederverwertung verschifft werden. Danach ginge das rezyklierte Material wieder nach Europa zurück. Dieser Transport über Tausende Kilometer sei alles andere als umweltfreundlich. (Über recycelte Trennwände aus Acrylglas, siehe woxx 1632: Wenn schon Plastik, dann …) Wabenkartons hingegen ließen sich in einem einfachen Verfahren in der Schweiz wiederverwerten und direkt wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückführen.

Karton-Kreislaufwirtschaft

Die Trennwände sind je nach Stückzahl auch deutlich billiger. In der einfachsten Ausführung, der HangWall, kostet ein Modell knapp 90 Euro ab einer Stückzahl von 21. Eine Trennwand aus Acrylglas in einer vergleichbaren Größe kommt auf mehrere Hundert Franken, so Giger. Die meisten Betriebe benötigten gleich eine höhere Stückzahl Wände, „was dann schnell mal ein paar Tausend Franken Unterschied ausmachen kann“. Gerade jetzt in der Krise eine willkommene Ersparnis für die Betriebe, jedoch sei der Preis nicht das ausschlaggebende Kaufargument. „Unseren Kunden geht es vor allem um Umweltschutz.“

Inzwischen gibt es weitere Anbieter ökologischer Trennwände. „Wir haben andere offenbar inspirieren können“, freut sich Giger. Der Umsatz von RecycleWorks liegt nach einem halben Jahr auf dem Markt im unteren sechsstelligen Bereich. Größter Kunde ist die Schweizer Armee, gefolgt von einem Fast-Food-Konzern. Ansonsten kommen die Öko-Trennwände vor allem in Restaurants, Hotels und Büros zum Einsatz. Viele Kunden haben Extrawünsche. Sie wollen nicht einfach nur eine weiße Wand, sondern etwas Ausgefallenes, Trendiges oder Cooles. Kein Problem für die Schweizer Trennwandproduzenten: Sie erfüllen jeden Wunsch. So zeigen die Modelle im Hotel Kreuz in Bern auf der einen Seite die Stadtkarte von Bern, auf der anderen schöne Fotos der Stadt. Giger hofft darauf, dass bald neue Kundenkreise dazukommen. Schulen und Universitäten ließen noch auf sich warten. Geeignete Produkte wie die SchoolWall könnten sofort in die Produktion gehen.

 

Nachtrag:

Die Firma Röhm GmbH hat auf unsere Beiträge zu Trennwänden in der Gastronomie reagiert und unterstreicht, dass „Plexiglas“ ein Markenname ist, der also zu Unrecht im allgemeinen Sprachgebrauch zur Bezeichnung von Acrylglas benutzt wird. Außerdem unterstreicht die Firma, dass nicht alle Acrylglas-Abfälle in Asien, sondern zum Teil auch in Deutschland und Europa wiederaufbereitet werden.

Hier die Reaktion im Wortlaut:

„Mit unserer Marke PLEXIGLAS® sind wir einer der führenden Acrylglas-Hersteller weltweit. Die Marke ist markenrechtlich geschützt und wurde von unserem Firmengründer Otto Röhm entwickelt. In beiden Artikeln vermitteln Sie jedoch den Eindruck, dass PLEXIGLAS® mit allen Kunststoffen/Acrylgläsern gleichzusetzen sei – was nicht korrekt ist. Als Marke stellt PLEXIGLAS® nur eine Teilmenge aller weltweiten Acrylglasmengen dar.
Ihre Ausführung in Sachen Recycling in Asien entspricht nicht den Tatsachen: Recycling-Fachunternehmen in Deutschland und Europa nehmen Acrylglas sowie Reste anderer Kunststoffe aus dem Markt zurück und bereiten sie werkstoffgerecht auf. Wir als Röhm GmbH arbeiten mit einigen dieser Fachunternehmen zusammen.“

 

ERRATA: Die Preisangabe von 90 Euro ist eine Berichtigung des ursprünglich veröffentlichten Preises von 110 Euro (Preis in Franken umgerechnet).

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