„Die Luxemburgensia findet allmählich ihren Weg in die Klassenzimmer.“

Wird ausreichend luxemburgische Literatur in den Sekundarstufen behandelt? Wir haben uns mit Jérôme Jaminet, Literaturkritiker und Deutschlehrer am Lycée Michel Lucius, über diese und weitere Fragen unterhalten.

Foto: Jérôme Jaminet

woxx: Herr Jaminet, behandeln Sie mit Ihrer Klasse Texte von luxemburgischen Autor*innen?

Jérôme Jaminet: Ja, denn ich halte es für sehr wichtig, dass literarische Texte aus Luxemburg in unseren Schulen gelesen werden – wichtig für unsere Schüler, für unsere Schriftsteller, die heutigen und die zukünftigen, und deshalb auch wichtig für die Luxemburger Literatur.

Welche davon stehen im Schulprogramm?

Auf dem Lehrplan stehen Texte aus der Anthologie „Literaresch Welten“. Die behandele ich in meinem Unterricht.

Und darüber hinaus?

Am liebsten Kurzgeschichten und Erzählungen von jüngeren Schriftstellern und Schriftstellerinnen, zum Beispiel die von Nora Wagener, oder Texte von Finalisten des „Prix Laurence“ [ein Literaturwettbewerb für junge Autor*innen; Anm.d.R.] – da ich finde, dass sich die Schüler besser mit ihnen identifizieren können als mit den älteren, etablierteren Schriftstellern. Damit will ich aber nicht behaupten, dass diese unwichtig sind.

Werden an der Schule, an der Sie unterrichten, Aktivitäten zu luxemburgischer Literatur organisiert?

Ja, demnächst liest Guy Helminger bei uns, und Poetry Slammer waren auch bereits im i-Read Centre, unserer Schulbibliothek, zu Gast. Es gibt zudem verschiedene Projekte, wie unsere wöchentlichen Bookstagram- und Booktube-Beiträge, bei denen Schüler ein Buch, das sie weiterempfehlen möchten, in ein paar Sätzen präsentieren – das kann natürlich ein luxemburgisches sein.

Organisieren die Schüler*innen auch selbst Aktivitäten zu luxemburgischer Literatur?

Das würde ich mir wünschen, kommt aber noch recht selten vor. Ich denke, dass die Schuld nicht so sehr bei den Schülern liegt. Die Lehrkräfte müssten viel mehr auf die luxemburgische Literatur aufmerksam machen.

Tun sie das denn nicht zur Genüge?

Viele Lehrer denken, dass sowieso schon ausreichend Stoff im Schulprogramm steht und sie wollen deshalb vor allem die Weltliteratur abdecken, obwohl das Niveau der luxemburgischen Gegenwartsliteratur beachtlich ist.

Denken Sie, dass Interesse an luxemburgischer Literatur bei den Schüler*innen vorhanden ist?

Ich befürchte, dass viele Schüler, wenn sie an luxemburgische Literatur denken, Autoren vor sich sehen, die entweder schon lange nicht mehr schreiben oder tot sind. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Schulbücher überwiegend Texte von Schriftsteller-Fossilien enthalten. Deshalb ist es so wichtig, moderne Slam-Poeten und junge Nachwuchsautor*innen einzuladen.

Wie könnte man das Interesse wecken?

Man könnte, wie eine Kollegin von mir einmal anregte, einen „Escaperoom“ gestalten, in dem Schüler literarische Rätsel knacken müssen, um rauszukommen. So könnte man spielerisch das Interesse an der Nationalliteratur steigern.

Was meinen Sie: Werden heute mehr Texte von luxemburgischen Autor*innen in der Klasse behandelt als noch vor ein paar Jahren?

Es tut sich seit einigen Jahren ziemlich viel im luxemburgischen Literaturmilieu, worüber in Zeitungen oder im Radio berichtet wird. Viele Lehrer werden auf diese Weise auf die luxemburgische Literatur aufmerksam. Meiner Meinung nach tragen auch die „Dossiers pédagogiques“, die vom CNL [Centre nationale de littérature; Anm.d.R.] ausgearbeitet wurden, sehr viel dazu bei, dass die Luxemburgensia allmählich ihren Weg in die Klassenzimmer findet.

Was hat es damit auf sich?

Die „Dossiers pédagogiques“ enthalten Unterrichtsmodelle zu verschiedenen Texten aus dem Schulbuch „Literaresch Welten“, die das Lehrpersonal zur Verfügung gestellt bekommt. So wird den Lehrer*innen vieles erleichtert.

Wie könnte man die luxemburgische Literatur verstärkt in die Schulen einbringen?

Wir müssen dafür sorgen, dass der Sprachenunterricht enger mit der nationalen Literatur verknüpft wird, am besten in Kooperation mit der Szene. Es gibt Fortschritte, doch es bleibt noch viel zu tun, Auch sollten die verschiedenen Schulen öfter zusammenarbeiten und sich untereinander austauschen, zum Beispiel indem sie Ideen für Literaturveranstaltungen aneinander weitergeben.


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