Die schienenlose Supertram

Regelmäßig tauchen Ideen für neue Transportmittel auf, die dann zu der Wunderlösung erklärt werden. Neustes Beispiel ist eine „schienenlose Tram“ aus China, die auch in Luxemburg für Interesse sorgte.

Schienenlose Tram oder doch eher ein tramartiger Bus? Foto: CRRC

Ob Monorail, Hyperloop oder „Transit Elevated Bus“ – jede noch so absurde Idee im Bereich der Mobilität findet immer irgendwen, der*die begeistert verkündet, jetzt die Lösung für Transportprobleme gefunden zu haben. Der „Transit Elevated Bus“, der einfach über Autos hinwegfahren sollte, entpuppte sich als massiver Betrugsfall und Elon Musks Versprechen blieben bisher unerfüllt. Dennoch besteht kein Mangel an neuen Ideen für Probleme, deren Lösungen eigentlich schon lange bekannt sind.

So fragte zum Beispiel der CSV-Abgeordnete Laurent Mosar im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage an den Mobilitätsminister François Bausch (déi Gréng), ob das „Autonomous Rail Rapid Transit“ (ART)-System in Luxemburg eingesetzt werden könnte. Eine Antwort steht noch aus.

Das ART wurde 2017 vom chinesischen Eisenbahnbauer CRRC vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine elektrisch betriebene Straßenbahn, die ohne Schienen und Oberleitungen funktioniert. Normalerweise bezeichnet man Fahrzeuge mit vielen Sitzplätzen, die mit Gummireifen auf Asphaltstraßen fahren, als Busse. Das ART soll durch Fahrbahnmarkierungen, die der Hersteller als „virtuelle Schienen“ bezeichnet, seinen Weg finden. Wie autonom das Gefährt wirklich ist, ist nicht eindeutig: Es gibt zwei Kabinen für Fahrer*innen, außerdem viele Systeme, die eher auf eine unterstützende Teilautonomie hindeuten. Auf den Videos der Testfahrten ist auch immer eine Person am Lenkrad zu sehen.

2018 wurde die bisher einzige Teststrecke des ART im chinesischen Zhuzhou eingeweiht. Wieso jetzt, also Anfang 2019, wieder viele Videos mit der „neuen“ Erfindung durch soziale Netzwerke geistern, ist nicht ganz nachvollziehbar, denn die meistgesehenen Videos auf Facebook und Youtube stammen alle aus 2017 oder 2018. Auf dem Weg über Videos mit schicken 3D-Animationen und großartigen Versprechen ist vermutlich auch Mosar auf das ART aufmerksam geworden.

Was steckt hinter dem Hype?

Die ART-Teststrecke in Zhuzhou. (Foto: CRRC)

Wie bei allen Wunderlösungen im Mobilitätsbereich stellt sich auch hier die Frage, was hinter dem Hype steckt. Bisher gibt es wenig Details vom Hersteller CRRC: Je nach Zuglänge soll das ART 300 bis 500 Passagier*innen mitnehmen können, die Maximalgeschwindigkeit beträgt 70 km/h und die Batterieautonomie beträgt 25 Kilometer. Zum Vergleich: Die luxemburgische Tram kann bis zu 420 Passagier*innen aufnehmen.

Sollte ein ART wirklich effizient den öffentlichen Nahverkehr übernehmen, benötigte auch dieses System eine eigene Spur, die zudem um etwa einen halben Meter breiter sein müsste als jene für eine Straßenbahn. Der scheinbare technologische Fortschritt, den ART mit sich bringt, ist also eher ein Effekt guter Raum- und Straßenplanung.

Und was ist mit den „virtuellen Schienen“, die weniger Infrastrukturkosten mit sich bringen sollen? Solche optischen Leitsysteme existieren bereits seit 2001 in den französischen Städten Rouen und Nîmes sowie seit 2008 im spanischen Castellon – wirklich durchsetzen konnte sich die Technologie jedoch nicht. Vorteile gibt es vor allem dabei, Busse nahe an Bordsteinkanten heranfahren zu lassen, um beispielsweise einen barrierearmen Zugang zum Bus zu ermöglichen. Zudem ist zu beachten, dass bei Eisenbahnrädern auf Schienen der Rollwiderstand geringer ist als bei Autoreifen auf Asphalt, was für mehr Effizienz, aber auch eine ruhigere, vibrationsärmere Fahrt sorgt. Straßenbahntrassen können davon abgesehen begrünt werden, was bei Busspuren nicht der Fall ist.


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