Finanzkrise: Zinsen sind Gift

von | 08.06.2015

Es ist eine eigenwillige Analyse von Wachstumswahn, Krisen und Ungleichheit, die der deutsche Experte Steffen Henke nächste Woche im Finanzparadies Luxemburg vorstellen wird.

1322n Fliessgeld Freigeld1Was hilft gegen die Finanzkrise? Wachstum, dozieren neoliberale Wirtschaftsexperten, für das die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden muss. Falsch, sagen ihre keynesianischen Widersacher und wollen statt des Angebots die Nachfrage stärken, mit einem großen Ziel … Wachstum! Vor dem Hintergrund dieses befremdlichen Konsenses nimmt sich das, was der deutsche Experte Steffen Henke vorschlägt, revolutionär aus: Ein Finanzsystem ohne Wachstumszwang, in dem das Geld den Menschen dient, statt sie zu versklaven. Am 12. Juni wird er mittags in der Maison de l’Europe und abends in Beckerich seine Sicht der Dinge vorstellen (Details).

Zugegeben, Henkes Plaidoyers klingen manchmal etwas reißerisch. Zum Beispiel, wenn er die wirtschaftliche und soziale Krise beschreibt und dann verspricht: „… es gibt eine Lösung, von der kaum jemand weiß. Die ‚Neues Geld gemeinnützige GmbH‘ macht sie bekannt und klärt die Öffentlichkeit auf.“ Auch der Song vom fließenden Geld, der auf seiner Website zum Mitsingen einlädt, belegt nicht gerade die Wissenschaftlichkeit seines Ansatzes: „Die Lösung ist einfach, sie heißt fließendes Geld, erzähle sie weiter, wenn sie dir gefällt.“ Andererseits prangert er an, wie wir alle immer mehr arbeiten müssen und immer weniger dafür bekommen, wie die Staaten ihren Gläubigern ausgeliefert sind, wie weniger als zehn Prozent der Bevölkerung an den Zinsen verdienen. Der Realismus dieser Festellung hebt sich wohltuend ab von den blühenden Landschaften, die klassische Wirtschaftswissenschaftler dort erkennen, wo Neoliberalismus praktiziert wird – normale Menschen befürchten eher, dass ihnen dabei Arbeitslosigkeit und Verarmung blüht.

Pimp my theory!

Mit der Feststellung, die Finanzwirtschaft habe sich von der Realwirtschaft abgekoppelt, was zu Krisen wie der jetzigen führe, steht Henke nicht allein. Origineller ist da schon seine Kritik des exponentiellen Wachstums. Ein bemerkenswertes Video dokumentiert, wie kreativ er diese Analyse, die insbesondere in grünen Kreisen Anklang findet, in Szene setzen kann: 2012 führte er in Leipzig zusammen mit Tänzern, Turnern und Musikern eine Art politisches Gesamtkunstwerk auf. Bedenkt man, dass seine Ansichten mehr oder weniger auf die vor 100 Jahren verfassten, recht trockenen Schriften des umstrittenen Ökonomen Silvio Gesell zurückgehen, so kann man Henkes pädagogische Fähigkeiten nur bewundern.

Die Idee, dass man mit einem Negativzins das gehortete Geld zum Umlaufen zwingen und so alle Probleme lösen kann, wird auch von manchen Liberalen aufgegriffen. Allerdings ist Henke klar im fortschrittlichen Lager einzuordnen: gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen TTIP, gegen Krieg. Nach Jean-Claude Junckers Vorstoß in Sachen EU-Armee schrieb er sogar in seinem Blog: „Wenn ich mir jetzt noch vorstelle, dass seit dem 1.11.2014 dieser Mann (Juncker) Präsident der Europäischen Kommission ist, wird mir schlecht.“

Nicht alle Linken werden aber seine Sicht auf das Wesen des Geldes teilen. So scheint er zum Beispiel die Finanzwirtschaft vor allem als Ergebnis des Anhäufens von Gewinnen zu betrachten. Nicht anders als die Neoliberalen versetzt uns seine Geldtheorie zurück in die Zeit vor der kopernikanischen Revolution des John Maynard Keynes. Allerdings müssen sich Keynesianer die Frage nach der Vereinbarkeit ihrer Theorie mit den ökologischen Grenzen des Wachstums gefallen lassen. Nur wenige unter ihnen sind so weit, die Idee einer adäquaten Geldpolitik in einer schrumpfenden Ökonomie zu konzipieren – zu der dann wohl der Negativzins gehören würde, wie der Theoretiker Charles Eisenstein bei seinem Besuch in Luxemburg erläuterte. Dennoch bergen solche technischen Lösungen vor allem die Gefahr, die zentrale Rolle der Politik bei Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und der Ausrichtung der Wirtschaftsentwicklung auszublenden. Andererseits, in Zeiten wie diesen ist jede Anregung, den pseudo-wissenschaftlichen Mainstream zu hinterfragen, willkommen (siehe auch, zum bedingungslosen Grundeinkommen, „Geld gegen Krise“, woxx 1322).

 

www.neuesgeld.net

Video der Veranstaltung in der Maison de l’Europe

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