„Für die Schwestern, Sister & Sistas & Sistahs & Sistren“

Der britischen Autorin Bernardine Evaristo gelang mit ihrem Buch „Girl, Woman, Other“ der literarische Durchbruch: Sie gewann zusammen mit Margaret Atwood den Booker Prize 2019. Jetzt erschien die deutsche Übersetzung. Ist der Hype berechtigt?

Copyright: Klett-Cotta Verlag/Tropen

Bernardine Evaristo hat gefühlt eine der längsten Widmungen der Literaturgeschichte geschrieben. Mit ihrem Roman „Mädchen, Frau, etc“, 2021 in deutscher Übersetzung bei Tropen erschienen, richtet sie sich an Schwestern, Sister, Sistas, Sitahs, Sistren, Frauen, Women, Womxn, Wimmin, Womyn, Brüder, Brether, Bredrin, Brothers, Bruvs, Männer, Men, Mandem und LGBTIQ*-Personen „unserer Menschenfamilie. Wem das schon zu lang ist, sollte das Buch gar nicht erst weiterlesen. Evaristo erzählt nämlich nicht eine, sondern gleich zwölf Geschichten, verbunden durch eine Rahmenhandlung.

Die Erzählung beginnt und endet mit Amma, einer lesbischen, polyamourösen Theaterregisseurin. Nach einem zähen Karrierestart kommt der Anruf vom Londoner National Theater: Das renommierte Haus hat Interesse an ihrem Stück „Die letzte Amazone von Dahomeyund will, dass sie Regie führt. Rund um die Premiere spinnt Evaristo ein Netz aus Geschichten unterschiedlichster Figuren, die direkt oder entfernt etwas mit Amma zu tun haben.

Die Widmung verspricht nicht zu viel, denn Evaristos Charaktere sind vielseitig. Zwar handelt es sich bis auf eine nicht-binäre Person vorwiegend um Frauen, doch unterscheiden sich diese stark voneinander. Der Roman ist ein Paradebeispiel für Intersektionalität: Es geht um Klassenzugehörigkeit, ethnische Herkunft, Gender, Frausein, Alter und sexuelle Orientierungen. Viele der Figuren sind Schwarz, manche Migrant*innen oder gebürtige Britinnen. Zwei zentrale Motive, die als Bindeglied zwischen den Erzählungen wirken, sind Rassismus und Frauenfeindlichkeit.

Eine Frau wurde in jungen Jahren Opfer sexualisierter Gewalt, andere mussten Rassismus über sich ergehen lassen. Einer Figur wurde ihr Neugeborenes vom Familienpatriarch entrissen. Eine weitere Figur steckte jahrelang in einer toxischen und gewaltvollen Beziehung fest. Evaristo macht somit Menschen sichtbar, die zwischen Buchdeckeln und in der öffentlichen Debatte oft abwesend sind.

Was thematisch gehaltvoll und nach schwerer Kost klingt, beeindruckt stilistisch durch seine Leichtigkeit. Evaristo verzichtet in ihrem Buch fast komplett auf Punkte am Satzende. In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur, sagte sie dazu: „[A]uf diese Art und Weise konnte ich viele Elemente in die Figuren einführen, ihnen viele Aussagen geben, die dann dafür sorgen, dass es sich so anfühlt, als würde man es jeweils in der ersten Person lesen, als würden die Personen über sich selber sprechen – obwohl ich das Buch in der dritten Person geschrieben habe.“ Sie nennt den Stil „Fusion Fiction“, weil er ein Hybrid aus Lyrik und Prosa ist.

Das Spiel mit beiden Genres erlaubt Evaristo besonders tragische und wichtige Momente im Leben ihrer Protagonist*innen zu inszenieren. An manchen Stellen ist es empfehlenswert, sich Textpassagen laut vorzulesen, um die vielschichtigen Bedeutungen der Sätze zu begreifen. Die Verknüpfung der Schreibweisen erleichtert – wider Erwarten der Autorin dieser Zeilen – den Lesefluss. Evaristos Buch ist ein Page-Turner – nicht wegen der Spannung, sondern wegen des Stils.

Steht Evaristo demnach zurecht im Zentrum der britischen Literatur? Jein. Sie trifft mit dem Buch eindeutig den Nerv der Zeit und hat einen generationsübergreifenden, poetischen und ästhetischen Roman geschrieben. Dabei ist sie nicht auf den Zug aktueller Debatten um Rassismus, Sexismus und Gender aufgesprungen: Die Arbeiten an dem Roman begannen, so Evaristo im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, lange vor der Black Lives Matter- und der MeToo-Bewegung. Ohne die Wichtigkeit von Evaristos Stimme kleinzureden, scheint der Lobgesang auf die Autorin dennoch etwas überzogen.

Nach einigen Kapiteln verliert man die Übersicht: Wer ist nochmal mit wem und wie verbunden? Ein lästiges Gedächtnistraining. Nicht nur die vielen Charaktere sorgen für Verwirrung, sondern auch die Nebenschauplätze. Unter die bereits vielschichtigen Erzählstränge, mischt Evaristo auch noch eine Debatte über die Londoner Kulturszene, die zwischen Anhänger*innen des Establishments und freien Kunstschaffenden ausgetragen wird. Sie packt Andeutungen zu Brexit oben drauf sowie Auseinandersetzungen zwischen Feminist*innen und trans Aktivist*innen. Nichts davon führt sie in dem Maße aus als dass es schlüssig und nachvollziehbar wäre.

Im Vorbeigehen bestätigt sie mit einigen ihrer Figuren abgedroschene Klischees, was nicht so recht mit ihren grundsätzlich spannenden Charakterzeichnungen zusammenpassen will. Amma, die Künstlerin, zieht nach der Premiere ihres Stücks Koks auf der Toilette des Theaters – weil Künstler*innen doch alle auf Drogen sind, oder? Roland, ein schwuler Universitätsprofessor, ist in einer offenen Beziehung mit seinem Partner Kenny und auch Amma hat gleich mehrere Beziehungspersonen – weil Lesben und Schwule alle ein frivoles Sexleben haben? Bummi, die Leiterin einer Reinigungsfirma, findet selbstverständlich Erfüllung in einer heterosexuellen Beziehung nachdem sie eine Affäre mit einer Angestellten hatte, denn bisexuelle Frauen sind ja eh nur auf lesbische Experimente aus – richtig? Evaristo steuert zwar mit dem einen oder anderen Charakter gegen, doch der bittere Nachgeschmack bleibt.


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