Geschlechtergerechte Sprache:
 Heute schon gegendert?


Die wenigsten würden wohl von sich behaupten, beim Schreiben von Texten bewusst auf eine sexistische Sprache zurückzugreifen. Dabei ist, sich gendergerecht auszudrücken, keineswegs nur eine Frage des guten Willens.

(Bildquelle: Pixabay)

Einmal den Entschluss gefasst, bei seinem Sprachgebrauch künftig niemanden, schon gar nicht marginalisierte Geschlechtergruppen, auszugrenzen, gilt es sich erst einmal einen Überblick über entsprechende Möglichkeiten zu verschaffen. Doch schon bald kann sich ein Gefühl der Überforderung einstellen. „StudentInnen“, „Student_innen“, „Student*innen“ „Studierende“. Was ist da der Unterschied? Wofür sollte man sich am besten entscheiden? Wer hier nicht über gewisse Grundkenntnisse verfügt, mag verleitet sein, sogleich das Handtuch zu werfen.

Auf die Intention kommt es an

Unabhängig davon, welchen Ansatz man wählt – „geschlechterneutrale“, „gendergerechte“ oder „nicht-
sexistische Sprache“ – Umsetzungsmöglichkeiten gibt es zahlreiche. Zunächst kommt es auf die Intention an: Über wen schreibe ich: Männer, Frauen, beide zugleich, noch viele weitere? Sollen die einzelnen Geschlechtsidentitäten unsichtbar oder sichtbar gemacht werden?

Mit der ersten Variante ist keineswegs die Verwendung des generischen Maskulinums, das heißt die Benutzung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens, unabhängig vom Geschlecht der betreffenden Personen, gemeint. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn wir „Arzt“ oder „Erzieher“ sagen, um über die jeweiligen Berufsgruppen zu reden.

Mit genderneutraler Sprache – einer Sprache also, die auf kein spezifisches Geschlecht verweist – sind dagegen vielmehr Begriffe wie „Studierende“, „Ansprechperson“, „Geschäftsführung“ oder „Publikum“ gemeint. Ziel dabei ist eine bewusste Vermeidung des generischen Maskulinums, ohne dabei andere Geschlechtsidentitäten in den Vordergrund zu rücken. Einzelne stören sich an Wörtern wie etwa „Studierende“. Das Partizipativ impliziere, dass die betreffenden Personen gerade dabei seien, etwas zu tun. Demnach wird es zum Beispiel als inakzeptabel empfunden, jemanden als Lehrenden zu bezeichnen, der oder die nicht gerade dabei ist zu lehren. Dennoch stoßen geschlechterneutrale Formulierungen größtenteils auf Akzeptanz.

Auf das generische Femininum wird wiederum zurückgriffen, um den in Übermaßen benutzten männlichen Genus offensiv anzuprangern. Dabei wird konsequent auf die weibliche Form zurückgegriffen, auch wenn Männer mitgemeint sind. Die Grundordnung der Universität Leipzig ist beispielsweise auf diese Weise formuliert. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es beim Gendern nicht notwendigerweise um eine möglichst realistische Abbildung der Realität gehen muss: Manchmal steht vielmehr die Intention, bewusst gegen einen als solchen empfundenen Missstand anzuschreiben, im Fokus der Bemühungen.

Diese Schreibweise stellt eine recht radikale und deshalb wenig verwendete Methode dar, um dem marginalisierten weiblichen Geschlecht Sichtbarkeit zu verleihen. Breitere Verwendung finden da schon die Variante mit Binnen-I (ProfessorInnen). Eine Variante, die es ermöglicht, zwei Geschlechter mit nur einem Wort zu adressieren. Dies ist natürlich auch möglich, indem man Paarformen verwendet, zum Beispiel Professoren und Professorinnen: Auch bei dieser Formulierung werden die männliche und die weibliche Form gleichermaßen betont. Dagegen ist das Gendering mit Binnen-I oder Unterstrich ungewohnter, springt dadurch stärker ins Auge und sorgt potenziell für mehr Sichtbarkeit.

Ist das Gendern mit Binnen-I seit den 1980ern in Gebrauch, so führen heutzutage das Gendersternchen (Professor*innen) oder Endungen mit „x“ (Professx) zu weit hitzigeren Diskussionen. Auf Gegenwind stoßen diese Schreibweisen, obwohl, vielleicht aber auch gerade weil, ihr zentrales Anliegen darin besteht, die vorherrschende Geschlechterbinarität – also die Vorstellung, dass es nur Mann und Frau gibt – aufzubrechen. Hierbei wird zwar auch gegen die Männlichkeitszentrierung angeschrieben, dabei jedoch darauf geachtet, so inklusiv wie möglich zu sein.

An diesen Beispielen wird deutlich, inwiefern die Form, in der gendergerecht kommuniziert wird, von der jeweiligen Intention abhängt. Es gilt also nicht nur, abwägen zu können, welche Formulierung je nach Situation und Sachgehalt die angemessenste ist. Man muss auch über ein ausreichendes linguistisches Wissen verfügen, um die Intention in die Praxis umsetzen zu können.

Doch der Anspruch, eine möglichst diskriminationsfreie Sprache zu verwenden, stößt selbst bei so manchen feministischen Redakteur*innen auf Widerwillen. Dies besonders dann, wenn es um den sogenannten Lesefluss geht. Dabei konnte bisher noch keine Studie einen signifikanten Unterschied bezüglich Lesbarkeit und empfundener Textästhetik zwischen gegenderten und nicht-gegenderten Texten feststellen. In einer 2010 von den Kommunikationswissenschaftlern Christopher Blake und Christoph Klimmt publizierten Studie wurden Proband*innen dazu aufgefordert, einen Nachrichtentext zu lesen, der einmal im generischen Maskulinum, einmal mit Paarformen, einmal mit Binnen-I-Formen und einmal mit geschlechtsneutraler Schreibweise formuliert war. Die Versuchspersonen schätzten die Lesbarkeit und Textästhetik in den vier Fällen gleich ein. Nur was die Lesegeschwindigkeit anbelangt, gab es einen Unterschied: Der Text mit Binnen-I wurde etwas langsamer gelesen.

In der Debatte darüber wird zudem oft der Aspekt vernachlässigt, dass die Verwendung des generischen Maskulinums zwar nicht den Lesefluss, dafür aber das Textverständnis erschwert. Dies lässt sich allein schon mit der Verwirrung belegen die entsteht, wenn konsequent die weibliche Form benutzt wird: „Ist hier denn wirklich nur von Frauen die Rede?“.

Wozu das alles?

Wozu überhaupt der ganze Aufwand? Haben solche linguistischen Spitzfindigkeiten überhaupt noch etwas mit unserer Lebensrealität zu tun? Mehr als man zunächst annehmen könnte. So abgedroschen es auch klingen mag: Unser Sprachgebrauch ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Nicht zufällig zeigt sich die strukturelle Vormachtstellung von Männern auch in der Art und Weise, wie wir kommunizieren. Konkret zeigt sich das dann, wenn die männliche Form als Norm, alle anderen dagegen als Abweichung von dieser angesehen werden. Umgekehrt bietet der sprachliche Ausdruck Raum, um solche scheinbar festgefahrenen Muster aufzubrechen. Letzten Endes ist Sprache also nicht nur eine reine Formalität, sondern auch eine politische Angelegenheit.

Die in regelmäßigen Abständen aufflammende Debatte rund ums Gendering wirft aber auch die Frage auf, wie viel Veränderung wir bereit sind für eine gleichberechtigtere Gesellschaft in Kauf zu nehmen. Immerhin bedeutet ein Sternchen einen verhältnismäßig geringen Aufwand im Vergleich zu so manch anderer gesellschaftlicher Umstrukturierung. Die große Aufregung um ein kleines Sternchen scheint jedenfalls darauf hinzudeuten, dass etwas auf dem Spiel steht: der Status quo nämlich.

Unabhängig von alledem stellt sich die Frage, ob das Gendering überhaupt etwas nützt, wenn die jeweiligen Bedeutungen nur sehr wenigen Menschen bekannt sind. Den Lesefluss stören oder die Lesegeschwindigkeit verlangsamen, um unsere männlichkeitszentrierte Schreibweise in Frage zu stellen, ist eine Sache. Ohne eine darüber hinausgehende Wirkung zu erzielen, erscheinen diese Vorgehen dagegen recht sinnlos.

Sind die neuen Schreibweisen tatsächlich schwer zu verstehen, oder ist es vielmehr eine Frage der Gewohnheit? Immerhin lassen theoretische Ausführungen die Angelegenheit nicht selten wesentlich komplizierter klingen als sie es im Grunde ist. Um sich dies zu vergegenwärtigen reicht schon ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag zu geschlechtergerechter Sprache: „Gelegentlich werden zur Vermeidung des mehrdeutigen Geschlechtsbegriffes auch die Termini sexusgerechte oder gendergerechte Sprache verwendet“, steht da zu lesen, ohne dass weitere Erklärungen folgen. Hinter dem sperrigen Satz versteckt sich im Grunde eine recht simple Aussage. „Geschlecht“ ist in der Hinsicht ein derart „mehrdeutiger“ Begriff, dass unklar bleibt, ob hier von „Sex“ oder „Gender“, also dem sozialen oder dem biologischen Geschlecht die Rede ist. Diese Unterscheidung ist im Gegensatz dazu mit den Begriffen „sexus“ und „gender“ gegeben. Wird eine „sexusgerechte“ Sprache verwendet, wird darauf geachtet, dass Menschen aller Geschlechtsmerkmale, angesprochen werden. Unabhängig davon also, ob jemand einen Penis, eine Vagina oder beides zugleich hat, wie das beispielsweise bei trans*- oder Intersex-Personen der Fall sein kann. „Gendergerecht“ ist die Sprache dagegen, wenn alle gemeint sind, egal, mit welchem Geschlecht sie sich identifizieren oder nicht identifizieren: männlich, weiblich, trans*, genderqueer, genderneutral, genderfluid und so weiter. Soweit, so gut.

Aber wie macht man das jetzt genau? Gendergerechtigkeit gestaltet sich noch verhältnismäßig einfach und kann beispielsweise durch das Sternchen gewährleistet werden, da dieses als Platzhalter für alle möglichen Identitäten figuriert. Aber sexusgerechte Sprache? Hierzu kann beispielsweise auf die Formulierungen „Menschen mit Vagina“ oder „Menschen mit Penis“ zurückgegriffen werden, wenn ebenjene Gruppierungen gemeint sind.

Die Lösung des Problems kann jedenfalls nicht heißen, jegliches gendern zu unterlassen. Vielmehr kommt Verfasser*innen von Texten die Aufgabe zu, die Lesenden über den Grund ihres Rückgriffs auf Unterstrich, Sternchen und Konsorten aufzuklären. Ein gesamtgesellschaftliches Umdenken ist dagegen nur mit einem breit angelegten Ansatz möglich, der bereits in der Schule beginnen muss. Nur von Männern zu reden, ist eben mehr als nur eine harmlose Angewohnheit: es ist Ausdruck einer von Männern dominierten Gesellschaft.


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