Graphic Novel „Schweigen“: Verschwunden, aber sichtbar

von | 20.06.2025

In der Graphic Novel „Schweigen“ von Birgit Weyhe werden zwei Verschwundene, Opfer der letzten argentinischen Militärjunta, wieder sichtbar.

In ihrem Sachcomic beleuchtet Birgit Weyhe das Schicksal von Opfern der Militärdiktatur in Argentinien. (© Avant Verlag)

Schweigen steht für das Wegsehen, dafür, nicht zu protestieren. 1977 schwieg die damalige deutsche Bundesregierung zu den Verhaftungen, zu den Foltergefängnissen in Argentinien – anders als die französische Regierung. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Militär- elite am 24. März 1976 steigerte sich die Verfolgung Oppositioneller. Unter den bis zum Ende der Militärdiktatur am 10. Dezember 1983 mindestens 30.000 Verschwundenen waren auch etwa 100 mit westdeutschen Pässen. Die wohl bekannteste war die im März 1977 verhaftete Elisabeth Käsemann, Tochter des bekannten, 1971 emeritierten Theologieprofessors Ernst Käsemann, zuletzt lehrend in Tübingen. Die Eltern alarmierten die Medien, nachdem sie von der Verhaftung ihrer Tochter erfahren hatten. Sie appellierten an die Bundesregierung, sich für die Freilassung einzusetzen.

Ebenso vergessen ist die damalige Protestbewegung gegen die wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Kooperation der Bundesrepublik Deutschland mit der Militärjunta Argentiniens. Sie richtete sich gegen die sozialliberale Regierung Schmidt-Genscher, die konsequent alle Proteste und Appelle an sich abperlen ließ. Nach dem Militärputsch in Chile drei Jahre zuvor hatte die Bundesrepublik noch protestiert und sich für Verhaftete eingesetzt. 1973 war aber auch ein antifaschistischer ehemaliger Exilant Bundeskanzler – Willy Brandt, dem 1974 der ehemalige Wehrmachtsoffizier Helmut Schmidt nachfolgte. Und in Argentinien ging es nicht um Solidarität mit einem weggeputschten linken Präsidenten, wie bei Salvador Allende, sondern um eine außerparlamentarische, gewerkschaftliche, linke bis radikal linke Opposition.

In „Schweigen“ bezieht sich Birgit Weyhe hierauf, wenn sie ein Fahndungsplakat mit Mitgliedern der RAF zeichnerisch aufgreift: „Zusätzlich beeinflusste das Vorgehen der radikalen Linken in Deutschland die Bundesregierung ganz massiv. Es gab durchaus ein gewisses Verständnis für die argentinischen Militärs, die Ähnliches in ihrem Land gewaltsam bekämpften. So wurde Elisabeth Käsemann dem linken Spektrum zugerechnet und damit automatisch als Terroristin angesehen. Insofern war sie der deutschen Regierung kein Engagement wert.“ „Schweigen“ erzählt, wie Elisabeth Käsemann, die in Berlin Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) war, nach Argentinien kommt, wie sie sich nicht auf Bibelarbeit beschränken will, wie sie sich an einer Suppenküche in einem Elendsviertel beteiligt, an der Unterstützung armer Familien, wie sie Mitglied einer trotzkistischen Organisation wird. Klare Zeichnungen und kurze Texte laufen zusammen zu einer Erzählung, in die immer wieder als „Kontext“ bezeichnete Hintergrundkapitel eingeflochten sind. Dabei wird vieles aufgegriffen, was auch in der Solidaritätsarbeit eine Rolle gespielt hat. Nicht zufällig, denn Birgit Weyhe hat sich gründlich in das Thema eingelesen und gibt auf den letzten Seiten als Quellen vieles an, was an Veröffentlichungen aus der Lateinamerika-Solidarität entstanden ist.

Birgit Weyhe, Schweigen, Hardcover, 368 Seiten, 39 Euro, Avant Verlag.

Die zweite Verschwundene, um die es in „Schweigen“ geht, ist die 28-jährige Nora Marx, deren Mutter Ellen als 17-jährige deutsche Jüdin im Frühjahr 1939 nach Buenos Aires emigriert ist. Ellen konnte mit knapper Not den Nazis entkommen, die ihre gesamte Familie in der Shoah ermordeten. In „Schweigen“ begegnen wir einer Mutter, die sich vor einer Verhaftung ihrer Tochter Nora fürchtet. Denn Nora ist bei den Montoneros aktiv, einer linksperonistischen Untergrundbewegung, die auch bewaffnete Aktionen durchführt. In einem ausführlichen Dialog sprechen Mutter und Tochter über ihre Kritik am Personenkult um Perón und am Nationalismus der Montoneros. Ellen Marx bittet ihre Tochter: „Sei vorsichtig.“ Nach Noras Verhaftung ist die Mutter im Schockzustand – bis sie sich den Müttern der Plaza de Mayo anschließt. Diese Entwicklung zeichnet Birgit Weyhe sorgsam und sehr empathisch nach und ehrt so die couragierten Madres de Plaza de Mayo.

Dass wir „Schweigen“ lesen können, geht auf eine Anregung durch den argentinischen Sozialwissenschaftler Pablo Turmes zurück: Turmes war im Rahmen eines wissenschaftlichen Austausches in Deutschland – und erstaunt darüber, dass die deutschen Opfer der Militärdiktatur und das Engagement junger Deutscher in Argentinien dort nahezu unbekannt sind. Ebenso wie die deutsche Kooperation mit der Militärjunta verdrängt und vergessen ist. So fragte er Birgit Weyhe, ob sie nicht einen Comic über Elisabeth Käsemann machen wolle. „Ich habe mich dann eingelesen und hatte tatsächlich das Gefühl, dass dieser Geschichte noch einmal Gehör verschafft werden könnte“, so Birgit Weyhe. „Gleichzeitig bin ich bei meinen ersten Recherchen auf Jeanette Heufelders Biografie von Ellen Marx gestoßen. Das war für mich interessant und neu, dass es diese vielen Verbindungen zwischen Argentinien und Deutschland gab. Daher wollte ich früher ansetzen als bei der Junta und Elisabeth Käsemann, zumal sich deren Geschichten dann ja kreuzen.“

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