Hass in der LGBTIQA+-Szene: Vollrasur im Überlebenskampf

Am Wochenende klingt die Luxembourg Pride mit Straßenfest und „Equality March“ aus, doch nicht alle LGBTIQA+-Menschen fühlen sich in diesem vermeintlich sicheren Kreis wohl: Diskriminierungen sind auch dort allgegenwärtig. Einblicke in die düsteren Ecken der Szene.

Für manche Menschen auf dem LGBTIQA+-Spektrum ist das Aussehen mehr, als ein Look. (CC BY Zackary Drucker-NC-ND 4.0)

„Ich gehe nicht zur Pride, weil ich mich dort nicht wohlfühle: Ich werde von Lesben und von Schwulen komisch angeschaut“, sagt Robin. „Es gibt in Luxemburg auch keinen feministischen Kreis, in dem ich mich gut fühle, und auch in der linken Szene fühle ich mich unsicher, weil in diesen Reihen Personen mit fragwürdigen Ansichten sind.“ Robin ist inter und nicht binär. Inter(sex) steht für verschiedene körperliche, hormonelle oder genetische Abweichungen des binären Geschlechtssystems. Dass Robin darüber hinaus nicht binär ist bedeutet, dass Robin sich weder als Mann noch als Frau identifiziert. Wenn Robin am Samstag zum Abschluss der „Luxembourg Pride“ beim „Equality March“ nicht durch Eschs Straßen zieht, dann liegt das nicht zuletzt daran, wie große Teile der Szene auf Robins Körper reagieren.

Sandy Artuso, Philologin und Mitbegründerin des „Laboratoire d’études queer, sur le genre et les féminismes“ hält im Gespräch mit der woxx fest, dass in manchen LGBTIQA+-Kreisen besonders trans Personen Hass erfahren: „Trans Körpern wird dort ihre Legitimität abgesprochen und das ist problematisch. Es zirkuliert viel cis-normativer Blödsinn in den Communities, auch TERFS [Trans-Exclusionary Radical Feminist*innen] sind vertreten.“ Über Jahre hinweg sind zudem zahlreiche Studien und Artikel über Bodyshaming, also die Diskriminierung aufgrund von körperlichen Merkmalen, unter Männern, die Sex mit Männern haben, erschienen. Immer wieder ist von Rassismus, Ablehnung aufgrund der ethnischen Herkunft, der Körperfülle, der Behaarung oder des Alters die Rede. Dieser Hass richtet sich auch gegen trans, inter und nicht binäre Menschen, wie Robin unterstreicht. Der Umgang sei erfahrungsgemäß in der gesamten Szene rau, doch dort ganz besonders.

Ekel, Fetisch, Waschbrettbauch

Tim*, ein bisexueller cis-Mann („cis“ beschreibt eine Person, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt), kann das bestätigen: Er hat vor allem auf Datingportalen für Männer Hass erfahren. „Ein User hat gesehen, dass ich sein Profil besucht habe“, erinnert er sich im Austausch mit der woxx. „Er hat mir eine Nachricht geschrieben, von wegen ‘Du siehst so ekelhaft aus, du wirst nie im Leben Sex haben’ und mich blockiert. Das hat mich schockiert, obwohl ich zu der Zeit ein erfülltes Sexleben hatte, wenn ich ehrlich bin.“ Das habe er auf anderen Plattformen, die sich nicht ausschließlich an Männer richten, so noch nie erlebt. Tim bestätigt zudem, dass auf diesen Portalen klar und unverblümt kommuniziert wird, wie der potenzielle Partner auszusehen hat. Besonders verstörend findet er dabei die Angabe „heterolike“: „Wie stark muss die internalisierte Homofeindlichkeit dieser Menschen sein, um so etwas zu schreiben? Was will man damit ausdrücken: dass ein nicht heterosexueller Mann sich zu feminin gibt? Das spiegelt für mich klar ein heteronormatives Bild von Gender, nach der Männer dominant und hart zu sein haben.“

Gleichzeitig würden bestimmte Körper und ein gewisses Aussehen zum Fetisch: Tim nennt als Beispiel die „Twinks“ – junge Männer ohne Körperbehaarung – und die „Bears“, die stark behaarte und eher bullige Typen abgeben. Er selbst ordnet sich den Bears zu und wird als solcher von bestimmten älteren Männern auch angesprochen. Ist die Szene also ein Schlupfloch, in dem auch schwule Menschen ohne Waschbrettbauch ankommen? Jein. „Es gibt Party-Reihen, die sich besonders an Bears richten“, sagt Tim. „Auf den Plakaten sind aber fast immer durchtrainierte Typen mit Bart drauf. Mit denen kann ich mich nicht identifizieren.“ Tim erzählt, dass es in den meisten queeren Kreisen ein hohes Maß an Body Positivity gebe: Es werde ein wertfreier Umgang mit dem eigenen Körper gefördert. „Nur in der schwulen Szene habe ich das noch nicht beobachtet. Es wird selten unter Männern darüber gesprochen, dass es zum Beispiel in Ordnung ist, dick zu sein.“

Josephine Drews, Gründerin der Influencer*innenagentur „femgmt“ für Frauen und LGBTIQA+-Personen, erhält von schwulen Influencer*innen, die sie vertritt, ähnliche Rückmeldungen. Sie unterstreicht im Gespräch mit der woxx, dass es oft ein toxisches Verhalten auf Datingplattformen gebe, auch unter Heterosexuellen. „Männer befinden sich meist in der dominanten Rolle. In der queeren Community ist die Rollenverteilung fluider und die Normen werden aufgebrochen, auch wenn das natürlich nicht heißt, dass es sie nicht gibt“, sagt sie. Der Körperkult und das angesprochene Dominanzverhalten sind sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal der schwulen Szene. Nur erschwert beides dort Menschen, die einen vermeintlich sicheren Rückzugsort suchen, den sie in homofeindlichen Kreisen nicht haben, den Anschluss. Im Gegensatz dazu herrscht unter trans, inter und nicht-binären Personen mehr Akzeptanz, wie Robin der woxx gegenüber anmerkt. Dort spielt das Aussehen auf einer ganz anderen Ebene eine Rolle.

Von Rebellion bis zur Zugehörigkeit

Während das Aussehen für nicht binäre Personen ein Mittel zur Rebellion gegen cis-normative Stereotypen sein könnte, würden Klamotten inter Personen zum Verstecken ihres Körpers dienen, den die Gesellschaft als anders empfinde. Robin fordert die Darstellung des eigenen Körpers heraus: An manchen Tagen freut Robin sich ein Kleid zu tragen, an anderen ist es unmöglich das Haus zu verlassen, ohne sich die Brüste abzubinden. „Ein guter Look ist für mich der, der Menschen ins Zweifeln bringt, ob ich Frau oder Mann bin“, sagt Robin. „Manchmal ziehe ich ein bauchfreies Oberteil ohne BH und eine tiefhängende Hose an, damit man meine Bauchbehaarung sieht. Das kann auch befreiend und ermutigend sein. Wenn ich alleine unterwegs bin, tu ich das aber nicht. Es gibt Klamotten, die ich niemals im schulischen Kontext anziehen würde. Da herrscht eine merkwürdige Machtdynamik, durch die ich mich so gekleidet unsicher fühlen würde. Wenn ich mit anderen queeren Personen ausgehe, traue ich mich mehr.“ In Robins Idealwelt würde Robin sich anders anziehen als jetzt. In unserer Realität gehen jedoch das Wohlergehen und die Sicherheit vor: „Es bringt niemandem etwas, in dem queersten Outfit aller Zeiten herumzulaufen und dafür verprügelt zu werden.“

Tatsächlich steigt die generelle Gewalt gegen LGBTIQA+-Menschen, wie auch der Jahresbericht von ILGA-Europe Anfang 2022 offenbarte: Europaweit nahmen die Angriffe auf LGBTIQA+-Menschen zu, allein in Deutschland stiegen die Zahlen um 39 Prozent. ILGA-Europe bringt den Allgemeinzustand unter anderem mit der LGBTIQA+ -feindlichen Rhetorik verschiedener Lokalpolitiker*innen zusammen. Robin bringt umso mehr Verständnis für trans Personen auf, die sich den Kategorien Frau oder Mann zuordnen, und einem gewissen Aussehen nacheifern. Dabei gehe es ums Überleben in einer transfeindlichen Welt, um den Versuch, dazuzugehören, möglichst unauffällig zu sein und den Geschlechtsausdruck zu stärken.

Verschiedene Erscheinungsbilder bringen Robin trotzdem zum Nachdenken: „In der trans Community gibt es viele Menschen, die eine ungesunde oder normative Vorstellung davon haben, wie sie auszusehen haben. Wie viel davon ist auf internalisierten Hass zurückzuführen?“ Robin verweist auf trans Männer, die exzessiven Muskelaufbau betreiben, oder auf trans Frauen, die sich aalglatt rasieren. „Das kann toxisch für die Personen sein, die ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit anders empfinden, und zum Ausschluss führen.“ Robin nennt aber auch Gegenbeispiele: Manche trans Personen seien sich der Wirkung dieser Stereotypen bewusst und würden sich dagegen auflehnen, indem beispielsweise trans Frauen stolz ihre Körperbehaarung zeigen würden. Allgemein hat Robin das Gefühl, dass in queeren Kreisen der Druck herrscht, einem gewissen Stil zu entsprechen. Besonders feminine Lesben oder Schwule, die aussehen „wie der Bauer von nebenan“, würden oft als Bedrohung oder Betrüger*innen angesehen, weil sie in keine queeren Schubladen passen würden. „Das hängt auch damit zusammen, wie stark wir in dieser cis- und heteronormativen Gesellschaft sozialisiert werden“, schlussfolgert Robin.

In der Tat sind, beziehungsweise waren, auch unter Lesben Looks relevant, die sich in maskuline und feminine Erscheinungsbilder unterteilen lassen. Maskuline Lesben werden von manchen beispielsweise als „Butches“, feminine Lesben als „Femmes“ bezeichnet. Beide Begriffe sind auch in schwulen Kreisen geläufig und stehen – grob zusammengefasst – für vergleichbare Typen. Für Josephine Drews ist das, ähnlich wie für Robin, auf binäre Gedankenmuster zurückzuführen, die in die queere Community übertragen wurden. Die Bezeichnungen sind teilweise seit den 1920er- und 1930er-Jahren im Umlauf. Für Sandy Artuso ist unklar, welche Bedeutung sie heute noch haben. „Dienten sie früher eher der gesellschaftlichen Einordnung, werden sie heute mehr als Selbstbezeichnung und Identifikation auf Social Media genutzt“, vermutet sie.

Außer Frage steht für die Philologin, dass auch popkulturelle Produktionen, wie „The L Word: Wenn Frauen Frauen lieben“, lesbische Looks geprägt haben, auch wenn sie der Realität nur bedingt entsprachen: „Der Cast bestand zum größten Teil aus weißen, allgemeinen Normen nach schönen Frauen ohne Behinderung. Es gab wenig andere Körperbilder. Zwar gibt es in „The L Word: Generation Q“, der Neuauflage der Show, inzwischen mehr Diversität – es sind rassifizierte, trans sowie Menschen mit Behinderung dabei – , doch sie bedienen immer noch die Norm dessen, was die Allgemeinheit als schön bezeichnet. Damit können sich nur wenige Menschen identifizieren.“ Die erste Staffel von „The L Word“ erschien 2006 in den USA. Seitdem haben sich die popkulturelle sowie die queere Szene weiterentwickelt und verändert. Es gibt andere Formate, die LGBTIQA+-Menschen Sichtbarkeit verschaffen, wie beispielsweise soziale Medien, die Robin ebenfalls als Raum zur Selbstfindung begreift, in dem die unterschiedlichsten Looks zu sehen sind. Für Artuso schließt das aber nicht aus, dass eine queere Person, die sich heute outet, genauso Schwierigkeiten haben kann, sich in der Szene zurechtzufinden – es sei nur leichter, auf Alternativen zu stoßen. „Öffentliche Personen, Sportler*innen, Influencer*innen – sie alle bestimmen mit, was für Looks es gibt. Noch dazu bestehen Plattformen wie ‚Autostraddle‘, die weniger Mainstream sind“, sagt sie. Es gebe also sichere Orte für LGBTIQA+-Menschen, in denen sie ihre Identität unabhängig von vorgeschriebenen Looks entdecken könnten. Dass das nicht heißt, dass es dort weniger zu Anfeindungen kommt, dürfte nach den vorangehenden Zeilen jedoch klar sein.

*Name von der Redaktion geändert

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