Identität unterm Seziermesser: Alles für das Vaterland

Martin Caparrós nimmt in seinem historischen Kriminalroman „Väterland“ die nationalen Mythen Argentiniens aufs Korn. Ein unterhaltsames Buch und Geschichtsstunde zugleich.

Um seine Heimat zu ergründen, hat Martín Caparrós sie lange bereist. Mit „El Interior“ hat er dann eine kontemplative Chronik seiner Reise durch die nördlichen und westlichen Provinzen verfasst. Um die jüngere Vergangenheit seines Landes zu verstehen und zu erklären, hat er mehrere Bände über die revolutionären Bewegungen Argentiniens geschrieben. Er hat die Militärdiktatur thematisiert, das dunkelste Kapitel der Geschichte des Landes, ebenso die Frage nach dem Sinn politischer Militanz und von Utopien. Sein monumentalstes Werk ist das in 16 Sprachen übersetzte Buch „Hunger“ („El Hambre“), für das er fünf Jahre lang um den Globus reiste, um Ursachen und Strukturen des Hungers zu analysieren.

Caparrós gehört zu den renommiertesten Journalisten Argentiniens und der spanischsprachigen Welt. Geboren 1957 in Buenos Aires, hat er bereits als Sechzehnjähriger für die Zeitung „Noticias“ gearbeitet, die eng mit der linken Guerillabewegung „Montoneros“ in Verbindung stand. Als 1976 die Militärs putschten, floh Caparrós nach Europa. In Paris studierte er Geschichte; später lebte er in Madrid, bis er 1983 nach Argentinien zurückkehrte. Er arbeitete für mehrere Zeitungen und Magazine, Radio- und Fernsehsender und gründete selbst Zeitschriften mit. 1987 war er an der Entstehung von „página/12“ beteiligt, jener linken Zeitung, die häufig mit der französischen „Libération“ oder der deutschen „tageszeitung“ verglichen worden ist. Heute arbeitet Caparrós unter anderem als Kolumnist für „El País“ und die „New York Times“.

Damit ist es allerdings nicht getan für den heute 63-Jährigen. Er hat mehrere Romane veröffentlicht, drei davon wurden auf Deutsch übersetzt und kürzlich kam der vierte hinzu: „Todo por la patria“ – „Alles für das Vaterland.“ In der deutschen Übersetzung heißt das Buch seltsamerweise „Väterland“, wohl um unangenehme Assoziationen mit der jüngeren deutschen Geschichte zu vermeiden. Dabei ist der Originaltitel wesentlich glücklicher gewählt.

Doch wie kommt der Autor nun ausgerechnet dazu, einen historischen Kriminalroman zu schreiben? Um Caparrós Wahl des Genres zu verstehen, bedarf es einer kurzen Zusammenfassung der Handlung, die Anfang 1933 in Buenos Aires spielt: Der Ich-Erzähler Andrés Rivarola lebt in den Tag hinein. Nichts kann er wirklich gut, so erfährt man. Er lebt in einer schäbigen Pension. Und träumt davon, Tangodichter zu werden. Von Carlos Gardel, dem großen Star seiner Zeit, hält er nicht viel. Rivarola will einen echten, wahrhaften Tango schreiben, anders als die süßlichen Stücke im Stile Gardels. Einen Tango, der vom harten Brot des Lebens erzählt. Seine Freunde raten ihm, Journalist zu werden. Für Politik jedoch interessiert er sich nicht, weder für die argentinische noch für die große Weltpolitik. In Deutschland ergreifen da gerade die Nationalsozialisten die Macht, in Italien regieren längst die Faschisten. Und in Argentinien hat drei Jahre zuvor das Militär geputscht.

Caparrós’ Sprache ist klar und zugleich voller Ironie, die Dialoge sind brillant, von Carsten Regling glänzend ins Deutsche übertragen.

Rivarolas Gedanken jedoch gelten der schönen Raquel Gleizer. Die Nichte eines aus Moldawien eingewanderten Verlegers, eine Jüdin, die alle nur „die Russin“ nennen, interessiert sich allerdings nicht für ihn. Die rothaarige Schönheit trägt Herrenanzug und Krawatte und verkehrt in literarischen Kreisen. Zu Beginn des Romans erfährt Rivarola außerdem von dem Fußballspieler Bernabé Ferreyra, Stürmer bei River Plate, der dem Koks verfallen und verschwunden ist. Für Manuel Cuitiño, dem Klubchef und Rinderhändler, soll Rivarola den Torjäger finden. Das gelingt ihm auch. Ferreyra, den es übrigens tatsächlich gab (er lebte von 1909 bis 1972), ist zu seiner Mutter aufs Land geflüchtet. Die Geliebte des Stürmerstars wurde ermordet. Zunächst wird gar Ferreyra der Tat verdächtigt. Dann jedoch wird ein junger Revolutionär festgenommen, der mit dem Mord überhaupt nichts zu tun hat. Rivarola nimmt die Nachforschungen auf, zusammen mit Raquel Gleizer.

Die Krimihandlung erinnert an die Geschichten des „Film noir“. Vielmehr jedoch ist „Väterland“ das Bild einer Epoche der argentinischen Geschichte, die drastische Folgen für das südamerikanische Land haben sollte, die bis heute nachwirken. So ist der Krimi vor allem ein historischer Gesellschaftsroman. Buenos Aires wird als flirrende, pulsierende Metropole zwischen Hafen und Pampa, schnelllebigem Glanz und Moderne gezeigt, eine Stadt der Einwanderer und der Umbrüche, in der die Eliten aus Großgrundbesitzern und Militärs bereits dabei sind, Argentinien ein Grab zu schaufeln. Nicht zufällig ist Roberto Arlts berühmtes Buch „Die sieben Irren“ ungefähr zu der Zeit veröffentlicht worden, in der „Väterland“ spielt, genauer gesagt 1929. Der Klassiker stand für Caparrós‘ Werk Pate.

In Argentinien werden die 1930er-Jahre rückblickend als „la década infame“ bezeichnet, als das „berüchtigte Jahrzehnt“. Ein Militärputsch fegte 1930 den aus der Mittelschicht stammenden langjährigen Präsidenten Hipólito Yrigoyen aus dem Amt. Dessen Radikale Partei, die 1891 gegründete und damit älteste argentinische Partei „Unión Cívica Radical“, stand in Opposition zur traditionellen Landoligarchie. Der putschende General José Félix Uriburu behielt das demokratische System zwar formal bei. Seine Überzeugung lautete jedoch, dass Argentinien noch nicht reif sei für die Demokratie. Er und seine Clique herrschten mit Hilfe des „patriotischen Wahlbetrugs“, das heißt mit regelmäßigen Fälschungen.

Historiker beurteilten später die Regierungen dieses Jahrzehnts als illegitim und die Dekade selbst als Phase der konservativen Restauration. Während der internationale Handel in der Folge der Weltwirtschaftskrise zusammenbrach, sorgte der Aufbau der Industrie in Argentinien mehr und mehr für eine verstärkte ökonomische Unabhängigkeit des Landes.

Vor dem Hintergrund dieser politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ist die von Caparrós dargestellte Gesellschaft in der Metropole am Río de la Plata zu verstehen. Fußball und Tango, Rinderbarone und Dichter, Anarchisten und Rechtsextremisten, es gibt kaum ein argentinisches Klischee, das er nicht aufs Korn nimmt. Handlung und Figuren sind ironisch gezeichnet. Rivarola zum Beispiel heißt mit Vornamen eigentlich Andrea. Doch die italienische Version seines Vornamens klingt ihm in der lateinamerikanischen Machokultur zu verweichlicht. Also macht er Andrés daraus. Dennoch wird er von seinen Freunden „Pibe“ (Kleiner) gerufen. Andrés Rivarola ist das Gegenteil eines Helden. Auch die Nebenfiguren sind satirisch überzeichnet, so zum Beispiel der dicke Fleischfabrikant Cuitino, der, während er mit Rivarola spricht, riesige Portionen Bries verschlingt.

Mit Wonne seziert Caparrós Argentiniens Alltagsmythen. Seine Sprache ist klar und zugleich voller Ironie, die Dialoge sind brillant, von Carsten Regling glänzend ins Deutsche übertragen. Historische Recherche und Schreiben seien zeitgleich einhergegangen, erzählte der Autor in einem Interview mit der Tageszeitung „La Nación“.

Wer Argentinien ein wenig kennt, wird es in „Väterland“ mit jedem Umblättern wiedererkennen. So zum Beispiel, wenn Rivarola das berühmte Café Tortoni betritt, jene „andere Welt der vornehmen Bohème“, um sich dort mit einem Freund zu treffen. Oder wenn die Calle Florida beschrieben wird, wo das städtische Leben sich abspielt, „zwischen Milchkarren, Müll, Obst- und Gemüselieferanten, Obdachlosen, die der Regen aufgeweckt hat“.

Am Ende ist Rivarolas Tango bitter, so wie er es gewollt hat: „Armer reicher Junge, armer verwöhnter Bengel, wolltest der große Macker sein und hattest nicht das Zeug dazu.“ Der Hauptprotagonist hat sich auf einen Weg begeben, der ihn immer mehr ins Dickicht von Verstrickungen und Intrigen führt. Auf der Suche nach der Wahrheit, wird ihm allmählich bewusst: „Es gibt keine größere Nutte als die Wahrheit.“

Martín Caparrós: „Väterland“. Aus dem Spanischen übersetzt von Carsten Regling. Klaus Wagenbach Verlag 2020, 288 Seiten.

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